Australien führte im Dezember 2025 ein Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren ein, eigene Konten auf Plattformen wie Tiktok, Instagram oder Snapchat zu besitzen. Das Gesetz gilt als eines der weltweit strengsten seiner Art und wird auch in Europa aufmerksam verfolgt.
Eine Studie von Christopher Roth vom Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik und Filip Milojević von der University of Chicago belegt nun erneut das Scheitern der Maßnahme. Wie das internationale Forschungsteam in einem aktuellen Working Paper zeigt, halten sich sechs Monate nach Inkrafttreten nur noch sechs Prozent der 14- bis 15-Jährigen an das Verbot. Im April waren es noch 27 Prozent, und eine im Juni veröffentlichte Studie kam noch auf 15 Prozent.
Die Befragungen von rund 970 australischen Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren im März und April 2026 sowie 792 Jugendlichen im Juni 2026 (unter Einbezug von 423 Wiederholungsbefragten und 93 Befragten in beiden Wellen) zeigen diesen Einbruch. Unter den 14- bis 15-Jährigen stieg der Anteil jener, die in der vergangenen Woche mindestens eine verbotene Plattform genutzt hatten, im selben Zeitraum von 64 auf 92 Prozent. "Sechs Monate nach Inkrafttreten zeigt sich, dass das Gesetz noch nicht ausreichend Wirkung erzielt", sagt Roth in einer Presseaussendung der Max-Planck-Gesellschaft. "Die Nutzung ist sogar gestiegen."
Auch interessant
Einfache Wege zur Umgehung
Der Grund liegt auch in der einfachen Umgehung der Altersgrenze. Neben der Angabe falscher Geburtsdaten verwenden Jugendliche VPN-Verbindungen außerhalb Australiens oder nutzen Konten von Geschwistern und Eltern. Drei von vier Befragten halten das Umgehen für einfach oder sehr einfach, während bei 60 Prozent der 14- bis 15-Jährigen bislang überhaupt kein Konto gelöscht wurde. Bei 22 Prozent der Weiternutzer halfen Eltern, ältere Geschwister oder andere Erwachsene beim Wiedereinrichten nach einer Deaktivierung. Solange Plattformen Umgehungen zulassen, bleibt das Gesetz nach Ansicht der Forschenden leicht auszuhebeln.
Gruppendruck und soziale Faktoren
Noch wichtiger als technische Hürden sind jedoch soziale Faktoren. "Die Coolen bleiben", fasst Roth die Ergebnisse zusammen. Dahinter steckt das Phänomen der Fear of Missing Out (Fomo). Die Forschenden wollten wissen, wann Jugendliche selbst zu einem Ausstieg bereit wären. Im Durchschnitt antworteten sie: Erst wenn eine Aussteiger-Quote von etwa zwei Dritteln (im Mittel 66 Prozent) im Freundeskreis erreicht wird. In der Juni-Befragung gab die Hälfte der Jugendlichen an, nach einem vorübergehenden Ausstieg zurückgekehrt zu sein, da das Umfeld weitermachte. 63 Prozent berichteten von einer gestiegenen Nutzung im Freundeskreis gegenüber dem Vormonat.
Die Jugendlichen schätzten realistisch ein, wie viele Gleichaltrige sich an das Verbot hielten. Wer sich daran hält, gewinnt jedoch kaum Ansehen: Nur vier Prozent glauben, dass Aussteiger beliebter sind, während fast die Hälfte sie für weniger beliebt hält. Zudem verfügen Weiternutzer im Durchschnitt über rund 366 Instagram-Follower, Aussteiger dagegen nur über etwa 200. Als Vergleich verweist Roth auf das Rauchen, bei dem erst ein Kulturwandel das Nichtrauchen zur Norm machte.
Lehren für geplante Gesetze
Die Ergebnisse sind relevant, da auch Frankreich mit einem Alterslimit von 15 Jahren nachzog. Nach Ansicht der Forschenden braucht wirksamer Jugendschutz technisch sichere Alterskontrollen, an Schuljahrgängen orientierte Grenzen, Aufklärung, Vorbilder und attraktive Freizeitangebote außerhalb der digitalen Welt. Zudem setzen fast drei Viertel der Befragten lieber auf Apps zur Nutzungszeitbegrenzung als auf ein Verbot. Für Roth steht fest: "Wer die Mediennutzung Jugendlicher verändern will, muss die Jugendlichen selbst überzeugen – und die Tonangebenden in ihren Freundesgruppen."
OE24 TV Live-Stream
OE24 TV Live-Stream
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden