Kosmische Sensation

Haben wir erstmals ein echtes Stück vom Merkur auf der Erde?

Dunkle Meteoritenstücke liegen auf hellem Sand in der Sahara-Wüste unter klarem Himmel.
© Getty Images/iStockphoto (Symbolbild)
Zwei in der Sahara entdeckte Himmelskörper geben der internationalen Planetenforschung derzeit ein faszinierendes Rätsel auf. Wissenschafter vermuten, dass es sich dabei um die ersten jemals auf der Erde identifizierten Bruchstücke des sonnennächsten Planeten Merkur handeln könnte.
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Meteoriten sind für die moderne Wissenschaft unschätzbar wertvolle und zugleich kostenlose Boten aus den Tiefen des Weltalls. Sie liefern hochinteressantes Material von weit entfernten Himmelskörpern, die bisher von keiner einzigen Raumsonde im Rahmen einer Probenrückführung besucht werden konnten. Während in den weltweiten Sammlungen mittlerweile hunderte bestätigte Stücke vom Mond und vom roten Planeten Mars lagern, fehlt vom Merkur bis heute jede gesicherte Spur. Diese kosmischen Bruchstücke wurden einst durch gewaltige Asteroideneinschläge aus ihren Mutterkörpern herausgeschlagen und gingen nach einer Jahrmillionen andauernden Reise durch das Vakuum auf der Erde nieder.

Dass ausgerechnet vom Merkur bislang kein einziges Fragment zweifelsfrei identifiziert werden konnte, liegt an den unerbittlichen Gesetzen der Physik. Dynamische Modellrechnungen von Astrophysikern zeigen zwar, dass rein statistisch gesehen eigentlich rund zehn Merkur-Meteoriten auf der Erde existieren müssten. Doch Material, das vom sonnennächsten Planeten weggesprengt wird, steht vor einer extremen physikalischen Hürde: Es muss auf seinem Weg ins äußere Sonnensystem gegen die gewaltige Gravitationskraft der Sonne anlaufen. Dies macht eine Reise zur Erdbahn ungleich schwerer als für Trümmerteile, die vom Mond oder vom Mars stammen.

Verblüffende chemische Parallelen im Sand der Wüste

Vor diesem Hintergrund sorgen zwei außergewöhnliche Neufunde aus den heißen Wüsten Nordafrikas für helle Aufregung in der Fachwelt. Es handelt sich um zwei Steine, die im Jahr 2023 gefunden wurden und die wissenschaftlichen Bezeichnungen Northwest Africa 15915 und Ksar Ghilane 022 tragen. Beide Objekte sind sogenannte Achondrite. Das bedeutet, dass sie von einem Himmelskörper stammen, der in seiner Frühzeit groß genug war, um eine geologische Schmelzung durchzumachen und sich in Kruste, Mantel und Kern aufzuteilen. Die mineralogische Analyse der Steine offenbarte eine verblüffende Besonderheit: Ihre Silikate sind nahezu vollkommen eisenfrei.

Zudem besteht der Meteorit Ksar Ghilane 022 zu mehr als 90 Prozent aus einem sehr seltenen, kalziumarmen Pyroxen. Hinzu kommt der Nachweis von extrem exotischen Sulfiden wie dem Mineral Oldhamit. Diese chemische Zusammensetzung beweist, dass die Steine in einer extrem sauerstoffarmen Umgebung entstanden sein müssen. Genau eine solche chemisch reduzierte Umgebung leiten Planetenforscher aus den historischen Daten der NASA-Sonde MESSENGER für die Oberfläche des Merkur ab. Der renommierte Meteoritenforscher Ben Rider-Stokes von der britischen Open University, der die im Juni 2025 im Fachjournal Icarus erschienene Studie leitete, spricht von einer aufregenden Überraschung für die gesamte Astronomie.

Die spektakulärsten Fakten der Sahara-Funde im Überblick

Die Entdeckung der beiden potenziellen Merkur-Bruchstücke liefert der Wissenschaft wichtige Anhaltspunkte, wirft jedoch zeitgleich signifikante Fragen auf. Die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der aktuellen Analysen im Überblick:

  • Die verdächtigen Fundstücke: Die im Jahr 2023 in Marokko und Tunesien entdeckten Meteoriten Northwest Africa 15915 und Ksar Ghilane 022 weisen identische chemische Signaturen auf und stammen höchstwahrscheinlich vom selben Himmelskörper.
  • Die Merkur-Analogie: Die nahezu eisenfreien Silikate und das Vorhandensein des seltenen Minerals Oldhamit deuten auf eine extrem sauerstoffarme Entstehungsgeschichte hin, die exakt zu den Messdaten der Merkur-Oberfläche passt.
  • Das ungelöste Altersproblem: Die Steine kristallisierten vor rund 4,53 Milliarden Jahren und sind damit rund 500 Millionen Jahre älter als die heute sichtbare Oberfläche des Merkur, was einen gewaltigen Widerspruch darstellt.
  • Die Plagioklas-Abweichung: Während die Merkurkruste laut Fernerkundungsdaten zu über 37 Prozent aus dem Mineral Plagioklas bestehen sollte, weisen die beiden Sahara-Funde davon lediglich minimale Spuren auf.

Raumsonden-Mission soll bald Klarheit bringen

Trotz der chemischen Übereinstimmungen bleiben somit gewichtige Zweifel an der Merkur-Theorie bestehen. Auch die Zusammensetzung der Sauerstoffisotope deutet eher auf eine Verwandtschaft mit der seltenen Meteoritengruppe der Aubrite hin, deren tatsächlicher Ursprungskörper im Sonnensystem bis heute völlig unbekannt ist. Rider-Stokes betont jedoch, dass die Altersschätzungen der Merkur-Oberfläche auf theoretischen Kraterzählungen beruhen und diese durchaus fehlerhaft sein können. Eine endgültige Antwort könnte schon bald aus dem Weltall kommen.

Gegen Ende des Jahres 2026 soll die europäisch-japanische Raumsonde BepiColombo nach einer jahrelangen Reise in eine Umlaufbahn um den Merkur einschwenken. Ausgerüstet mit modernsten wissenschaftlichen Instrumenten wird die Sonde die chemische und mineralogische Zusammensetzung der Oberfläche mit einer noch nie dagewesenen Präzision vermessen. Diese neuen Daten werden es den Forschern ermöglichen, die beiden Wüstenfunde direkt mit der echten Merkurkruste zu vergleichen. Sollte sich die Sensation bestätigen, besäße die Menschheit erstmals ein greifbares Stück des sonnennächsten Planeten.

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