Andritz - "Kraftwerksbau könnte einige Zeit ruhen"

Im Bereich "Hydro" (Wasserkraftwerke), auf den bei Andritz im Vorjahr mit 1,84 Mrd. Euro mehr als 35 Prozent des Gesamtumsatzes entfielen, sieht Unternehmenschef Wolfgang Leitner weiter eine gute Projekt-Aktivität, obwohl der Weltmarkt hier im Vorjahr schrumpfte.

Sorgen bereitet ihm, dass durch die Verwerfungen am europäischen Strommarkt infolge des Ökostrom-Booms Pumpspeicherwerke in Deutschland und Österreich in Frage gestellt seien, "weil dort die ganze Kalkulation derzeit nicht stimmt".

"Der Kraftwerksbau in Deutschland könnte einige Zeit ruhen", fürchtet der Andritz-CEO. Ändern könne sich das erst, wenn es beim Strom wieder einen glaubhaften Rahmen gebe. Gut läuft dagegen das Geschäft mit Kleinwasserkraftwerken und auch Modernisierungen bestehender Anlagen.

Der Auftragspolster im Segment "Hydro" blieb 2012 mit 3,84 Mrd. Euro unverändert hoch (+4,7 Prozent), obwohl mit 2,01 Mrd. um 4,2 Prozent weniger neue Order hereinkamen. Allerdings war 2011 allein ein 330-Mio.-Euro-Großauftrag für Belo Monte enthalten gewesen.

Zur Kritik von Grünen, Umweltgruppen und anderen NGO's an der Beteiligung von Andritz an Staudamm-Projekten weltweit sagte Leitner, sein Konzern könne und wolle bei derartigen Großvorhaben, wenn sie sich im Rahmen der lokalen Gesetze bewegten, nicht der Schiedsrichter sein. Wie zu Ilisu in der Türkei würden auch zu Belo Monte in Brasilien die Aufträge weiterlaufen. In Brasilien gebe es eben einen Gegensatz zwischen dem Staat, der das Land entwickeln wolle, und einem "Missionar", der nichts ändern wolle, spielte der Andritz-CEO auf den aus Österreich stammenden Bischof Erwin Kräutler an. Das seien "zwei Welten", "zwei Sichtweisen" - "der Konflikt muss ausgetragen werden". Grün-Mandatare hatten beim Bilanzpressegespräch am Freitag vor dem Haus gegen diese Andritz-Aktivitäten demonstriert. Greenpeace, WWF und Global 2000 meldeten sich in Aussendungen und übten dabei auch Kritik an einem dritten Großprojekt, dem Xayaburi-Damm in Laos.

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Im "Pulp & Paper"-Segment von Andritz wuchs der Umsatz im Vorjahr - dank eines guten Marktumfelds und zweier Zellstoffanlagen-Großaufträge 2011 - um 21 Prozent auf 2,28 Mrd. Euro. Der Auftragspolster ging um ein Zehntel auf 2,02 Mrd. Euro zurück, da es mit 1,96 Mrd. Euro um 27 Prozent weniger Neuaufträge gab. Wie im Gesamtkonzern drückten hier besonders die neuen Großaufträge von 2011 die Margen. Die Nachfrage nach Ertüchtigungen und Erweiterungen von Zellstoffanlagen sei gut, auch für Biomasse- und Rückgewinnungskessel gebe es eine gute Investitionsaktivität.

Im Geschäftsfeld "Separation" sei das Marktumfeld für Ausrüstungen für kommunale Fest-Flüssig-Trennung unverändert positiv. Da vor allem die Nahrungsmittelindustrie gut nachfrage, könne Andritz sein Risikoprofil verbessern, sagte Leitner. Auch in diesem Segment mit 468 Mio. Euro Umsatz (+11,5 Prozent) sei die Marge etwas gesunken, "das ist nicht zufriedenstellend für uns".

"Metals" bewegt sich in einem weiterhin sehr schwierigen Umfeld wegen Überkapazitäten in der Stahl- bzw. Edelstahlproduktion und dadurch begrenzten Investitionen der Kunden. "Der reine Stahlbereich ist schwierig und wird schwierig bleiben", so Leitner. Umgesetzt wurden in dem Segment im Vorjahr 404,7 Mio. Euro (+8,6 Prozent).

Für "Feed & Biofuel" mit 185,2 Mio. Euro Umsatz (+27 Prozent) verwies Leitner auf eine stabile Entwicklung und ein zufriedenstellendes Marktumfeld. Bei Investitionen für Biomasse- und Holzpelletierungsanlagen gebe es weltweit eine zufriedenstelle Investitionstätigkeit. Bei Tierfutter, Fisch- und Haustierfutter sei die Projektaktivität solide - mit Schwerpunkt in Mittel- und Südamerika, Asien und Osteuropa.

Damit Andritz-Chef Leitner mit seiner Beteiligung am Unternehmen nicht die ein Übernahmeangebot auslösende 30-Prozent-Schwelle überschreitet, hat der CEO bereits vor fast neun Jahren - im August 2004 - einen Teil seiner Aktien verliehen. Das hat Leitner aufgrund neuer diesbezüglicher Bestimmungen, die seit heuer gelten, am Freitag bekanntgegeben.

Konkret hat die zu Leitners "Custos Privatstiftung" gehörende Certus Beteiligungs-GmbH seit August 2004 mit der Deutschen Bank als Darlehensnehmerin ein Wertpapierdarlehen über 2,4 Mio. Andritz-Aktien abgeschlossen. Das Darlehen läuft bis 18. August 2014, die 2,4 Mio. Aktien entsprechen 2,308 Prozent des Andritz-Grundkapitals. Die Certus hält laut Ad-hoc-Aussendung von Freitag 29,549.544 Aktien oder 28,413 Prozent.

"Im Falle der Beendigung des Wertpapierdarlehens würde Certus über 31.949.544 Stück Aktien (= 30,721%) verfügen, falls die Darlehensnehmerin nicht von der Option auf Barausgleich Gebrauch macht. Die Cerberus Vermögensverwaltung GmbH hält unverändert 800.000 Stück Andritz-Aktien (0,769% am gesamten Grundkapital)", hieß es wörtlich in der Aussendung.

Die 28,413 plus 0,769 entsprechen den 29,182 Prozent, die am Freitag im Pressegespräch als aktuelle Beteiligung Leitners an der Andritz AG genannt wurden.