Von Heller über Gusenbauer bis Wehsely

Das geheime Netzwerk des Christian Kern

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Der Politik-Insider deckt das Netzwerk rund um Kern auf.

Christian Kern ist für die SPÖ wie ein „Blind Date“ – die meisten Parteifunktionäre, die den ÖBB-Chef an die Spitze der Partei gehievt haben, kennen ihn in Wahrheit gar nicht, haben ihn noch nie getroffen.

Denn Christian Kern hat außer einer kurzen Phase als Pressesprecher von SPÖ-Klubchef Kostelka noch nie ein politisches Amt ausgeübt, war in ­keinem Parteigremium, nicht einmal auf Bezirksebene.

Alle, die Kern kennen, schätzen ihn als „linksliberalen Pragmatiker“ – im Zweifel eher rot-grün, mit Sympathien für die Neos, starker Aversion gegen die FPÖ. In der Flüchtlingsfrage eher liberal, in wirtschaftlichen Fragen sehr pragmatisch, zukunftsorientiert. Ein Fan der digitalen Zukunft, eines seiner großen Leitbilder ist Steve Jobs von Apple.

In Wahrheit hat Christian Kern, wie Gerhard Zeiler verriet, seit zwei Jahren an der „Machtübernahme“ des Kanzleramts gearbeitet. Und sich dafür ein Netzwerk aufgebaut, das selbst SPÖ-Insider bis heute nicht durchschaut haben:

Der Aufstieg des Christian Kern ist zu einem wichtigen Teil auch das Comeback des vor fast acht Jahren von Faymann gestürzten Ex-Kanzlers Alfred Gusenbauer. Dieser ist in letzter Zeit zum wichtigsten Berater, manche sagen – etwas übertrieben – „Mastermind“ von Kern geworden. Gusenbauers wichtigster Wegbegleiter An­dré Heller ist nun auch zum Wegbegleiter für Kern geworden. Gusenbauers Pressersprecher Stefan Pöttler ist Kerns Pressesprecher und Politstratege. Gusenbauers Netzwerk – von Immo-Millionär René Benko bis zu Ifes-Chef Karl Blecha – wird jetzt Kerns Netzwerk.

Alfred Gusenbauer selbst, der sich sieben Jahre lang völlig aus der Politik zurückgezogen hatte und mit seiner Beratungsfirma (etwa für Kasachstan) zuletzt fünf Millionen Euro Jahresgewinn erwirtschaftete, soll in den letzten Tagen für Kern aktiv geworden sein und für ihn auch Headhunter bei der Ministerauswahl gespielt haben.

Franz Voves, der ebenfalls gestürzte steirische SPÖ-Chef, ist neben Gusenbauer der zweite wichtige Network-Freund im Hintergrund des neuen Kanzlers. Auch Voves hatte sich, so wie Gusenbauer, frustriert aus der Politik zurückgezogen, meldet sich nun aber als Kern-Berater wieder in der Politszene zurück. Gusenbauer und Voves eint eine gemeinsame Erfahrung: extreme Abneigung gegen Werner Faymann.

Kern als SPÖ-Chef bedeutet auch eine dramatische Verschiebung der Wertigkeiten in der Partei: Mit seinem Aufstieg wechselt die Macht in der SPÖ von der Wiener Partei zu den zuletzt als „Totalverlierer“ verspotteten Landesparteien. Es waren die SP-Wahlverlierer aus Vorarlberg, Salzburg, Steiermark und die unter Hypo-Druck geratenen Kärntner, die Faymann weggeputscht und Kern inthronisiert haben. Michael Häupl, der lieber Zeiler wollte, und Niessl, dem Kern beim Asyl zu links ist, wurden von den Ländern ausgetrickst.

Auch in Wiens SPÖ bringt der Aufstieg Kerns eine neue Machtkonstellation: Mit Kerns Hilfe kommt hier das Politehepaar Schieder-Wehsely zu neuer Macht. Es war Wehsely, die als Erste Faymanns Sturz forderte und die jetzt als Kanzleramtsministerin mächtigste Frau in der SPÖ werden soll. Mit Wehsely im Kanzleramt und Ehemann Schieder als Klubobmann hätten beide so viel Einfluss wie kein Ehepaar zuvor. In der Wiener SPÖ deutet nun alles auf einen raschen Abschied von Häupl (Freunde glauben, dass er noch heuer geht) und auf Wehselys Ehemann Schieder als Nachfolger als Bürgermeister hin.

Freilich ist Kern taktisch zu klug, um sich in eine Konfrontationsstellung zu Häupl oder Niessl manövrieren zu lassen – er strebt definitiv die Einigung der Partei an. Insofern wird es spannend zu beobachten sein, ob er Faymanns engsten Partner Josef Ostermayer als Kulturminister überleben lässt, um auch das Faymann-Lager zu integrieren – oder ob er mit Ostermayer den letzten Über­lebenden dieser Ära beinhart mit ausradiert.

Noch schwerer als die Einigung der Partei wird die Einigung der Regierung. Denn was viele SPÖ-Granden bei Kerns Kür zum Kanzler nicht bedacht haben: Kern ist für die ÖVP ein rotes Tuch. Seit er von Doris ­Bures zum ÖBB-Chef ernannt wurde, läuft die ÖVP gegen ihn Sturm. Vor allem Klubchef Lopatka, aber auch Kerns neuer Vize Reinhold Mitterlehner haben ihn seit Jahren mit Vorwürfen angeschüttet.

Die ÖVP hat Kern als Kanzler immer als Worst-Case-Szenario betrachtet. Erstens, weil ihn Lopatka und Mitterlehner zutiefst ablehnen. Zweitens, weil Kern extrem gut mit der Wirtschaft kann – und so der ÖVP gefährlich wird. Drittens, weil Kern als Typ Mitterlehner ähnlich ist und damit dessen Chancen in einem Wahlkampf extrem verschlechtert.

Als sicher gilt, dass die ÖVP Kern kaum die Chance geben wird, zum „Erfolgskanzler“ zu werden. Als VP-interne Devise zu Kern gilt: Vom ersten Tag an „anrennen“ lassen, mit Hardcore-Forderungen zu Asyl und Sicherheit provozieren und als „Linken“ entlarven – und in Neuwahlen gehen, bevor Kern populär wird. In dieser Wahl will die ÖVP dann – spätestens im Frühjahr 2017 – ihre „Wunderwaffe“ Sebastian Kurz gegen Kern aufstellen. Kurz soll als jüngerer, trotzdem politisch erfahrener Kanzlerkan­didat aufgebaut werden, Kern schon nach wenigen Monaten ins Kanzler-Ausgedinge schicken und den Ballhausplatz für die ÖVP zurückerobern.

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