Giftschlamm: Neuntes Todesopfer

Im Spital verstorben

© TZ Österreich/Christian Bruna

Giftschlamm: Neuntes Todesopfer

Die Umweltkatastrophe nach dem Austritt von Giftschlamm aus dem Aluminiumwerk MAL AG in Westungarn hat am Mittwoch ein neuntes Todesopfer gefordert - Ein Verletzter starb im Spital. Unterdessen erhoben die Mitarbeiter der betroffenen Firma schwere Anschuldigungen. Laut ihnen soll der Manager des Werks wochenlang von dem Leck gewusst und Angestellten bei offenen Gesprächen darüber mit Entlassung gedroht haben.

Im Spital verstorben

Ein älterer Bewohner aus der Ortschaft Kolontar hatte sich bei der Schlammüberflutung Verletzungen zugezogen an denen er Mittwoch früh im Spital starb, berichtete die ungarische Nachrichtenagentur MTI. Bei der Überflutung mit einer Million Kubikmeter giftigem Rotschlamm wurden 150 Personen verletzt, 45 davon befanden sich laut AFP am Mittwoch noch im Spital. Bei einem Patienten sei der Zustand nach wie vor kritisch.

Neue Vorwürfe
Die Hinweise auf Mängel bei MAL werden Tag für Tag mehr: Eine mehrere Monate alte Luftaufnahme von dem Giftschlamm-Becken in Ungarn zeigt laut der Agentur dapd, dass es vermutlich schon damals ein Leck gegeben hat. Mitarbeiter der Aluminiumfirma erklärten laut MTI in der Tageszeitung "Nepszabadsag", dass jenen, die offen über die Probleme mit dem Damm sprachen, die Entlassung angedroht worden sei. Der von der Polizei festgenommene MAL-Generaldirektor Zoltan Bakonyi soll seit Wochen von den Lecks gewusst und auch Maßnahmen dagegen unternommen haben.

Vorsichtige Entwarnung gab am Mittwoch vom Unglücksort im Komitat Veszprem selbst: Aus einem Becken wurde Wasser abgepumpt, um den Druck auf die Beckenwände zu minimieren und einen Dammbruch zu verhindern. Kommt es doch zum Bersten der Mauer, soll eine neue Giftwelle wegen der dickflüssigeren Zusammensetzung des Schlammes "nur wenige hundert Meter weit" kommen. An einer anderen Stelle gefundene Risse haben sich laut WWF nicht verändern, sie sind unverändert sieben Zentimeter groß. Neben dem bereits fertiggestellten Schutzwall würde das Becken mit weiteren Dammbauten abgesichert.

Eine Rückkehr der aus Kolontar evakuierten Bewohner sei frühestens am Freitag möglich. Die Bewohner des Katastrophengebiets werden dazu aufgefordert, wegen der hohen Staubkonzentration in der Luft Atemschutzmasken zu tragen. Das Leitungswasser in der betroffenen Region ist laut Regierung trinkbar.

38 chemische Elemente wurden nach Greenpeace-Angaben vom Dienstag im Schlamm gefunden. Bei Feinstaub lagen die Werte bei bis zu 300 Mikrogramm pro Kubikmeter. "Die Dauerbelastung ist noch nicht einschätzbar", meinte Bernd Schaudinnus von Greenpeace zur APA. "Der Staub hängt überall drinnen. Selbst wenn die Orte geputzt werden, Felder und Wiesen sind voll mit Schlamm." Die bisherigen Messergebnisse des Umweltbundesamtes in Illmitz im Burgenland zeigten keine Gefährdung für Österreich.

Im Zuge der Aufräumarbeiten dürften in Kolontar neun und in Devecser mehr als zehn Gebäude abgerissen werden müssen. Von rund 1.000 evakuierten Bewohnern befinden sich laut MTI noch 99 in temporären Unterbringungseinrichtungen der Gemeinde. In der MAL AG soll gemäß Berichten der Agentur am Donnerstag oder Freitag die Aluminium-Produktion wieder anlaufen. Die Behörden gaben nach eigenen Angaben am Mittwoch die Erlaubnis, das für die Produktion benötigte Kraftwerk hochzufahren. Andernfalls drohten große finanzielle Schäden. Die Fabrik soll wegen des Unglücks bis zu zwei Jahre unter staatlicher Kontrolle bleiben.
 

