Dollar-Pessimismus nach "annus horribilis"

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Unter Analysten und Bankökonomen macht sich weiter Dollar-Pessimismus breit. Nur wenige sehen den Dollar Mitte 2010 etwas fester als heute.

Die Parität zwischen Dollar und Euro steht in keiner der Prognosen von neun Banken bei der diesjährigen Zins- und Währungsprognose von Alpbach, auch nicht am unteren Ende von Extrembandbreiten. Im Gegenteil: Einzelne Institute - wie Innovest - setzen im Stress-Szenario bis zu 1,80 Dollar für den Euro an.

Für Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, steht und fällt alles damit, ob und wie rasch die Amerikaner aus ihren Schulden wieder herauswachsen können. Gelingt das nicht, so geht es für den Greenback weiter bergab. Dann schließen Pessimisten ein Verhältnis 2:1 nicht aus. RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek gehört aber nicht dazu. Hinter vorgehaltener Hand meinten Banker in Alpbach, "dass die Amerikaner den Dollar gerade dort haben, wo sie ihn jetzt brauchen." Für Helmenstein ein "gefährliches" Argument.

Die Zins- und Währungsprognose per 31.12. 2009 und 30.6.2010 wurde heuer von den Instituten UniCredit, BAWAG, Hypo Tirol, Innovest, RLB NÖ-Wien, RZB, Fortis, Investkredit und Erste Group erstellt. Es ist die erste gemeinsame Prognose nach dem "annus horribilis" (Helmenstein), das hinter der Weltwirtschaft liegt.

Als Referenzkurs galten 1,4694 Dollar für den Euro am 8. Oktober 2009. Dass die neun Institute bis Mitte 2010 den Wechselkurs im Mittel bei 1,4547 und damit nur "seitwärts" gehen sehen, liegt an Extremen an den Rändern: Im Basisszenario erwarten die Großen wie UniCredit, Erste Bank sowie RZB und RLB den Kurs bei 1,55. Dafür sehen in den nächsten acht Monaten BAWAG (1,25), Hypo Tirol (1,35) oder Fortis (1,37) den Euro schwächer - abhängig davon, ob die Europäer ihre Exitstrategien bezüglich der großen Konjunkturprogramme rechtzeitig durchziehen. Im Extremszenario, das dazu skeptisch ist, werden Wechselkurse von 1,10 bis 1,35 nicht ausgeschlossen.

Uta Pock von der Investkredit (die den Euro-Dollar Mitte 2010 bei 1,47 erwartet) hielt fest, "unsere Prognose ist nicht optimistisch für den Dollar, sondern pessimistischer für den Euro". Inflationsgefahr sieht sie wie die meisten anderen Banker im Basisszenario in der Eurozone wenig. Sie bescheinigt den Amerikanern größere Fortschritte beim Verdauen der Verluste aus der Finanzkrise. Und in Europa würde die hohe Staatsverschuldung wohl bald wieder zu Sparpaketen führen.

Fortis-Experte Melchior Schönborn-Buchheim glaubt, dass der Euro "mittelfristig" zum Dollar doch wieder an Boden verlieren wird. Zur US-Währung sei der Euro heute überbewertet. Das US-Defizit sei mit mehr als 9 Prozent gravierend hoch. Doch auch andere hätten ihre Probleme. Die Eurozone kehre nicht so bald wieder zu Wachstum zurück. "Die Amerikaner fallen zwar schnell auf die Nase, sind aber auch schnell wieder auf den Beinen."

"Wechselkurs wird von Exitstrategien bestimmt"

Dass die USA jetzt nach der Rezession zügiger wachsen werden als Europa, ist für den Dollar-Pessimisten Rainer Singer (Erste Bank) nicht das Entscheidende. "Der Wechselkurs wird weiter bestimmt sein von den Exitstrategien", er sieht zudem demografische und soziale Lasten auf dem Dollar.

Die Hoffnung der Mehrzahl: Dass der Rückzug aus den krisenbedingten Geld-Überschwemmungen parallel zwischen den großen Blöcken stattfindet. Übrigens kamen Erste und RZB zu absolut identischen Dollarprognosen (1,55), aber von vollkommen unterschiedlichen Ausgangspunkten. Während die RZB pessimistischer ist über das Potenzialwachstum im Euroraum, ist die Erste diebezüglich skeptischer für das Wachstum in den USA.

Ziemlich einig waren sich die Experten, dass "das nächste Jahr schon abgehakt" ist. Die Prognosen für die Zukunft sind zum Teil gegenläufig - auch was die ersten Zinsschritte der Notenbanken nach der Krise betrifft. Michael Rottmann (UniCredit) erwartet wie alle leicht steigende Zinsen, bei der US-Notenbank nächstes Jahr, bei der EZB gegebenenfalls erst 2011. Andere Banker sehen die EZB schon im zweiten Halbjahr 2010 am Zug. RZB-Experte Brezinschek prognostiziert, dass die EZB früher als andere mit ihren Geldpressen wieder auf Normalbetrieb zurückkehrt.

Grund zum Optimismus sieht vorerst niemand. Helmenstein nannte den "kleinsten gemeinsamen Nenner", die "neue Normalität", deprimierend, da mit extremer Arbeitslosigkeit verbunden. Hypo-Tirol-Experte Florian Weihs ist für Europa überzeugt, "dass wir uns bis auf weiteres höhere Zinsen einfach nicht leisten können". Da säßen Unternehmen, Staat und Banken im gleichen Boot. In den Köpfen älterer Menschen sitze die Angst vor Hyperinflation. Die müsse ebenfalls besänftigt werden.

