In Österreich sind rund 700.000 Menschen von Depressionen betroffen. Die Zahl steigt stetig an. Am ISTA in Klosterneuburg (Bezirk Tulln) hat Neurobiologin Sandra Siegert mit ihrem Team eine Brille mit LED-Lampen entwickelt. Sie soll Symptome einer Depression lindern können.
Wenn nichts mehr Freude macht, das Aufstehen schwerfällt und soziale Kontakte zur Belastung werden, zeigt sich oft eine Depression. Trotz intensiver Forschung bleiben Psychopharmaka für viele Betroffene die einzige Behandlung, doch nicht jeder spricht auf Medikamente an und manche leiden unter schweren Nebenwirkungen.
10-jährige Forschung
Seit zehn Jahren forscht Neurobiologin Sandra Siegert am Institute of Science and Technology (ISTA) daran, neue Therapieansätze gegen Depressionen zu finden. Kürzlich hatte die gebürtige Deutsche dafür einen Wissenschaftspreis des Landes erhalten. Ihre Forschungsgruppe untersucht das Verhalten von sogenannten Mikroglia. Dabei handelt es sich um Immunzellen, die das Gehirn nach Keimen absuchen und Fremdkörper „auffressen“. Doch im schlimmsten Fall können die Mikroglia auch gesunde Nervenzellen angreifen, etwa bei bestimmten psychischen Erkrankungen.
Lichtsignale als Behandlung
Die Bedeutung der Mikroglia im Gehirn sei lange übersehen worden, sagt Siegert: „Erst in den letzten Jahren kommen sie immer mehr in den Fokus bei psychischen Erkrankungen. In dieser Hinsicht könnten sie ein wichtiges Hilfsmittel sein, um etwa effektiv Depressionen zu behandeln.“ Eine zentrale Rolle in der Forschung spielt Licht. Das wissenschaftliche Team unter der Leitung von Siegert fand heraus, dass Lichtsignale mit einer Frequenz von 60 Hertz die Mikroglia stimulieren, neuronale Veränderungen im Gehirn bewirken und so Symptome psychischer Erkrankungen lindern können.
Von Startup erstellte Brille mit LED-Lampen
Dafür hat das Forscherteam eine spezielle Lichttherapie entwickelt: Dabei handelt es sich um eine Brille mit flackernden LED-Lampen, die gezielt eine 60 Hertz Frequenz erzeugen. Um das Gerät zu konstruieren, wurde ein Medizintechnik-Start-up gegründet, das im „Xista Science Park“ beheimatet ist. Die Brille soll, wenn sie auf den Markt kommt, ausgeliehen werden können, und die Daten mittels Telemedizin aufgezeichnet werden, erklärt Siegert. „Man setzt die Brille auf und dann hat man eine App, die damit verbunden ist. In der App ist der Behandlungszeitraum automatisch eingestellt. Eine Behandlung dauert ca. 30 Minuten, einmal täglich in einem Zeitraum von zwei bis drei Wochen“. Die Brille wurde bisher in zwei Studien von Menschen, die an Depressionen leiden, getestet. Eine dritte langfristig angelegte Studie wird in Kürze folgen, so Siegert.
Vielverspechende Testergebnisse
Die bisherigen Ergebnisse seien laut der Neurobiologin bereits vielversprechend: "Bei den Resultaten konnten wir schon signifikante Verbesserungen erkennen: Die Stimmung der Personen hat sich nach der Behandlung verbessert, zudem waren sie motivierter – das konnten wir messen – und es gab keine signifikanten negativen Nebenwirkungen.“ Die Brille sollte, wenn alles nach Plan verläuft, in rund zwei Jahren in den USA und in rund fünf Jahren in Europa medizinisch zugelassen sein, betont die Neurobiologin.