Simonischek statt Brandauer

"Logik, dass die Rolle bei mir landete"

Große Premiere im Burgtheater: Seit Samstag, 24.9., ist Arthur Schnitzlers Klassiker „Das weite Land“ zu sehen. Im Vorfeld der Produktion gab‘s Aufregung, weil Klaus Maria Brandauer seine Rolle  zurücklegte. Statt ihm spielt nun Burg-Star Peter Simonischek den Fabrikanten Hofreiter, die zentrale Figur in Schnitzlers Seelendrama.

Was dürfen wir bei „Das weite Land“ erwarten? Einen klassischen Schnitzler oder einen Regietheater-Schnitzler?
Peter Simonischek: Wenn Sie so wollen, ist es ein Regietheater-Schnitzler. Viele in meiner Generation haben zwar eine gewachsene Allergie gegen das Regietheater, aber diese Produktion ist etwas Besonderes. Ich stehe voll dazu. Das Problem des Regietheaters ist es ja, dass es von Geistern strapaziert wird, die der Sache nicht gewachsen sind. Dekonstruktion in Ehren – aber der, der etwas dekonstruiert, muss es nachher auch wieder zusammensetzen. Dafür braucht man ein bissl Schmalz hinterm Pony – und eine Theaterpranke.

Woran spürt man die Pranke des Regisseurs Alvis Hermanis?
Simonischek: „Das weite Land“ spielt hier im Genre des Film noir. Natürlich handelt es sich hier um ein Wiener Stück, das wurde in keiner Weise absichtlich gesäubert. Bestimmte Motive und Gesellschaftsschichten, die bei Schnitzler etwa über das Militär definiert werden, sind bei uns jedoch anders definiert. Ein bisschen was wird geopfert, doch dafür wird auch etwas gewonnen. Alvis Hermanis ist der ideale Regisseur, um so ein Risiko zu wagen – gerade hier in Wien. Hermanis wollte sozusagen nicht die 30. Aufführung in der österreichischen Schnitzler-Tradition machen, sondern er wollte etwas Neues versuchen – als einer, der Schnitzler liebt und viel von ihm gelesen hat. Aber er ist eben kein Österreicher, der Schnitzler quasi mit der Muttermilch aufgesogen hat. Der Blick von außen kann sehr interessante Resultate bringen, wie man schon bei Stanley Kubrick und seinem Film „Eyes Wide Shut“ sah, der auf der „Traumnovelle“ basierte.

Ist Hermanis ein schwieriger Regisseur? Die Tatsache, dass Klaus Maria Brandauer die Hofreiter-Rolle zurücklegte, könnte darauf hindeuten.
Simonischek: Er ist überhaupt kein schwieriger Regisseur, ganz im Gegenteil. Ich habe selten in meiner Laufbahn mit einem so tollen Mann gearbeitet. Er ist ein ganz außergewöhnlicher Theatermann; einer, der noch neugierig ist. Er weiß, dass Besserwisserei am Theater in eine Sackgasse führt. Man muss immer bereit sein, auszuprobieren und zu riskieren. Das tut er. Er kann es sich zutrauen, dieses Stück als Film noir zu inszenieren; er ist ganz konsequent dabei, vergewaltigt aber keinen einzigen Schauspieler.

Stört es Sie ein wenig, dass Sie die Rolledes Fabrikanten Hofreiter erst bekamen, nachdem Klaus Maria Brandauer abgesagt hatte?
Simonischek: Es war halt nun mal so. Herr Brandauer war ja auf der Probe, und ich kann seine Bedenken gut verstehen – aber wir haben beide aus unseren Bedenken unterschiedliche Konsequenzen gezogen. Ich bin einer, der auf seine Fahne geschrieben hat, sich auf Vieles einzulassen. Wir Schauspieler sind zwar Künstler, aber wir sind nicht autark wie Maler oder Komponisten. Wir können, wenn wir Glück haben, nur gemeinsam ein Kunstwerk schaffen. Dabei kommt es darauf an, dass man Vertrauen entwickelt und sich gegenseitig öffnet. Ich bin dazu bereit, Brandauer war dazu nicht bereit, und deshalb hat es eine gewisse Logik, dass die Rolle bei mir landete.

Sie haben gesagt, dass Sie den Hofreiter schon immer spielen wollten. Was ist das besonders Reizvolle an dieser Figur?
Simonischek: Der Hofreiter ist einfach eine Bombenrolle, in der die Dimensionen des Lebens und der Emotionen kräftig vorkommen. Für mich ist Hofreiter ein sehr rigider Machtmensch, der sich die Leute rundum nach ihrer Nützlichkeit aussucht. Doch zugleich hat er eine ganz große Sehnsucht nach Liebe. Was für ein Konflikt! Einerseits hat Hofreiter eine unbestrittene Potenz – wie er mit den Frauen umgeht, wie er die Rivalen über den Haufen schießt, wie er seinen Vorteil sucht und überall Herr der Situation sein muss. Andererseits ist er ein verzweifelter, einsamer, sehnsuchtsvoller Mensch, der nicht einmal genau weiß, was er will. Es fehlt ihm jeder Zugang zum spirituellen Bereich.

Ist „Das weite Land“ das wichtigste Stück von Arthur Schnitzler?
Simonischek: So etwas ist immer ein Streit um des Kaisers Bart. „Das weite Land“ ist aber ein wirklich perfektes Theaterstück, spannend, tiefschürfend, tragisch und komisch zugleich. Obendrein ist das Stück ein unglaublicher Krimi – ein Aspekt, der in vielen gängigen Inszenierungen unter den Tisch fällt. Es gibt einige Tote, und auch ein paar sogenannte ungeklärte Unglücksfälle: Der Absturz von Bernhaupt, der Selbstmord von Korsakow…

Sie spielen mit Partnern wie Dörte Lyssewski, Corinna Kirchhoff, Michael König oder Kirsten Dene. Ich könnte mir vorstellen, dass so ein hochkarätiges Ensemble das kreative Potenzial noch weiter steigert.
Simonischek:  Ja. Das ist der große Segen am Burgtheater. Es gibt hier sehr viele wirklich hervorragende Schauspieler. Das Burgtheater ist ein Haus, in dem sich die Schauspieler nicht nur gegenseitig aushalten und dulden, sondern sich achten und respektieren und teilweise sogar bewundern. Man kann gar nicht hoch genug einschätzen, wie wichtig das für die Atmosphäre ist.

Autor: Gunther Baumann
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