TV-Interview

3. Teil - "Ich habe meinen Keller Sarkophag genannt"

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Lesen Sie alles über die Gefangenschaft, die Flucht und wie Natascha seit vier Monaten ihr Leben organisiert.

Christoph Feuerstein: Wir alle wissen, dass wir zwei Seiten ins uns haben, eine Starke und eine Schwache. Meistens zeigen wir nur die Starke, weil wir nicht wollen dass die Welt die Schwache sieht. Auch von Natascha Kampusch hat man hauptsächlich die starke Seite gesehen. Tut es ihnen manchmal Leid, nicht genug Schwäche zeigen zu können?
Natascha Kampusch: Es tut mich eigentlich nicht Leid aber es tut mir eigentlich nur Leid für die Menschen die meinen, dass es mir irrsinnig gut geht und die mit mir tauschen wollen. Die sollen sich wirklich einmal hinsetzten und versuchen sich in meinen Lage zu versetzen.

Sie können ja einmal ausprobieren in einen relativ kleinen Raum bei geschlossener Tür einen ganzen Tag oder eine Woche zu verbringen, oder sie können auch mein jetziges Leben, verfolgt von irgendwelchen Leuten, Briefe von Verrückten zu bekommen, das können sie auch alles austesten, gewisse Probleme, ich würde sie gerne einmal einen Tag in meine Haut schlüpfen lassen.

Es gab ja Meldungen, bei denen herausgeklungen ist, dass man die Geschichte der Gefangenschaft anzweifelt, die Leute gehen teilweise so weit, dass sie die Geschichte anzweifeln oder sagen, dass wäre ja gar nicht so schlimm gewesen. Habe sie darüber nachgedacht, wie die Leute auf so was kommen?
Naja, sie waren halt nicht dabei und ich weiß es nicht, es gibt immer Zweifler und Verschwörungstheoretiker und es gibt immer Leute die voller Missgunst und Hass sind.

Sind sie da auch stark jetzt wieder oder tut es auch weh, wenn man aus so einer Situation kommt und dann gibt es Medien in denen man als Lügnerin dargestellt wird?
Ja das ist schon schmerzhaft, ich habe auch während der Gefangenschaft die Angst gehabt, dass, wenn ich frei komme, mich die Leute nicht mehr kennen usw. Aber ich war bewusst, dass man mich DNA mäßig identifizieren kann und ich hatte auch die Angst dass eben viele Leute nicht glauben würden, nicht viele aber schon anfangs...

Ein Knackpunkt, wo man gemerkt hat jetzt kommen viele Zweifler, war diese Geschichte mit dem Schifahren. Wollen sie uns darüber erzählen?
Ja es war so, ich bin um ca. halb 5 in der Früh aufgestanden, dann ist er zu mir gekommen und hat mich geholt von unten. Er hat daweil schon alles für das Schifahren hergerichtet gehabt.

Er hat mich praktisch genötigt, gleich vom Parkplatz zur Piste zu fahren und es war ein Glück, dass ich mich die ganze Zeit, wir waren 4 Stunden dort, dass ich mich auf den Ski halten konnte und dass ich, ich weiß auch nicht woher ich dieses Naturtalent hervorgekehrt habe, wie gesagt ich habe vorher nur einen Anfängerkurs besucht gehabt, einen Grundkurs, das war wirklich nicht ausreichen, jedenfalls das war mit der Zeit, da ich ja um 5 Uhr gefrühstückt hatte, es war eine irrsinnige, also es war ein Schock.

Überhaupt ich war Kreislaufgeschwächt.

Diese Kreislaufprobleme kamen ja weil sie es nicht gewohnt waren sich viel zu bewegen. Weil sie immer auf engem Raum waren.
Nein, die kamen auch dadurch, dass ich regelmäßig nichts zu essen bekam und es ging einen Tag ging es vielleicht gut nichts zu sich zu nehmen, sich zu verausgaben, viel zu arbeiten und anstrengende Arbeit zu erledigen, aber am nächsten Tag sind einfach die Reserven leer und man wird immer geschwächter und mit der Zeit bekommt man Herzprobleme, Kreislaufprobleme, man sieht verschwommen, man kippt um.

Jetzt trifft man ja beim Schifahren Menschen.
Nicht wirklich, diese Menschen sind alle für sich. Jeder der Schifahren geht soll man beobachten, ob er irgendwie Kontakte zu anderen Menschen knüpfen kann, wenn er sie nicht bewusst und gezielt anspricht.

Darüber hinaus gab es noch den Druck von der Seite des Herrn Priklopil. Können sie das noch einmal beschreiben?
Er hat eben auch immer behauptet, dass er diese Menschen auch umbringen würde, denen ich etwas mitteile, oder mich, und er ist ein relativ guter Schifahrer gewesen.

Warum war er bereit das Risiko einzugehen?
Das können wir nur ihn fragen, und da er nicht mehr am Leben ist, geht das nicht.

Ich kann nur vermuten, dass ihm doch etwas an mir gelegen hat und er wollte im Prinzip kein Unmensch sein und ich habe ihm auch mehrmals gesagt, dass ich es einfach nicht zulassen werde, dass ich als gebrochener und kaputter Mensch dahinvegetiere und in einem Verlies ende und ob es ihm nicht auch klar ist, dass das kein natürlicher Zustand ist, in einem Keller, ich habe das ganze manchmal Sarkophag genannt, weil es ist ja wirklich, es ist geheim es ist unterirdisch es ist verschlossen.

Ist das jetzt auch für sie manchmal auch schwer, da sie aus dieser engen Situation kommen, sich in die Familie einzugliedern? Wieder ein Teil einer großen Familie zu werden?
Es ist nicht wirklich schwer sich wieder einzugliedern, aber man hat die ganze Familie wieder zurück. Ob man das jetzt mag oder nicht, man hat die negativen Seiten genauso wie die Positiven, und man hat alles also mir fällt es nicht schwer mich in meine Familie zu reintegrieren, das ist ganz leicht.

Wie spüren sie denn, dass das auch ihre Familie unter Druck setzt, diese ganzen äußerlichen Umstände?
Ja das ist sehr arg, das ist wirklich sehr arg, alle glauben wir müssen jetzt irrsinnig happy sein, aber im Großen und Ganzen stresst das die Familie.

Es ist alles abgefallen von ihnen, die Sorge, wo ich bin, aber jetzt kommen erst die neuen Probleme, alte Geschichten, ungute Sachen werden aufgewärmt, von irgendwelchen Menschen, und damit muss sich dann meine Familie auch wieder auseinander setzen und das ist sehr auslaugend für meine Familie.

Frau Kampusch, ich bedanke mich für das Gespräch und hoffe ich habe sie nicht noch zusätzlich gestresst. Danke.
Danke.

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