Afghanistan könnte 'Uni für Terrorismus' werden

Experten warnen

Afghanistan könnte 'Uni für Terrorismus' werden

Die Machtübernahme der Taliban könnte Auswirkungen für die ganze Region haben.

Noch sei es zu früh für ein Urteil, doch könnte Afghanistan nach der Machtübernahme durch die radikalislamitischen Taliban zur "Schule oder Universität für islamischen Extremismus und Terrorismus" werden. Diese Besorgnis äußerte am Samstag Ahmed al-Qasimi, Exekutivdirektor des auf Extremismusprävention spezialisierten Hedayah-Zentrum in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).

Es wäre "naiv" zu glauben, dass die Entwicklungen in Afghanistan keine Auswirkungen auf die nähere Nachbarschaft ("Tadschikistan, Kirgistan") und die gesamte umliegende Region haben würden, warnte Qasimi, der aber unterstrich, dass eine endgültige Bewertung noch mehr Zeit bedürfe.

Sicherer Hafen für Extremisten

Derzeit sehe es weniger danach aus, dass Afghanistan demnächst Terrorismus exportieren werde, meinte der Experte sinngemäß im Gespräch mit österreichischen Journalisten im Rahmen des Besuchs von Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) am Persischen Golf. Momentan gehe die Bewegung eher in die Gegenrichtung: Es könnte sein, dass Afghanistan sich als "sicherer Hafen" für Extremisten und Terroristen etablieren könnte.

Schallenberg bestätigte die Ansicht, dass sich seit dem 11. September vor 20 Jahren und den Terroranschlägen in New York und Washington (9/11) mit rund 3.000 Toten in der Golfregion "viel verändert" habe. Damals galten Saudi-Arabien und die VAE als Unterstützer des Terrors. "Wir sehen uns aber wieder einer Bedrohung gegenüber", sagte der ÖVP-Minister und verwies auch auf den Anschlag im "Herzen unserer Hauptstadt" vom 2. November des Vorjahres, als ein gebürtiger Mazedonier im Zentrum Wiens vier Menschen erschoss und infolge selbst getötet wurde.

Flüchtlingsfrage 

In einem Gespräch mit Schallenberg warnte Qasimi aber vor voreiligen Schlüssen in der Flüchtlingsfrage: "Nur weil du Migrant bist, bist du nicht sofort anfällig für Extremismus." Zumal jene Menschen, die derzeit Afghanistan verlassen wollten, eben auch vor religiösem Fundamentalismus auf der Flucht seien und sich die überwiegende Mehrheit der Muslime nicht mit radikalen Ideen oder Extremismus und Terrorismus identifizieren würden.

Eine besondere Gefahr sieht der Experte darin, dass sich der islamische Terrorismus in Zukunft vor allem nach Afrika verlegen und sich dort festsetzen könnte. Etwa in Gebieten der Sahara, die auch wegen mangelnder Telekommunikations- und Internetverbindungen schwer kontrollierbar seien. Generell sei es aber eher so, dass während der Corona-Pandemie die Radikalisierung auch im Internet vorangetrieben worden sei. Es müsse daher befürchtet werden, dass es in näherer Zukunft wieder vermehrt zu Anschlägen kommen werde.

Prinzipiell versuche sein auch von der EU unterstütztes Institut die psychologischen Faktoren jeglicher Radikalisierungsprozesses zu analysieren. So habe man etwa untersucht, wie die Indoktrinierung von Kindern früher in der irakischen Stadt Mosul durch die Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) vonstattengegangen sei. Es werde aber auch versucht, beispielsweise extremismusgefährdete Kinder wieder zurückzuholen. So seien diese an Schulen mit Terroropfern aus Syrien zusammengebracht worden, um sie mit den Folgen terroristischer Aktivitäten zu konfrontieren.

Integration

In Europa sei es wichtig, dass etwa auch Balkanländer mit muslimischer Bevölkerung (Bosnien, Albanien, Kosovo) integriert und sie nicht zu Außenseitern würden, analysierte Qasimi. Sonst hätten dort Proponenten islamistischer Ideen möglicherweise auch ein leichtes Spiel. Letztlich warnte der Experte aber auch davor, den rechtsextremen Terrorismus zu unterschätzen. Dieser habe seinen Peak sicher nicht erreicht und dürfe nicht unterschätzt werden, sagte er unter Verweis auf den Anschlag auf zwei Moscheen in der australischen Stadt Christchurch im März 2019.

Schallenberg traf am Samstag in Abu Dhabi unter anderen Industrieminister Sultan al-Jaber. Er wird bei seinem Besuch von Vertretern der österreichischen Wirtschaft begleitet. Zudem besuchte er eine Long-Covid-Station des Al-Reem-Krankenhauses von Abu Dhabi, die vom österreichischen Gesundheitsdienstleister VAMED eingerichtet worden ist. Am späten Nachmittag fliegt Schallenberg nach Saudi-Arabien weiter. Am Montag steht ein Besuch in Oman auf dem Programm.
 



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