Alpen-Chaos
Stundenlanges Warten - für Selfie in den Bergen
Drei Zinnen, Seceda oder der Langkofel – was einst Ziele für Wanderer und Bergfreunde waren, wird heute teilweise innerhalb weniger Wochen zum Social-Media-Hotspot. Ein virales Foto reicht, und plötzlich wollen Tausende denselben Ausblick, dieselbe Hütte oder dasselbe Motiv festhalten.
Besonders deutlich wurde das bereits an der Seceda in Südtirol. Nachdem ein Werbefoto eines IT-Konzerns im Internet für enorme Aufmerksamkeit gesorgt hatte, strömten zahlreiche Besucher zu der Almwiese. Der Grundbesitzer reagierte ungewöhnlich: Wer das berühmte Panorama fotografieren wollte, musste durch ein Drehkreuz und dafür bezahlen. Für die Einheimischen wurde der Ansturm zunehmend zum Ärgernis – vor allem wegen Lärm und Verkehrsbelastung.
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Riesenkrapfen lockt Hunderte an
In diesem Sommer sorgt ein anderer Ort für Schlagzeilen. Eine Berghütte am Langkofel wurde durch Bilder von riesigen Krapfen bekannt. Auf Instagram und TikTok verbreiteten sich Fotos von den Süßspeisen auf einem langen Tisch rasant.
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Die Folge: Seit Wochen stehen teilweise Hunderte Menschen Schlange, um selbst das inzwischen berühmte Motiv fotografieren zu können. Der Krapfen ist dabei fast wichtiger als die Berglandschaft geworden. Viele Besucher kommen nur für das Foto, essen etwas und fahren anschließend wieder zurück.
Genau darin sehen lokale Medien ein wachsendes Problem. Denn die neuen Besuchergruppen bleiben häufig nur kurz und bringen der Region entsprechend wenig Umsatz. Das Ziel ist weniger die Wanderung oder das Naturerlebnis als der digitale Beweis: Ich war hier.
Sonnenuntergang führt zum Verkehrschaos
Wie schnell aus einem Internettrend ein Massenphänomen werden kann, zeigte sich zuletzt auch am Passo Giau bei Cortina d'Ampezzo. Der spektakuläre Blick auf die Dolomiten und die Marmolata machte den Pass zum beliebten Ziel für Sonnenuntergangs-Fotografen.
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Als dort ein besonderes Himmelsereignis erwartet wurde, eskalierte die Situation. Hunderte Autos drängten gleichzeitig auf den Pass. Weil die Parkplätze nicht ausreichten, wurden Fahrzeuge entlang der schmalen Straße abgestellt. Schließlich kam es zu einem regelrechten Verkehrsinfarkt.
Drei Zinnen nur noch mit Reservierung
An besonders bekannten Dolomiten-Zielen versucht man deshalb längst, die Besucherströme zu lenken. Rund um die Drei Zinnen gelten inzwischen strenge Regeln. Die Zufahrt zur Auronzohütte, dem Ausgangspunkt der berühmten Drei-Zinnen-Runde, ist nicht mehr jederzeit möglich. Wer mit dem Auto, Camper oder Motorrad hinauf möchte, benötigt einen vorab reservierten Zeitraum.
In der Hauptsaison sind diese Zeitfenster schnell ausgebucht. Auch die Shuttlebusse stoßen an ihre Grenzen. Rund um Ferragosto bildeten sich lange Warteschlangen, teilweise mussten Besucher mehrere Stunden auf eine Fahrt warten.
Auch am Pragser Wildsee wurde die individuelle Zufahrt in der Hauptsaison eingeschränkt. Eine rechtzeitige Online-Buchung ist notwendig. Andere Regionen setzen dagegen stärker auf günstige Shuttleangebote, um Besucher zum Umstieg vom eigenen Auto auf öffentliche Verkehrsmittel zu bewegen.
"Druck auf die lokale Bevölkerung verringern"
Südtirol setzt damit auf Besucherlenkung statt auf einen grundsätzlichen Rückgang der Touristenzahlen. Tourismuslandesrat Luis Walcher erklärt das Prinzip mit dem Ziel, "den Druck auf die lokale Bevölkerung zu verringern" und "den Verkehr in den Dolomitentälern gezielt zu steuern".
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Denn auf die Gäste und ihre Ausgaben verzichten möchte die Tourismuswirtschaft nicht. Gleichzeitig wächst aber der Unmut jener Menschen, die das ganze Jahr in den betroffenen Tälern leben.
Das Problem ist dabei nicht allein die schiere Zahl der Besucher. Die sozialen Medien können einen einzelnen Ort innerhalb kürzester Zeit weltweit bekannt machen. Aus einer ruhigen Berghütte wird ein Pflichtmotiv, aus einem Panorama ein Selfie-Hintergrund und aus einem wenig bekannten Pass ein überfüllter Parkplatz.
Die Dolomiten stehen damit vor einem schwierigen Spagat: Sie wollen ihre spektakuläre Natur weiterhin vermarkten – ohne dass genau diese Werbung die Bergwelt und das Leben der Einheimischen unter ihrem eigenen Erfolg begräbt.
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