Katastrohpale Situation
"Vor Ort ist die Situation natürlich katastrophal", fasst der Österreicher Alarich Riss, Experte aus dem Umweltbundesamt, die Situation in dem durch Giftschlamm verseuchten westungarischen Gebiet zusammen.

Hoher Ph-Wert
Seit Montag ist Riss als Beauftragter Europäischen Union in der Region um Kolontar unterwegs. "Das Ziel von den Leuten hier sind die Aufräumarbeiten im kontaminierten Gebiet. Es scheint ganz gut zu funktionieren", meinte Riss am Mittwoch im Gespräch mit der heimischen Nachrichtenagentur APA. "Dass die Leute Atemschutzmasken tragen, ist zu empfehlen - nicht wegen der Toxizität des Staubes, sondern wegen des hohen Ph-Werts."

Je höher der Ph-Wert, desto alkalischer und ätzender die Wirkung auf die Schleimhäute. Draußen sollte man Schutzanzüge, Gummistiefel sowie Masken und Schutzbrillen tragen, um Staub von Augen und Schleimhäute fern zuhalten. "Auf der Haut spürt man das leicht Alkalische", meinte Riss. "Die Schwermetalle sind bisher ein sekundäres Problem." Eine baldige Rückkehr der evakuierten Bewohner von Kolontar kann sich der Experte theoretisch vorstellen: "Es sind eine Menge der Häuser nicht betroffen und es gibt Gebäude, die sind unbewohnbar", meinte er gegenüber der APA. "Bis zu zweieinhalb Meter hoch sieht man die Schlammmarken an den Hausmauern."

Dammbruch nach wie vor möglich
Im Detail beschäftigen sich die Experten an Ort und Stelle nach wie vor mit dem bruchgefährdeten Auffangbecken der Aluminiumfirma MAL AG. "Die Gefahr steht nach wie vor im Raum", betonte Riss. Viele Fragen - Wie stabil ist das teilweise ausgeronnene Becken? Wie kann man die gesamte Anlagetechnik sichern? Wie das weggebrochene Eck flicken? - könnten noch nicht beantwortet werden. Nach wie vor arbeite man an Dämmen, um die Ablage-Reservoirs abzusichern.

Laut Riss sind bei der MAL-Anlage insgesamt zehn Becken terrassenförmig hintereinander angeordnet. "Sie sind technisch in einem schlechten Zustand", so der Experte. Die Einsatzkräfte würden sich derzeit vor allem mit den Reservoirs Nummer zehn und neun beschäftigen, in denen sich unten Schlamm und darüber Wasser abgelagert habe. Ein Bruch genau an einer Ecke des 20 Meter hohen Beckens Nummer zehn habe am 4. Oktober zur Umweltkatastrophe geführt.

Die unten 40 Meter und oben 20 Meter breite Steilwand sei aus technisch noch ungeklärter Ursache weggebrochen, erklärte Riss. "Das Wasser hat den Schlamm mitgerissen. Das noch übriggebliebene Material hat die Konsistenz von Zahnpasta." Dies würde für weniger dramatische Folgen bei einem neuerlichen Austritt sorgen: "Das geht wesentlich langsamer und kontrollierter."

An einer Wand neben dem gar nicht so großen Leck befinden sich die Risse, die seit Tagen genau unter Beobachtung stehen. "Was man sieht, ist, dass es so eine leichte Leckage gibt, über die vielleicht schon seit längerer Zeit Material austritt", erklärte Riss. "Der Damm hat sich auch bewegt - im Zentimeterbereich- , im Moment scheint er ruhig zu sein." Die größte Sorge der Experten gelte dem Druck zwischen Becken neun und zehn. Um diesen zu vermindern und die Wand dazwischen zu stabilisieren, habe man aus Becken neun das oben gelagerte Wasser abgepumpt.

"Wir sind angefragt zur Unterstützung der Einschätzung der mittel- und langfristigen Auswirkungen auf Umwelt und Landwirtschaft", so Riss über die Aufgabe des fünfköpfigen EU-Teams, dem er angehört. "Ein langfristiges Monitoringprogramm wird notwendig sein und eine landwirtschaftliche Nutzungsändern." Bisher gebe es diesbezüglich allerdings nur Ideen, die Rede sei beispielsweise von Biomasseanbau für energetische Zwecke.

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