750 Tote in nur einer Woche

Ägypten

750 Tote in nur einer Woche

Seit fünf Tagen halten blutige Unruhen Ägypten in Atem. Jetzt droht die nächste Eskalation.

Ägypten kommt nicht zur Ruhe: Nach der brutalen Räumung mehrerer Protestlager am vergangenen Mittwoch kam es auch gestern wieder zu Straßenschlachten und Feuergefechten im ganzen Land.
Hotspot am Samstag: Die Kairoer Al-Fath-Moschee. Hunderte Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi hatten sich seit Freitagabend im Inneren verschanzt – ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl war vor Ort. Die Polizei räumte die Moschee gewaltsam Samstagabend.

Insgesamt sollen allein seit Mittwoch mehr als 750 Zivilisten getötet worden sein. Alleine am Freitag waren es 173 Tote.
 

Premier will mit „eiserner Faust weiterkämpfen“
Beobachter befürchten, dass Ägypten nun sogar vor der nächsten Eskalation steht. Erst gestern erklärte ein Regierungssprecher, künftig mit „eiserner Faust gegen die Terroristen“ vorzugehen. Gemeint sind dabei die Anhänger der Muslimbruderschaft.

Geht es nach dem Übergangspremier Hazem al-Beblawi, soll diese sogar gleich ganz verboten werden. Das Sozialministerium prüfe derzeit seinen Vorschlag.
 

Muslimbruderschaft gibt Proteste nicht auf
Die Muslimbruderschaft erklärte ihrerseits: „Unsere Ablehnung des Putsch-Regimes hat sich zu einer islamischen, nationalen und ethischen Verpflichtung entwickelt, die wir nie aufgeben werden.“ Bereits am Mittwoch hatten sie zu einer Woche des Protests aufgerufen.

Was die Situation nun noch verschärfen dürfte: Bei den Gefechten in Kairo am Freitag starb auch der Sohn des Muslimbrüder-Chefs Mohammed Badie. Er wurde erschossen.

 

Überall Scherben, getrocknetes Blut

ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl erlebte den brutalen „Tag der Wut“ hautnah in Ägypten mit.

Der Hass sitzt tief, sie sehen sich als Märtyrer: „Wir werden die ganze Woche demonstrieren. Kairo soll brennen“, schreit Hany Rashwan (38). Er ist Anhänger der Muslimbruderschaft. Er ist bereit, für seine Sache zu sterben.

Ich stehe vor der Al-Fath-Moschee am Ramses-Platz in Kairo, es ist Samstagmittag. 24 Stunden zuvor haben sich Polizei, Armee und Mursi-Anhänger hier dramatische Straßenschlachten geliefert. Schusswechsel, Gewaltexzesse. Wieder mehr als 100 Tote. Das zweite Blutbad innerhalb einer Woche. Am Mittwoch starben 525. Der Platz ist übersät mit Steinen, Glassplittern, vertrockneten Blutflecken. Ein Hochhaus neben dem Platz: abgefackelt. Im Haus war die Blutbank des Roten Halbmonds. Vernichtet.

„Das sind Terroristen, wir werden sie ausräuchern“


Jetzt ist die mächtige Moschee abgeriegelt. Gelbe Panzerwagen stehen davor. Dazwischen zivile Unterstützer des Militärmachthabers General Abdelfattah al-Sisi (58): „Al-Sisi ist unser Held. Die Islamisten zerstören das Land.“

Während der Blutnacht haben sich 1.000 Islamisten im Gebetshaus verschanzt. Samstagfrüh verließen einige Hundert Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi das Gotteshaus. 600 blieben zurück. Aus Angst vor den Sicherheitskräften und Schlägerbanden vor der Moschee. Sie haben sich verbarrikadiert.

Ahmed Sabri (44), ein Geschäftsbesitzer, hat kein Mitleid mit den Muslimbrüdern: „Das sind Terroristen. Wir werden sie ausräuchern“, schreit er: „Sie werden dafür bezahlt, dass sie Unruhe stiften, Gewalt verbreiten – 50 Dollar pro Tag. Sie kommen aus Syrien, Pakistan, Afghanistan“ – es ist nicht überprüfbar, ob das stimmt.

Tatsache ist, dass die Gräben zwischen Mursi-Anhängern und Gegnern tiefer sind als zuvor. Die Schüsse der Militärs stoppen die Islamisten nicht. Im Gegenteil: „Wer die Armee unterstützt, wird in der Hölle schmoren“, heizen Vorbeter an. Jeder Tote schaukelt die Stimmung noch mehr auf. Und jetzt sollen jeden Tag Großdemos der Muslimbrüder folgen.

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