Pajtim, Asllan, Istref und Elvis - das sind die (Vor-)Namen der vier Männer, die diese Woche bei einem schrecklichen Baustellen-Unfall am Alsergrund in Wien ums Leben kamen. Nach dem Schock und der Trauer drängt sich immer mehr die Frage in den Vordergrund: Wer hat diese Tragödie zu verantworten?
Wien. Was genau passiert auf der Baustelle in der Porzellangasse beim Bauernfeldplatz, wo am Dach eines klassischen Wiener Zinshauses auf zwei Etagen sechs neue Luxuswohnungen mit Blick über halb Wien errichtet werden, ist noch weitgehend unklar. Es gibt Zeugen, die sagen, dass die Männer bei Betonarbeiten gerade eine Rauchpause eingelegt hatten und am Gerüst im engen Innenhof zusammensaßen, als mit einem Mal die Hölle losbrach: Gerüst und Verschalung brachen in sich zusammen, Schreie waren zu hören und ein Riesen-Rumms und ein Poltern, dann Stille. Totenstille.
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Projektleiter D., bevor alle Baufortschritts- und Jubelmeldungen nur wenige Stunden nach dem Unglück im Internet gelöscht wurden.
Wie berichtet, wurden die Einsatzkräfte gegen 14.30 Uhr alarmiert. Erst nach eineinhalb Stunden vermeldete die Berufsrettung ein an Kopf und Wirbelsäule schwer verletztes Opfer, einen 45-jähriger Nordmazedonier, der umgehend ins Spital gebracht wurde. Im Laufe der folgenden Stunden wurde dann das ganze Ausmaß der Tragödie bekannt: Bei dem Unfall war nämlich die gesamte Konstruktion samt den sich darauf befindlichen fünf Personen in die Tiefe gestürzt und begrub die Opfer auf engstem Raum unter den Trümmern und flüssigem Beton, der sich nach und nach verhärtete: Mit den Händen versuchten die Florianis die Opfer herauszuziehen und zu -zerren, schließlich mussten Spezialgeräte zu Hilfe genommen werden, Drohnen wurden eingesetzt, vom Katastrophenhilfsdienst wurden die Schallortungsgruppe und die Rettungshundestaffel entsendet, doch am Ende aller Anstrengungen mussten die Helfer sich eingestehen: Alle vier Männer, die noch vermisst gewesen waren, sind tot.
Fünf Kinder trauern um ihre Väter
Hier noch einmal die Namen der Opfer, die von ihren Familien, Freunden, Kollegen, auf sozialen Medien und im Fall der drei Kosovaren sogar vom dortigen Präsidialamt betrauert werden: Der 36-jährige Pajtim B., der mit seiner Frau in Wien lebte und zwei kleine Töchter hinterlässt, der Ex-Soldat Asllan M.(49) sowie der 46-jährige Istref Z. Beim vierten Toten handelt es sich um Elvis B., einen Bosnier (32) mit serbischem Pass aus der Grenzregion zu Montenegro, der mit seiner Gattin ebenfalls in Wien wohnte und mit ihr drei minderjährige Kinder hat. Alle vier sind Muslime und die sterblichen Überreste sollen nach der Obduktion so schnell wie möglich in ihre Heimat überstellt werden, wo sie nach lokalen und religiösen Traditionen auf einem islamischen Friedhof beigesetzt werden.
Wer an der Katastrophe und an den darauf folgenden Tragödien schuld trägt und sich deswegen vor Gericht und vor den Hinterbliebenen - die sich dem Verfahren mit wohl berechtigten Kostenforderungen anschließen werden - verantworten muss, ist noch völlig offen. Da ist einerseits der Projektträger, der noch stolz gepostet hatte, dass bei diesem Vorhaben "auch wieder die Baustelleneinrichtung ganz gelungen" sei, damit unter "herausfordernden innerstädtischen Bedingungen zusätzlicher Wohnraum geschaffen" wird.
Ebenfalls im Fokus stehtb die ausführende Baufirma: Wurde auf Geheiß, wie man munkelt, zu viel und zu schnell auf einmal betoniert? Oder ist dem Kranführer, der das Unglück und die aufopfernden Bergungsarbeiten tatenlos von oben beobachten musste und am Abend als letzter heruntergdeholt und zur Vernehmung gebracht wurde, mit einem Betonkübel ein Missgeschick passiert? Oder war es ein technisches Gebrechen? Ein erster Anlassbericht an die Staatsanwaltschaft ist ergangen, das Arbeitsinspektorat ist involviert. Als nächstes sind die Gutachter am Zug, erfahrungsgemäß wird es Monate dauern bis alle Expertisen am Tisch liegen, die furchtbare Geschichte wird uns also noch lange beschäftigen.