So gedenken wir der Toten

Dompfarrer Toni Faber erklärt Allerheiligen

Toni Faber
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Zu Allerheiligen und Allerseelen gedenken wir unserer Toten – seit über 1.000 Jahren.
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Uralte Tradition. Allerheiligen, eines der katholischen „Hochfeste“ und von allen christlichen Glaubensrichtungen gefeiert, entstand eigentlich aus einer Notlösung. Nachdem es in den ersten Jahrhunderten nach Christi fast schon eine Inflation an Heiligen gab, wurde es immer schwieriger, jedem einzelnen einen Gedenktag im Jahr zu geben. Deshalb wurde bereits zu Beginn des siebenten Jahrhunderts von Papst Bonifatius IV. ein Tag installiert, an dem einmal im Jahr alle Märtyrer gefeiert werden. Damals war dieser Tag noch im Frühjahr.

Hundert Jahre später wurde das Fest für „die verherrlichten Glieder der Kirche, die schon zur Vollendung gelangt sind“, wie es in der Liturgie heißt, auf den 1. November festgelegt. Im 10. Jahrhundert kam dann noch Allerseelen dazu, der Gedenktag für alle Verstorbenen, die sich erst im Purgatorium befinden und noch auf den Himmel zu warten haben.

Strenge Regeln. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren diese zwei Festtage in Österreich mit sehr strengen Regeln belegt. Das Fernsehprogramm brachte vor allem zu Allerseelen, wie auch am Karfreitag, ausschließlich besinnliche ­Inhalte, Komödien waren verboten, aus dem Radio kam einen Tag lang nur Trauer­musik. Tanzveranstaltungen waren untersagt, die Kinos ­geschlossen.
In die Gegenwart herübergerettet hat sich nur mehr der Brauch, die Friedhöfe zu besuchen und die Gräber mit Blumen und Lichtern zu schmücken. In vielen Teilen Österreichs werden zu Allerheiligen am Nachmittag die Gräber gesegnet. In ländlichen Gegenden wird der Allerheiligenzopf oder Seelenzopf gebacken, ein mit Zucker bestreuter Germstriezel.

Halloween-Trubel. Vor allem von konservativ-kirchlicher Seite wird die „Störung“ der Allerheiligen-Ruhe durch das importierte und kommerzialisierte Halloween beklagt (siehe Interview). Tatsächlich aber sind die beiden Feste eng miteinander verbunden. „Halloween“ kommt aus dem Irischen und bedeutet „All Hallows Eve“, es wird also am Vorabend zu Allerheiligen gefeiert.

Die Tradition des Fests ist freilich viel älter. Schon in keltischer Zeit wurde in diesen Tagen der Beginn des Winters gefeiert.

ÖSTERREICH: Herr Dom­pfarrer, wie unterscheiden sich Allerheiligen und Allerseelen in ihrer Bedeutung? Allerseelen ist ja einige Jahrhunderte jünger …

Toni Faber: Ja, es gab in der Frühzeit des Christentums ­eine Fülle an Heiligen, und für alle, die keinen eigenen Gedenktag hatten, wurde dieser Tag eingerichtet. Ursprünglich am Sonntag nach Pfingsten, wurde er dann auf den 1. November festgelegt. Und zur Bedeutung: Wir fassen den Begriff des Heiligen heute weiter. Wir meinen nicht nur die Heiliggesprochenen, sondern alle, die ein Leben in der Liebe Gottes geführt haben, alle, die ihre geistlichen Scheunen gut bestellt und ihre himmlische Ernte eingebracht haben. Eine Art geistlicher Erntedank also. Wir regen uns so gerne über Leute auf, die einen Blödsinn machen und falsche Handlungen setzen – da ist es doch nur angebracht, wenn wir jener Menschen gedenken, die vorbildlich gelebt haben, und sie feiern.

