Zwangs-Ehe: Mädchen (18) zeigt Papa an

Vater in U-Haft

© LVR/Stefan Arendt (Symbolbild)

Zwangs-Ehe: Mädchen (18) zeigt Papa an

Sie wollte diese Erniedrigungen nicht mehr ertragen und sah nur noch einen Ausweg. Am Dienstag nahm die 18-jährige Alota (Name von der Redaktion geändert) all ihren Mut zusammen und zeigte ihren eigenen Vater, Haxhi L. (50), bei der Polizei an. Der Grund: Der Kosovare wollte die hübsche Schülerin einer Schule in Leibnitz (ÖSTERREICH nennt den Namen aus Datenschutzgründen nicht) gegen ihren Willen mit einem albanischen Mann verheiraten – einem Mann, den das Mädchen nicht kennt, noch nie gesehen hat.

Alota, die einen österreichischen Freund hat, wehrte sich heftig gegen das Diktat. Haxhi L. bedrohte seine Tochter daraufhin mit dem Tod – seit Dienstag sitzt der Kosovare in der Haftanstalt Graz-Jakomini.

‚Wenn du ausziehst, suche ich dich und bringe dich um‘
Das Martyrium von Alota dauert bereits einige Monate. Fest steht, dass der Vater seine Tochter bereits am 8. Dezember des Vorjahres bedroht haben soll (es gilt die Unschuldsvermutung). „Wenn du jetzt ausziehst, suche ich dich und bringe dich um“, soll er laut Strafantrag zu dem Mädchen gesagt haben.

„In den zwei darauf folgenden Nächten sperrte der Mann die Tochter dann bei sich in der Leibnitzer Wohnung ein. Die Wohnungstür war verschlossen, sie konnte nicht entkommen“, sagt Hansjörg Bacher, Sprecher der Staatsanwaltschaft Graz.

Am 13. Jänner wurde der Strafantrag gegen den Kosovaren wegen Freiheitsentziehung eingebracht. Die Gerichtsverhandlung dazu ist für 1. März geplant – möglicherweise wird gleich ein weiteres Delikt verhandelt. Denn Anfang der Woche überschlugen sich die Ereignisse: „Am Dienstag eskalierte die Situation, und der Vater wollte seine Tochter zur Zwangsheirat bringen“, sagt Hansjörg Bacher.

Doch Alota gelang die Flucht. Wenig später wurde Haxhi L. in seiner Leibnitzer Wohnung verhaftet. Er ist nicht geständig.

In der Schule von Alota herrscht tiefe Betroffenheit
Alota hält sich jetzt einmal bei der Familie ihres Freundes versteckt. Mittwoch besuchte sie ganz normal die Schule. Die Klasse weiß Bescheid. „Alota hat sich am Montag an ihren Klassenvorstand gewandt. Ich wurde sofort informiert, dass sie Probleme zu Hause hat“, sagt Direktor Walter Pötsch. Er habe alle Lehrer in Kenntnis gesetzt, dass Nötigung und Drohung vorliegen. „Die Lehrer waren angehalten, ruhig zu agieren, falls der Vater in der Schule auftaucht. Wir tun alles, um ihr zu helfen.“
 

Schon über 300 Fälle in Österreich

Auch in Österreich werden immer mehr Frauen gegen ihren Willen verheiratet.

Mehr als 100 Frauen suchen in Österreich jedes Jahr Hilfe, weil sie von einer Zwangsheirat bedroht oder betroffen sind. Die Dunkelziffer liegt allerdings weit höher. Das Frauenministerium schätzt, dass etwa 300 Frauen von einer arrangierten Ehe betroffen sind.

Überraschend: Dabei handelt es sich keineswegs nur um muslimische Mädchen. „Die Zwangsheirat ist keine Frage von Religion, sondern von patriarchalischen Strukturen“, sagt Sevim Gedik von der Beratungsstelle Orient Express. Ihre Klientinnen kommen aus der Türkei, aus Afghanistan, Kroatien, Kosovo, Serbien, Bosnien, Russland, Tschetschenien oder sogar aus Japan.

„Die Mädchen stehen unter schwerem Druck“, so Gedik. „Sie wurden oft zu Hause eingesperrt und haben bereits psychische und oft auch physische Gewalt erlebt.“ Eigene Notunterkünfte gibt es für Betroffene in Österreich nicht. Zwangsheirat ist ein strafrechtliches Delikt und fällt unter „schwere Nötigung“. Strafrahmen: sechs Monate bis sechs Jahre Haft.

Autor: J. Prüller, J. Fruhmann, (knd)
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