EZB-Ausstiegsstrategie nimmt Konturen an

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat nach dem jüngsten Zinsentscheid erstaunlich klare Hinweise darauf gegeben, wie er bei anhaltender Konjunkturerholung die Politik des billigen Geldes beenden will. Hier eine Übersicht über die wichtigsten von der EZB gegen die Krise ergriffenen Maßnahmen und ihrer Strategie für den Ausstieg:

JAHRESTENDER: Überraschend deutlich hat Trichet erklärt, dass nach der dritten derartigen Operation im Dezember im kommenden Jahr keine weiteren Jahrestender zu erwarten sind. Er werde nichts sagen, was der entsprechende Einschätzung an den Finanzmärkten zuwider laufe, erklärte der Zentralbank-Chef vielsagend. Im Klartext bedeutet dies nach Ansicht von Analysten, dass die Banken sich noch ein Mal, Mitte Dezember, bei der Notenbank für ein Jahr mit Liquidität vollsaugen können. Dann ist Schluss.

Bei den ersten beiden Refinanzierungsgeschäften mit einem vollen Jahr Laufzeit hatten sich die Geldhäuser in der Euro-Zone kräftig bedient. Satte 442 Mrd. Euro buchte die EZB im Juni auf die Konten der Geschäftsbanken, zum redkordniedrigen Preis (Zins) von nur einem Prozent. Doch bereits beim zweiten Jahrestender im September fragten die Banken nur noch gut ein Sechstel dieser Summe nach.

Experten werteten dies als Zeichen für eine langsame Rückkehr des Vertrauens an den Märkten nach der Krise. Wenn die EZB 2010 keine über ein Jahr laufenden Geschäfte mehr anbietet, erhält sie nach einem Jahr, also spätestens im Dezember 2010, die ausgegebene Liquidität wieder zurück. Nach Reuters-Berechnungen machen alleine die bei den ersten Tendern im Juni und September abgerufenen Gelder drei Viertel der Überschussliquidität im Finanzsystem der Euro-Zone aus, die die EZB wieder abschöpfen muss, will sie künftig keinen Inflationsschub riskieren.

WEITERE ZUSATZTENDER: Neben dem Jahrestender hat die EZB im Kampf gegen die Krise noch weitere Refinanzierungsoperationen mit unterschiedlichen Laufzeiten aufgelegt. Während vor der Krise für die Banken der Gang zur EZB-Tränke einmal wöchentlich und alle drei Monate möglich war, gibt es derzeit auch einmal im Monat und alle sechs Monate die Möglichkeit, sich frisches Geld zu besorgen.

Noch hat Trichet keine Andeutungen gemacht, wann genau diese zusätzlichen Geschäfte wegfallen könnten. Es wäre jedoch nur logisch, wenn nach den Jahrestender sukzessive auch die weiteren Krisenmaßnahmen zurückgenommen würden. Experten gehen davon aus, dass dies im Laufe des kommenden Jahres geschehen wird. Details will Trichet wahrscheinlich im Dezember nennen. Es ist denkbar, dass die Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach nicht mehr angeboten werden oder aber die von den Banken nachgefragte Menge Geld nicht mehr voll zugeteilt wird.

LEITZINS: Ihren Leitzins wird die EZB wohl noch lange nicht antasten. Das wurde am Donnerstag erneut deutlich. Zum einen bezeichnete Trichet das gegenwärtige Zinsniveau von rekordniedrigen ein Prozent erneut als "angemessen". Zum anderen machte er klar, dass die EZB derzeit nichts dafür tun will, damit sich der Geldmarktsatz Eonia vom Satz der EZB-Einlagefazilität entfernt. Dieser Zinssatz, zudem die Banken bei der EZB überschüssiges Geld anlegen können, liegt aktuell nur bei 0,25 Prozent und hat auf dem Höhepunkt der Krise quasi die Rolle des Leitzinses übernommen.

Denn wegen des mangelnden Vertrauens untereinander hatten die Banken lieber überschüssige Liquidität kurzzeitig bei der Zentralbank geparkt, als sie sich gegenseitig über Nacht auszuleihen. De facto bestimmt also dieser Satz gegenwärtig die Konditionen am Geldmarkt. Da er einen dreiviertel Prozentpunkt unter dem offiziellen Leitzins liegt, befindet sich das effektive Zinsniveau somit deutlich unter dem offiziellen Zielsatz der EZB.

Der Zentralbank ist diese quasi vom Markt selbst vorgenommene zusätzliche Lockerung der Geldpolitik derzeit durchaus recht. Bevor sie den Leitzins wieder erhöhen kann, muss sie aber dafür sorgen, dass sich der Marktzins wieder dem Leitzins annähert. Ansonsten wäre eine Zinserhöhung möglicherweise deutlich stärker als gewünscht. Deshalb wird die EZB vermutlich 2010 dazu übergehen, bei den wöchentlichen Haupttendern nicht mehr alle Nachfragen der Banken zu befriedigen. Dies hätte automatisch einen steigenden Marktzins zur Folge.