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Prammer-Interview

"Objektivität steht ganz oben"

Führungswechsel im Parlament. Die aus Ottnang im Bezirk Vöcklabruck stammende Barbara Prammer (52) wird Chefin des Hohen Hauses.

ÖSTERREICH: Vorausgesetzt, Sie werden zur Ersten Präsidentin gewählt: Was bedeutet dieses Amt für Sie?
Prammer: Eine große Herausforderung. Ich traue mir das zu, habe aber große Ehrfurcht. Es ist nicht einfach.

ÖSTERREICH: Wie wollen Sie das Amt führen?
Prammer: Für mich ist das oberste Gebot die Objektivität. Sie steht ganz oben. Die Abgeordneten müssen gut arbeiten können, danach ist das Haus zu leiten.

ÖSTERREICH: Ihrem Vorgänger Andreas Khol wurde vorgeworfen, das Amt parteipolitisch auszulegen. Wie wollen Sie dieser Versuchung widerstehen? Prammer: Ich kann diesbezüglich nicht ein schlechtes Wort über Andreas Khol sagen. Wenn immer da jemand etwas anderes sagt, mag er es so empfinden, ich bin mit ihm gut ausgekommen. Objektivität ist im Grund einfach. Man muss die Latte nur bei sich selbst anlegen. Das habe ich von Heinz Fischer gelernt, der der eigenen Partei gegenüber besonders streng war. Es wird mir nachgesagt, dass ich es auch so halte, und das ist gut so.

ÖSTERREICH: Was bedeutet Ihr Aufstieg in das zweithöchste Amt im Staat aus Sicht der Frauen?
Prammer: Ich habe mich als Zweite Präsidentin sehr bemüht, die Frauen stark sichtbar zu machen, etwa durch eigene Veranstaltungen. In diese Richtung muss man weiterdenken.

ÖSTERREICH: Wie frauenfeindlich oder frauenfreundlich ist das Klima im Hohen Haus?
Prammer: Da ist schon viel mehr Sensibilität als früher. Dass sich einzelne Abgeordnete Frauen gegenüber anders verhalten würden, wie oft gesagt wurde, ist sehr stark zurückgegangen. Vielleicht auch, weil eine Frau im Präsidium sitzt. Sollten das künftig zwei oder sogar drei Frauen sein, würde das Respekt abverlangen.

ÖSTERREICH: Was kann eine Parlamentspräsidentin, was kann sie nicht?
Prammer: Sie kann nicht ausschließen, dass es im Parlament manchmal heftig zugeht. Ich werbe bei den Menschen immer für Verständnis, dass Parlamentarismus lebendig sein muss. Was eine Präsidentin können muss: gesprächsbereit und offen zur Teamarbeit zu sein. Das ist heikel, weil es ganz unterschiedliche Bedürfnisse gibt.

ÖSTERREICH: Das Parlament leidet darunter, dass es von der jeweiligen Regierung als Abstimmungsmaschinerie missbraucht wird. Was wollen Sie dagegen tun?
Prammer: Es stellt sich eben die Frage: Welchen Stellenwert hat für uns das Parlament dann, wenn wir in der Regierung sind? Ich habe mit großer Freude wahrgenommen, dass Alfred Gusenbauer gesagt hat, er möchte dem Parlamentarismus mehr Raum geben. Ich werde ihn beim Wort nehmen.

ÖSTERREICH: Fehlt es den Abgeordneten an Selbstbewusstsein?
Prammer: Daran mangelt es nicht. Das Selbstbewusstsein ist ja da, die Debatten werden halt intern geführt.

ÖSTERREICH: Wie wäre es mit mehr Minderheitsrechten für die Opposition?
Prammer: Wir wollten das 1999 schon, dass von einem Drittel der Abgeordneten ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden kann. Es bleibt dabei, dass das unsere Meinung ist.

Das Interview führte Gerhard Marschall/ÖSTERREICH

Über Barbara Prammer
Die künftige Parlamentschefin wurde am 11. Jänner 1954 in Ottnang am Hausruck geboren. Am dortigen Gemeindeamt arbeitete sie nach der Matura, bis sie an der Uni Linz mit dem Soziologie-Studium begann. 1991 zog Prammer für die SPÖ in den Landtag ein, von 1995 bis 1997 war sie Landesrätin, dann drei Jahre lang Frauenministerin. Seit 2000 sitzt sie im Nationalrat.



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