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»Dürfen wir vor Putin auf die Knie gehen?«

Es gibt bei uns eine schräge Allianz von Pazifisten, zynischen Realpolitikern und Putin-Verehrern.

Manche Pazifisten, aber auch die langjährigen Putin-Verehrer von der FPÖ sagen jetzt langsam lauter, dass doch die Zeit für einen Waffenstillstand in der Ukraine, für Friedensverhandlungen, für ein Ende des Konfliktes sei. Die Gründe dafür sind vielfältig, manche Leute haben einfach selbst Angst vor all dem, was da auf uns zukommt, und meinen, man könne mit Nachgeben Putin besänftigen; andere sind einfach auf sehr verständliche, aber etwas naive Weise für „Frieden“, damit das Sterben ein Ende hat. Vieles ist verständlich und nachvollziehbar, aber es hat schon auch einen ziemlichen Haken. Etwa, dass diese Forderung andauernd gegenüber der Ukraine erhoben wird, als hätten sich die Ukrainer diesen Krieg gewünscht. Als wären sie es, die aggressiv und kriegslüstern in ein Nachbarland eingefallen sind.

Warum appellieren diese Leute eigentlich nicht an Putin und sein Militärregime?
Sie wissen natürlich, warum. Weil es völlig unsinnig wäre. Da kann man auch gleich gegen die Wand spucken, das hat auch nicht weniger Effekt.
Dabei ist schon richtig, dass die allermeisten Kriege irgendwann mit Verhandlungen enden. Nur die wenigsten enden mit einer Kapitulation einer Seite oder gar dem

Zusammenbruch eines der kriegsführenden Regime. Aber „Verhandlungen“ und „Kriegshandlungen“ sind auch nur scheinbar das Gegenteil. Wer sich überlegen fühlt und denkt, seine Kriegsziele mit Gewalt erreichen zu können, der wird wenig Veranlassung sehen, in Verhandlungen zu treten.

Würde man den Ukrainern keine Waffen liefern und sie auch sonst nicht unterstützen, wäre der Krieg schnell zu Ende und es würde Verhandlungen geben, wird da gesagt – man weiß nicht, ob man das neunmalklug oder eher menschenverachtend zynisch nennen soll. Klar, wenn mal alle Ukrainer unterjocht sind, dann wird es keinen Krieg geben. Aber dann hat Putin gewonnen und auch die Erfahrung gemacht, dass er den feigen Europäern auf der Nase herumtanzen kann, weil sich immer ein Kickl oder sonstwer findet, der dafür eintritt, auf den Knien zu Putin zu rutschen. Ob das eine so schlaue langfristige Politik ist, ist eher fragwürdig.

Oft wird hier eine nüchterne Realpolitik angemahnt: Aber gerade die Erfahrung von ­Realpolitik lehrt uns, dass ein Angreifer wie Putin nicht in Verhandlungen eintreten wird, wenn er denkt, dass er seine Kriegsziele mit Gewalt vollständig erreichen kann.

Umgekehrt ist es so: Putins Regime wird nur dann zu Verhandlungen bereit sein, wenn klar ist, dass der Preis für die Kreml-Machos auch hoch wird. Weil die normalen Russen den Krieg nicht mehr wollen, weil der Diktatur die Soldaten ausgehen, da die jungen Leute alles tun, um nur ja nicht ins Militär zu müssen, weil die Ukraine sich effektiv wehren kann. Und weil der ökonomische Schaden, den Putins Krieg global anrichtet, so groß ist, dass er sich immer mehr isoliert, sodass etwa auch das mächtige China sagt: Stopp, du kostest uns jetzt schon immens viel an Wirtschaftswachstum, und Hungerkatastrophen in Afrika können wir auch keine gebrauchen, da wir von da her die Rohstoffe bekommen.

Kurzum: Der Krieg wird umso schneller zu Ende sein, je eindeutiger die Antwort ist, die Putin erhält, und je klarer ihm wird, dass er den Westen nicht spalten kann. Der Krieg wird umso schneller zu Ende sein, je höher der Preis ist, mit dem die Kreml-Kamarilla zu rechnen hat.

Nur dann wird Putin von der Idee abkommen, er könne durch militärisches Vorgehen der Ukraine einen Diktatfrieden aufzwingen, durch seinen Wirtschaftskrieg Europa eine Lektion erteilen und die Demokratien weiter erpressen. Einem aggressiven Autokraten zu zeigen, dass man vor ihm bibbert, auf dem Bauch vor ihm rutscht, wie das die Kickls wollen, und ihm damit zu versichern, er könne tun, was er wolle – das ist noch nie gut ausgegangen.