Wahlen

Brexit-Man Nigel Farage vor Durchbruch in Großbritannien

James Buchan, ein ehemaliger Fischer im schottischen Peterhead, hat sein langjähriges Misstrauen gegen den populistischen Reform-UK-Vorsitzenden Nigel Farage überwunden.  

Aus Sorge um die lokale Wirtschaft will der 38-Jährige bei den anstehenden Wahlen erstmals für die Brexit-Befürworter stimmen. Buchan hofft, dass deren Versprechen, die Nordsee-Ölförderung zu maximieren und europäische Fischerboote fernzuhalten, die Wirtschaft wiederbelebt.

Wähler wie Buchan dürften Reform bei den Regional- und Kommunalwahlen am Donnerstag starken Zulauf bescheren. Die bisher vor allem in England starke Partei fasst nun auch in Schottland und Wales Fuß. Umfragen zufolge könnte sie dort zur stärksten Oppositionskraft gegen die Regionalparteien SNP und Plaid Cymru aufsteigen. In Schottland wird ein Stimmenanstieg von 0,2 auf etwa 20 Prozent erwartet, in Wales von rund einem auf fast 30 Prozent. Labour und die Konservativen dürften massiv verlieren. Auch in landesweiten Umfragen für die nächste Unterhauswahl bis 2029 liegt Reform deutlich vorn.

"Tief verwurzelte Benachteiligung"

Die historisch eher linksgerichteten Landesteile sind fruchtbarer Boden geworden für die populistische Botschaft von Reform, die gegen "liberale Establishment-Eliten" und Einwanderung wettert. Ein Beispiel ist das walisische Bargoed: Die vom Zechensterben der 1970er-Jahre gezeichnete Stadt gilt offiziell als Ort mit "tief verwurzelter Benachteiligung" und leidet unter zahlreichen leer stehenden Ladenlokalen.

Für den schottischen Reform-Kandidaten Conrad Ritchie sind die Regionalwahlen ein Baustein auf dem Weg in die nationale Regierung. Labour-Vertreter warnen dagegen, Reform werde die Gesellschaft spalten und die Politik "in den Schmutz" ziehen. Die Konservativen lehnten eine Stellungnahme ab. Kritiker halten die 2018 als Brexit-Partei gegründete Gruppierung ohnehin für regierungsunfähig. Auch intern gibt es Zweifel: Sechs Insidern zufolge wäre es für Reform womöglich besser, in Schottland und Wales nur knapp Zweiter zu werden, um sich vor der landesweiten nationalen Wahl zunächst an die Parlamentsarbeit zu gewöhnen.

"Islamistischer Idiot"

Ein heikles Problem bleibt die Überprüfung der eigenen Kandidaten. Trotz verschärfter Verfahren zogen sich in Schottland und Wales kürzlich 15 von über 160 Bewerbern zurück – oft wegen rassistischer Online-Inhalte. So tauchten bei einem walisischen Kandidaten Hitlergruß-Bilder auf, ein schottischer Bewerber nannte den Ex-Regierungschef einen "islamistischen Idioten". Reform-Kandidat Llyr Powell räumte "Stolpersteine" ein, betonte aber, die Partei bestehe eben aus Menschen "mit echter Lebenserfahrung" statt aus glatten Berufspolitikern.

Die Rassismusvorwürfe verfangen jedoch bei einigen Wählern. SNP und Plaid Cymru werfen Reform vor, Spannungen zu schüren, profitieren aber auch von der Polarisierung: Viele Menschen wählten regional, nur um Reform zu verhindern, sagte Delyth Jewell, Vize-Chefin von Plaid Cymru. Sie verabscheuten die "bösartige Rhetorik" der Partei.

Dass Reform dennoch so erfolgreich ist, liegt laut Chris Hopkins vom Meinungsforschungsinstitut Savanta am Aufbrechen traditioneller Wählermuster seit dem Brexit. Das System funktioniere für viele Briten nicht mehr: Sie fragten sich, ob jemand es ändern könne, und seien weitaus eher bereit, bei einer unbekannten Größe ein Risiko einzugehen.

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