"Gold heute nicht teurer als unter Babyloniern"

Krisenwährungen wie der Schweizer Franken oder der Yen sind unterdessen unter Druck von Spekulanten (Carry Tradern), die Schweizer Notenbank wird die Frankenpflege fortsetzen, um einer Entwertung entgegenzuwirken, meinten die Experten in Alpbach. Gold als "Krisenwährung" - die zum schwachbrüstigen Dollar zuletzt fast jeden Tag neue Höhen erreichte - handelte RZB-Chefanalyst Peter Brezinschek anekdotisch ab.

Zu Zeiten des babylonischen Königs Nebukadnezar II. habe man für eine Feinunze Gold 350 Laib Brot bekommen, weiß der RZB-Experte. Wenn heute eine Feinunze umgerechnet 730 Euro koste und ein Laib Brot 2,10 Euro, "dann bekommen wir für eine Feinunze genau so viel wie zur Zeit von Nebukadnezar", aktuell nämlich 348 Brotwecken. "Sie haben den perfekten Inflationsschutz über Jahrtausende mit Gold. Mehr aber nicht", kommentierte Brezinschek trocken in Richtung Spekulanten.

Er zählt zu den Veteranen der Alpbach-Prognosen. In diesen Expertenschätzungen sind heuer wieder zum Teil extreme Volatilitäten - etwa bei den Zinsen - enthalten. Der RZB-Mann riet den anwesenden Unternehmern und Finanzleuten nach dem Konvolut an Zahlen, nicht zu sehr auf punktgenaue Veränderungsraten zu setzen: "Wenn stichtagsbezogene Zahlen Stories erzählen, werden die möglicherweise in die Irre führen."

Für die Rohstoffpreise im Mix sind die Alpbacher Auguren mehrheitlich auf Anstieg eingestimmt. Der "energielastige Commodity-Index" soll von heute 4.135 bis Mitte 2010 auf 4.592 steigen - mit Stresswerten zwischen 3.308 bis 5.709 je nach Prognose-Institut. Die RZB hat sich als einzige der Einschätzung für diesen Wert verweigert, weil "wir mit diesem Index nichts anfangen können". Brezinschek bestätigte aber die Aufwärtsrichtung "aufgrund einer Angebotsverknappung und nicht wegen Nachfragesteigerungen".

"IKB stellt schon wieder Strukturierer ein"

Erstmals haben die Ökonomen und Analysten der Banken für die Alpbacher Zins- und Währungsprognosen auch über ihre "ganz eigenen Krisenszenarien im Hinterkopf" berichtet. Für Michael Rottmann (UniCredit) ist es das Restrisiko, "dass mir die Inflation um die Ohren fliegt. Dann kostet das Kohle." Oder dass Europa wie Japan doch jahrelang knapp über Nullwachstum dahindümpelt. Andere machten ihrem Ärger Luft, dass sich große Konkurrenten im Ausland nur kurz geschüttelt hätten und schon weitermachten wie vorher.

"Mein Worst Case: Dass Banken nichts gelernt haben aus der Krise", meinte Tim Geißler von der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien. Er fürchtet, dass man damit schon wieder auf die nächste Krise zusteuern könnte und berichtete von einem Bankentreffen in Deutschland: "Vor einem Jahr, gleich nach Lehman, war dort der große Suizid angesagt. Jetzt vor ein paar Tagen Freude pur, 'welche Krise?' Eine IKB, die das Ganze ja mitausgelöst hat, stellt schon wieder zehn Strukturierer ein." Deutsche-Bank-Chef Ackermann werde seine Renditeversprechen ebenfalls nicht im Kundengeschäft verdienen, vermutet Geißler. Auch würden schon wieder Top-Boni versprochen.

Industrie-Chefökonom Christian Helmenstein bezweifelt, dass die nächste Krise von den selben Finanzinnovationen kommt. "Die nächste Bubble kam immer von woanders." In Alpbach wurden zudem Forderungen bekräftigt, dass Eigenkapital nicht mehr durch fadenscheinige Verbriefungen geschont werden dürfe. Das müsse verboten werden. Florian Weihs von der Hypo Tirol sähe eine "unkoordiniert handelnde EZB" als gefährlich. Wenn die EZB auf die Bremse zu steigen beginne, könne es wieder losgehen. Da könnte der Geldmarkt wieder stark zu schwanken beginnen.

Die Sorge vor der Gier wiederum ist für den Vertreter der BAWAG eher angebracht als Angst vor Entwicklungen im Konjunkturzyklus. Jetzt sei man im beginnenden Aufschwung. Stefan Rossmanith (BAWAG PSK) befürchtet, "dass die Gier wieder zurück kommt. Die ist stärker als jede Art von Regulierung von den Behörden." Gier sei auslösender Faktor jeder Krise gewesen. Johann Maurer (Innovest) gab zu bedenken, dass die Staaten das Finanzsystem herausgekauft hätten. Um den Preis eines massiven Schuldenaufbaus. "Wenn der Spagat zwischen Wachstum und Rückführung jetzt nicht gelingt, gehen wir in die nächste Etappe. Dann muss jeder für sich entscheiden, wie er seine Schäfchen ins Trockene führt."

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