ÖSTERREICH: Allerseelen ist dann der Gedenktag für alle anderen …

Toni Faber: Ja, an diesem Tag denken wir an alle unsere Verstorbenen, damit auch sie ans Ziel kommen. Auch an jene, die unvorbereitet und unversöhnt gestorben sind, an jeden, der erst seinen Frieden mit dem Himmel machen muss.

ÖSTERREICH: Also an alle, die noch im Purgatorium zu warten haben?

Toni Faber: Ich vermeide Begriffe wie Fegefeuer oder Hölle. Wir setzen wirklich die Hoffnung und all unseren Glauben darin, dass auch das größte Gfrast eines Tages im Himmel nicht abgewiesen wird und seine Liebe zu Gott findet.

ÖSTERREICH: Dann ist eigentlich falsch, wenn die Gräber am Allerheiligen-, und nicht am Allerseelentag gesegnet werden?

Toni Faber: Nein, nach jüdisch-christlicher Vorstellung beginnt ein Fest immer am Vorabend des jeweiligen Fests. Denken wir nur an den Heiligen Abend. Deshalb ist es richtig, die Gräber nach Einbruch der Dunkelheit am Allerheiligentag zu segnen.

ÖSTERREICH: Die Kirche kritisiert den Halloween-Brauch, der das Allerheiligen-Fest herabwürdigen würde …

Toni Faber: Tatsächlich ist Halloween aus Allerheiligen entstanden. Bisher ist man ja davon ausgegangen, dass dieses ursprünglich irische Fest keltische Wurzeln hat. Das ist aber durch neuere wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt. Halloween kommt ja von „All Hallows Eve“, also wiederum vom Vorabend von Allerheiligen. Dieser Brauch ist im Irland des Spätmittelalters entstanden. Damals hat es ein großes Fest­essen gegeben und die Kinder sind in der Nachbarschaft von Haus zu Haus gegangen, um Almosen für die Armen zu sammeln. Die irischen Auswanderer haben den Brauch nach Übersee getragen und mit den amerikanischen Besatzungssoldaten ist er nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Europa importiert worden. Natürlich ist das Fest in dieser langen Zeit kommerzialisiert und profanisiert worden, mit all dem Grusel- und Spuk-Unfug. Aber wir tun als Kirche nicht gut daran, darüber zu jammern und das schlechtzumachen. Ich finde es gut, ein Zeichen zu setzen. Die jungen Katholiken in Innsbruck, Linz und Salzburg, in insgesamt 170 Pfarren, feiern die lange Nacht der Lichter. Das ist die bessere Reaktion auf Halloween als das Jammern.

ÖSTERREICH: Vor einiger Zeit wurde am Allerseelentag im Fernsehen ausschließlich Besinnliches, im Radio praktisch nur Trauermusik gespielt. Vermissen Sie das?

Toni Faber: Nein, wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass große Teile der Medienlandschaft nicht mehr ausschließlich auf die Wünsche der Kirche eingehen können.

ÖSTERREICH: Aus aktuellem Anlass: Ist Allerheiligen auch der Tag, an dem noch einmal über das neue Sterbeverfügungsgesetz nachgedacht werden sollte?

Toni Faber: Kardinal König hat gesagt, die Gesellschaft muss immer danach trachten, dass ein Mensch nicht durch die Hand, sondern an der Hand seines Mitmenschen stirbt. Das gilt nach wie vor. Ich glaube, dass das neue Gesetz mit dem Ausbau der Hospiz-Begleitung einen richtigen Schritt gesetzt hat, dass aber die Möglichkeit des Beistands zum Suizid in die falsche Richtung geht. Ich glaube ja persönlich, dass, wenn es das Recht auf Hospiz-Begleitung für alle gibt, keiner mehr Suizid begehen will. Die Kirche muss immer lebensdienlich sein. Grundsätzlich gilt: Wenn das Leben nicht über dem Recht auf Suizid steht, bleibt das für die Kirche ein No-Go.

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