Ferdinand Piech: "Ich glaube daran"

VW-Patriach

Verwirrung um Rückzug von Piech

Spekulationen über Piechs "schwankenden Gesundheitszustand" führen zu Gerüchten.

Volkswagen ohne Ferdinand Piech - das kann und will sich in Wolfsburg so bald niemand vorstellen. Deshalb schlossen sich schnell die Reihen, als das "Handelsblatt" am Freitag unter Berufung auf Vertraute Piechs über einen Rückzug des 76-jährigen Aufsichtsratschefs in den nächsten Monaten berichtete. "Der Aufsichtsratsvorsitzende (...) Prof. Dr. Ferdinand K. Piech ist bei bester Gesundheit und bleibt noch lange Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG", teilte der Konzern mit. "Damit erübrigen sich alle weiteren Spekulationen." Der bei VW fast allmächtige Österreicher ließ über das Magazin "Der Spiegel" wissen, er wolle noch auf vielen Automobilausstellungen wie in der nächsten Woche in Frankfurt als Aufsichtsratschef auftreten: "Totgesagte leben länger."

Wie wichtig Piech noch immer - auch als Integrationsfigur - für den Wolfsburger Konzern ist, machte der einflussreiche Betriebsratschef Bernd Osterloh deutlich: "Es ist eine Sauerei, 550.000 Menschen eines Weltkonzerns so verantwortungslos zu verunsichern und das Unternehmen zu schädigen", teilte er mit. Piech bleibe Aufsichtsrats- und Martin Winterkorn Vorstandschef - letzterer ist als Piech-Nachfolger Insidern zufolge gesetzt. "Hier gibt es keinerlei Diskussion. Und damit gibt es auch kein sonstiges Stühlerücken." Volkswagen habe derzeit die beste Führungsspitze der weltweiten Automobilindustrie. "Und dabei bleibt es noch lange." Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, er wolle sich "derzeit" nicht äußern. Das Land hält 20 Prozent der Stimmrechte an VW.

Gesundheitszustand ist Tabu-Thema
Piech hatte sich im vergangenen Jahr als Aufsichtsratschef von Volkswagen für weitere fünf Jahre wiederwählen lassen. Am Ende der Amtszeit wäre er 80 Jahre alt und 15 Jahre Vorsitzender des Gremiums. Von 1993 bis 2002 hatte er den Konzern als Vorstandschef vom Sanierungsfall zum Branchenprimus gemacht, an dem der Familienclan Porsche/Piech die Mehrheit der Anteile hält. "Ja, ich bleibe", sagte er gewohnt kurz und knapp auf der Hauptversammlung der Lastwagen-Tochter MAN auf die Frage nach einem vorzeitigen Rückzug. Piechs Gesundheitszustand ist ein Tabu in Wolfsburg.

Doch ist es schwer vorstellbar, dass sich ein Weltkonzern mit 200 Milliarden Euro Umsatz und mehr als einer halben Million Mitarbeitern nicht mit einer Nachfolgeregelung beschäftigt: "Es gibt natürlich einen Plan B, der im Konzern diskutiert wird", sagt ein Insider. Die Weichen könnte Volkswagen schon auf einer Aufsichtsratssitzung Ende September stellen, sollte es Piech wirklich schlechter gehen.

Der "Herbst des Patriarchen" scheint angebrochen - darüber hatte Reuters bereits im April 2012 berichtet. Anders als früher wirkte Piech müde und kränklich, als er im März auf dem Genfer Automobilsalon auftrat. Wo er sonst bis spät mit Kollegen und Journalisten parlierte, suchte er, untergehakt bei seiner Frau Ursula, früh das Weite. Die Reise zur Automesse nach Detroit - gewöhnlich ein Pflichttermin - hatte er schon Anfang 2012 ausgelassen. Dem "Handelsblatt" zufolge war seine Gesundheit schon ein Grund dafür, dass Piech mitten im Übernahmekampf um Porsche einer entscheidenden Aufsichtsratssitzung ferngeblieben war.

Piech "kann über Wasser laufen"
Der 66-jährige Konzernchef Winterkorn und Piech sind enge Vertraute, seit sie vor 30 Jahren in der Entwicklungsabteilung der Tochter Audi zusammengearbeitet haben. Das Charisma des Patriarchen hat der Schwabe Winterkorn freilich nicht. Piech könne übers Wasser laufen, wird in Wolfsburg kolportiert. "Der weiß, wo die Steine liegen, über die man gehen kann", sagte ein Kenner der Nachrichtenagentur Reuters.

Im Vorstandsvorsitz könnte Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch laut "Handelsblatt" Winterkorn folgen - allerdings wäre er mit 62 Jahren nur eine Übergangslösung. Audi-Chef Rupert Stadler könnte Pötsch als Finanzchef ablösen. Ein Finanzmann an der Spitze wäre ungewöhnlich für Volkswagen und Piech. Mit Piech, Winterkorn und dessen Vorgänger Bernd Pischetsrieder sind die VW-Vorstandschefs seit 20 Jahren Ingenieure. Piechs 20 Jahre jüngere Ehefrau Ursula, eine gelernte Kindergärtnerin, gehört dem VW-Aufsichtsrat seit 2012 an und könnte nach ihrem Mann die Interessen des Familienzweigs Piech dort vertreten.

Piechs strategisches Meisterstück: den Übernahmeversuch von Porsche-Chef Wendelin Wiedeking abzuwehren und stattdessen den Sportwagenbauer zu schlucken. Ein Nebensatz Piechs reichte, um Porsche-Chef Wiedeking dann abzuschießen. "Zurzeit noch" habe dieser sein Vertrauen, plauderte Piech auf Sardinien bei einer Autovorstellung. "Streichen sie das noch", fügte er maliziös an.

Aktionäre bleiben ruhig
Die Volkswagen-Aktionäre blieben am Freitag ruhig: Die Aktie legte um 0,3 Prozent auf 172,55 Euro zu. Fondsmanager erwarten auch unter einem neuen Führungsduo keine neue Strategie. "Natürlich ist der Aufstieg von VW untrennbar mit Piech verbunden, aber das Unternehmen ist dennoch keine One-Man-Show", sagte Stefan Bauknecht von der Fondsgesellschaft DWS. "Die DNA von VW bleibt ungebrochen, die Weichen sind gestellt." Winterkorn müsse als Aufsichtsratschef aber mehr integrieren und umsetzen als weitere Luxusmarken wie Porsche, Lamborghini oder Bugatti kaufen, mit denen Piech ein "Weltreich" aufgebaut habe. "Sollten die Gerüchte zutreffen, wäre das nichts, was mich als Aktionär beunruhigt", sagte Jürgen Meyer von der schwedischen Bank SEB.