Ein verstörender Prozess sorgte diese Woche für anhaltenden Gesprächsstoff: Ein afghanischer Pizza-Koch und nach eigenen Aussagen "ganz normaler Muslim" stach 13 Mal auf seine Tochter ein, weil sie die Familienehre verletzt habe. Ihr Verbrechen: Sie hatte sich verliebt.
Wien. Die Szenen müssen furchtbar gewesen sein: Ende November ging ein 51-jähriger Afghane, der seit mehr als 20 Jahren in Österreich lebt und hier als Oberhaupt einer siebenköpfigen Familie in einer Wohnung in Floridsdorf lebte - dass er sich dabei als Patriarch gerierte, der dabei auch oft handgreiflich geworden sein soll und vor allem seinen Töchtern von Anfang an einbläute, ja nie eine Beziehung mit einem Nicht-Afghanen oder Nicht-Moslim einzugehen - auf offener Straße 13 Mal mit einem Messer auf seine Teenager-Tochter los. Zeugen schilderten, dass das Opfer im Gesicht und am Hals blutete, dass drei Stiche die Halsschlagader nur knapp verfehlten, dass sie auch am Oberkörper und am Rücken Stichverletzungen hatte, die Klinge war durch die Wucht des Angriffs abgebrochen, vom Schaft fehlt bis heute jede Spur.
- Familienehre beschmutzt - Pizzakoch stach Tochter (15) fast tot
- Tochter verzeiht Vater nach 13 Messerstichen - trotzdem lebenslang
- Afghane stach Tochter (15) wegen Familienehre nieder
Hintergrund und Motiv des entsetzlichen Verbrechens: die Familienehre. Die älteste Schwester der fünf Kinder des Angreifers soll bereits mit einem Landmann verlobt worden sein und auch die 15-Jährige war einem 22-Jährigen in ihrer Heimat versprochen, was die Großeltern eingefädelt haben sollen. Doch die Zweitgeborene widersetzte sich dem für sie streng geregelten Ablauf ihres Lebens und entwickelte Gefühle für einen Rumänen, mit dem sie schließlich sogar eine Beziehung einging. Bereits gegenüber Ersthelfern vor Ort in der Wohnsiedlung in Floridsdorf gibt die junge Afghanin an, dass ihr eigener Vater der Messer-Peiniger gewesen sei, der nicht wollte, dass sie einen Freund hat.
Weitere viermal wiederholt das Opfer ihre (Erst-)Version jenes blutigen Abends, an dem sie fast ihr Leben verloren hätte: So gegenüber der Polizei gleich am Tag nach der Tat im Krankenhaus nach der Not-OP. Dann in einer Zeugenvernehmung. Auch gegenüber dem Psychiater und in der kontradiktorischen Einvernahme Ende Jänner bleibt die Jugendliche dabei: Als Eltern und Großeltern von ihrer verbotenen Liebe erfahren hatten, fuhr die Familie schwere Geschütze auf: Das Mädchen habe die Familienehre beschmutzt und müsse bestraft werden. Der Vater, als er in der Ordination jenes Arztes, der seiner Tochter das Leben rettete, auftauchte und dort verhaftet wurde: "Ja, ich habe es getan, ich bin der Vater, ich bin im Recht!" Steinzeit-Patriarchat auf den Punkt gebracht.
Knapp ein halbes Jahr später beim Prozess gegen den 51-Jährigen wegen des Verdachts des (Ehren-)Mordversuchs zeigt sich der Angeklagte zwar weiter geständig, hinter den Kulissen dürfte aber massiv Druck auf die Tochter ausgeübt worden sein, den Vater durch eine geänderte Aussage vor einer lebenslangen Haftstrafe zu bewahren. Der Beschuldige selbst sprach plötzlich von einem "Fehler", der ihm passiert sei, weil er an diesem Tag Zahnschmerzen hatte und ihm jemand eine Zigarette gegeben habe mit weißem Pulver, womit er Drogeneinfluss herbeizuzaubern versucht. Gegen den Freund habe er eigentlich gar nichts gehabt. Und die Tochter, der leider vom Gericht erlaubt wird trotz kontradiktorischer Einvernahme in den Zeugenstand zu treten, revidierte plötzlich ihre bisherigen Schilderungen: "Ich liebe meinen Vater und möchte ihm verzeihen", erklärte sie. "Am liebsten würde ich ihn umarmen", fuhr sie fort. Ihr Vater sei damals nicht er selbst gewesen. "Ich war einfach zu rebellisch", mit ihrem Freund habe das Ganze nichts zu tun, erläuterte sie. Diesen habe der Vater bereits akzeptiert, er sei eine "sehr liebevolle Person". Sie habe vielmehr Streit mit dem 51-Jährigen gesucht und ihn beleidigt. Allerdings räumte sie ein, dass die Messerattacke "keine gute Reaktion" von ihm gewesen sei: "Er hätte besser handeln können."
Die Geschworenen durchschauten das sicher nicht freiwillig dargebotene Schauspiel des bedauernswerten Opfers. Und der Vater -"Ich bin ein Muslim, aber ein ganz normaler Muslim" - kassierte vor den Augen der im Gerichtssaal anwesenden großen Verwandtschaft des Mannes trotzdem (noch nicht rechtskräftig) lebenslang. "Es gibt kein abscheulicheres Verbrechen, als das eigene Kind töten zu wollen", begründete die Vorsitzende Richterin das Urteil des Schwurgerichts. Auf sein eigenes, am Boden liegendes Kind hinzustechen, bis es sich nicht mehr rührt, sei "fast unvorstellbar". Der Angeklagte habe "die Bezeichnung Vater eigentlich nicht mehr verdient".
Mädchen in sozialpädagogischer WG, Jugendamt betreut ganze Familie
Wie es nach diesem Urteil vor allem für die 15-Jährige weitergeht, bereitet vielen Sorgen - vor allem, dass das Mädchen jetzt erst recht und gleichsam zur Strafe für das Unbill für den Vater außer Landes gebracht und zwangsverheiratet und ihrerseits lebenslang unter die Burka verbannt wird. Dem entgegnet die Sprecherin der Kinder- und Jugendhilfe Wien, Ingrid Pöschmann, wonach der Teenager längst aus dem Familienverband genommen wurde und in einer sozialpädagogischen WG umfassend betreut wird. Auch ihre Geschwister und die Mutter werden ambulant von der MA 11 unterstützt. Mal sehen ob sie ohne den Patriarchen alle besser zurechtkommen.