29 Stellen unbesetzt

Tirols Ärztekammer schlägt bei Kassenärzten Alarm

Kastner fordert Aus für "strenge Limitierungen" bei Honoraren.

Tirol. Tirols Ärztekammerpräsident Stefan Kastner sieht in Sachen niedergelassene Kassenärzte offenbar "Alarmstufe Rot" und hat am Mittwoch von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) Reformen bzw. mehr Geld eingemahnt. In Tirol allein seien derzeit 29 ÖGK-Kassenstellen unbesetzt, in den Praxen herrsche zudem vielfach ein Mangel an Personal. Kastner forderte ein Aus für die "strengen Limitierungen" bei den Honorierungen und ein Ende des "leistungsfeindlichen Systems".

Viele Kollegen im allgemeinmedizinischen und fachärztlichen niedergelassenen Bereich würden Alarm schlagen und mitteilen, dass sie "nicht mehr weiter wachsen können", weil dann auf der einen Seite die Kosten derart steigen würden und andererseits es aber kein Mehr an Honorierung gebe, erklärte Kastner bei einer Pressekonferenz in Innsbruck. Die Folge sei de facto ein Engpass in der Versorgung. Derzeit bestehe eine adäquate Bezahlung der Kassenärzte nur im Falle einer schnellen Behandlung der Patienten. Die vor allem im Bereich der Allgemeinmedizin essenzielle "Gesprächsmedizin", also das vertrauliche (therapeutische) Gespräch mit den Patientinnen und Patienten, werde hingegen in höchstens 17 Prozent der Behandlungsfälle honoriert. "Die Gesprächsmedizin ist schlecht honoriert und limitiert", verlangte Kastner von Sozialversicherung und Politik Reformen.

"Verzerrung des Wettbewerbs"

Auch in puncto Leistungsabrechnung sei vieles im Argen - und herrsche ein Ungleichgewicht, etwa hinsichtlich der Abgeltung der Primärversorgungseinheiten (PVE). So gebe es dort eine "Fallpauschale" und keinen "Deckel" wie bei den Kassenmedizinern. Ab der Überschreitung einer gewissen Anzahl würden derzeit die Tarife halbiert, wodurch nötige Mehrarbeit sanktioniert werde. Dies betreffe in Tirol rund 24 Prozent der Kassen-Allgemeinmediziner und 16 Prozent der Kassen-Fachärzte. Die Ärzte seien nicht länger bereit, diese Entwicklung mitzutragen und bei einer nur mehr 50-Prozent-Honorierung weitere Patienten zu versorgen. Der Tiroler Ärztekammerpräsident verwies überdies auf - mit der Mehrarbeit einhergehende - höhere Personalkosten in den Ordinationen und die noch schwieriger werdende Suche nach geeignetem Personal, die derzeit aufgrund der Arbeitsbedingungen ohnehin schon ein großes Problem darstelle.

Grundsatzentscheidung eingemahnt

Niedergelassene Kassenärzte müssten dieselben Möglichkeiten im Bereich der Honorierung haben wie die PVEs. Derzeit habe man es hingegen mit einer "Verzerrung des Wettbewerbs" zu tun. "Das ist ein leistungsfeindliches System", übte Kastner scharfe Kritik. Die Politik müsse generell endlich einmal eine Grundsatzentscheidung treffen, wo und wie man die Versorgung der Menschen am besten gewährleisten wolle. Seiner Ansicht nach sei dies nun einmal der niedergelassene Bereich, auf den ein Schwerpunkt gelegt werden müsse. Auch würden sich Politik und ÖGK weigern, endlich eine effiziente Patientensteuerung einzuführen, gab Kastner den Verantwortlichen zudem mit auf den Weg. Dafür müsse aber zuerst ohnehin einmal das Kassensystem "zukunftsfit" gemacht werden, um letztlich die Krankenhausambulanzen entlasten zu können.

Primärversorgungseinheiten wären indes "kein Allheilmittel" in der österreichischen Gesundheitslandschaft, blieb der Kammerpräsident dahingehend weiter durchaus kritisch. Die "schwereren Fälle", also zum Beispiel die Versorgung chronisch Erkrankter, würden weiter bei den bewährten "Hausärzten" verbleiben - nicht zuletzt weil hier ein enges persönliches Vertrauens- und Naheverhältnis bestehe.

Die vielfach kritisierten Wahlärzte würden derzeit schon viel zum System beitragen. Verpflichtende Kontingente für die Behandlung von Kassenpatienten lehnte Kastner ab. Dies würde nur ein Mehr an "Amtsschimmel und Bürokratie" bedeuten.

Am Limit vor Ort

Aus der Praxis vor Ort berichtete bei dem Pressegespräch indes der Allgemeinmediziner Peter Lidinsky aus St. Johann in Tirol. Er berichtete von Kassenstellen-Engpässen und zunehmender eigener Überforderung. So gebe es etwa in St. Johann, einer rund 10.000 Einwohner-Gemeinde, nur drei Allgemeinmedizin-Kassenstellen, wovon eine unbesetzt sei. "Wir stehen klar an der Grenze", meinte der Arzt. Es brauche Änderungen.

Fehler im Artikel gefunden? Jetzt melden.
OE24 Logo
Es gibt neue Nachrichten