Scharfe Kritik

ORF-Korrespondent schießt gegen Trump und Israel

Nahost-Experte und ORF-Korrespondent Karim El-Gawhary hat sich bei einem Vortrag am Mittwoch in Wien für ein Ende der von ihm als "brutal" bezeichneten israelischen Besatzung des Gazastreifens ausgesprochen.  

Den von US-Präsident Donald Trump geschaffenen "Friedensrat" kritisierte er als "kolonial". Weltweit herrsche aktuell "ganz deutlich das Recht des Stärkeren wieder vor", sagte El-Gawhary. Gerade im Nahen Osten sei die Lage "schon lange nicht mehr so instabil wie jetzt".

Als unmittelbare Nachbarn würden Europa und der Nahe Osten eine "Schicksalsgemeinschaft" bilden. Was im Nahen Osten geschehe, habe einen "unmittelbaren Einfluss" auf Europa - von Fragen der Energieversorgung bis hin zu Migration.

Notlage im Gazastreifen

Die Situation im Gazastreifen bezeichnete El-Gawhary als "katastrophal, gerade jetzt im Winter". Es herrsche ein "sogenannter Waffenstillstand, der kaum diesen Namen verdient", so El-Gawhary weiter. Seit der Ausrufung der Waffenruhe im Oktober 2025 seien über 600 Palästinenserinnen und Palästinenser, sowie drei israelische Soldaten getötet worden. Israel besetze weiterhin rund die Hälfte des Gazastreifens und blockiere Hilfslieferungen. Außerdem müssten 60 Millionen Tonnen an Schutt weggeschafft werden, "bevor man überhaupt an einen Wiederaufbau denken kann".

Mit Blick auf den von US-Präsident Donald Trump verkündeten "Friedensrat" äußerte sich El-Gawhary kritisch. "Was genau die Aufgaben dieses Friedensrats sein sollen, ist völlig unklar", sagte El-Gawhary. Das gelte auch für den ihm unterstellten Exekutivrat. Die Zusammensetzung von Friedens- und Exekutivrat - von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu bis hin zum früheren britischen Premierminister Tony Blair - habe etwas ziemlich kolonial Anmutendes, denn Palästinenser seien darin nicht vertreten.

Auch die Frage möglicher Stabilisierungstruppen sei ungeklärt. Arabische Länder würden ein klares Mandat für einen Truppeneinsatz fordern, da sie befürchteten, andernfalls als "verlängerter Arm der israelischen Besatzung" zu fungieren.

Für dauerhaften Frieden sei aus Sicht von El-Gawhary ein Ende der "israelischen brutalen Besatzung" nötig. Für einen solchen Frieden sei auch breite Unterstützung aus der israelischen Bevölkerung notwendig. Er verglich die aktuelle Situation im Gazastreifen mit jener von Algerien im Jahr 1962: Dort habe die französische Kolonialherrschaft erst geendet, als sich breiter Widerstand aus der französischen Bevölkerung formierte.

Zukunft des Journalismus in Gefahr

Der langjährige Journalist sieht die Zukunft des Journalismus angesichts des Kriegs im Gazastreifen massiv bedroht. "Ich mache diesen Job jetzt seit über 30 Jahren. Gaza war die erste Geschichte, in der ich als Journalist vollkommen ausgeschlossen wurde", sagte El-Gawhary. Der Ausschluss von Journalisten aus dem Gazastreifen sei eine "Katastrophe" und habe es der israelischen Regierung ermöglicht, Berichte über die Lage vor Ort - etwa von Hilfs- oder Menschenrechtsorganisationen - zu diskreditieren. "Was passiert beim nächsten Krieg, nachdem all diese Organisationen diskreditiert und diffamiert wurden?", fragte El-Gawhary.

Über den Konflikt zwischen Israel und der Hamas müssten Journalistinnen und Journalisten "genauso kritisch über alle Kriegsparteien" berichten wie in anderen Konflikten. Das "Messen mit zweierlei Maß" müsse ein Ende haben, so El-Gawhary. Deutschsprachigen Medien warf er eine Voreingenommenheit in der Berichterstattung vor: "Ich finde, dass es in der Berichterstattung in Deutschland und Österreich eine große Schlagseite gibt." Guter Journalismus müsse überall "den Mächtigen kritisch gegenüberstehen" - unabhängig davon, ob es um den Nahost-Konflikt oder den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine gehe.

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