Chemnitz: Angst vor neuer Gewalt

Krawalle in Sachsen

Chemnitz: Angst vor neuer Gewalt

Schock über brutale Ausschreitungen von Neonazis bei Demonstrationen in Deutschland.

Aufruhr in der ostdeutschen Stadt Chemnitz: Am Montagabend eskalierten Zusammenstöße rechts- und linksgerichteter Demonstranten. Für Dienstag waren neue Demos angesagt (nach Redaktionsschluss). Neue Gewalt und Verletzte wurden befürchtet, das Polizeiaufgebot verstärkt.

Zuvor kam es zu Jagdszenen. Neonazis schlugen auf Gegendemonstranten ein, zeigten den Hitlergruß und skandierten: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“ Mindestens sechs Personen wurden bei den Krawallen verletzt, bei denen Flaschen und Feuerwerkskörper flogen.

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Heftige Kritik an Seehofer: Er habe Gewalt ermöglicht

Polizei überfordert. Nur mühsam bekam die Polizei die Krawalle in den Griff. Zu wenige Einsatzkräfte waren vor Ort. Man habe die Teilnehmerzahl unterschätzt, hieß es. Und das, obwohl schon am Sonntag rechte Gewalttäter Jagd auf ausländisch aussehende Menschen machten.

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Tödliche Attacke

Auslöser der Gewalt war die tödliche Messerattacke auf Daniel H. in der Nacht auf Sonntag. Am Montag wurden ein Iraker und ein Syrer als Verdächtige in Haft genommen (siehe rechts).

„Ich bedauere diesen Todesfall zutiefst“, sagte Innen­minister Horst Seehofer am Dienstag. Aber die Ereignisse rechtfertigten „unter keinen Umständen den Aufruf zur Gewalt oder gewalttätige Ausschreitungen“. Zuvor wurde er heftig für sein Schweigen zu den Krawallen kritisiert. Mehr noch: Seehofer habe mit seiner Äußerung von einer „Herrschaft des Unrechts“ in der Flüchtlingskrise selbst „die Legitimationsbasis für einen rechten Mob“ geschaffen, sagte der grüne Parlamentarier Konstantin von Notz. Kanzlerin Angela Merkel verurteilte die Ausschreitungen. „Was wir gesehen haben, darf in einem Rechtsstaat keinen Platz haben.“

Messermord an Daniel H. war Zündfunke der Gewalt

Sein Tod in der Nacht auf Sonntag ließ die Wut gegen Ausländerkriminalität zu Gewalt eskalieren: Um drei Uhr in der Nacht wird der 35-jährige Tischler Daniel H. niedergestochen, stirbt später im Spital. Vorausgegangen war eine „verbale Auseinandersetzung“, so die Polizei. Es kam zu einer Schlägerei, schließlich zu Messerattacken, bei denen zwei weitere Deutsche (33, 38) schwer verletzt wurden.

Gerüchte um Belästigungen. Schnell macht in Chemnitz die Runde, dass möglicherweise Ausländer die Täter waren. Von Belästigungen von Frauen ist die Rede, bei denen Familienvater Daniel H. einschritt. Die Polizei dementiert: Dafür gebe es keine Hinweise. Die Nationalität der Verdächtigen wird nicht veröffentlicht, „weil nicht klar war, ob die Männer wirklich mit der Tat zu tun haben“. Der rechte Mob formiert sich dennoch, die Gewalt entlädt sich. Am Montag der Haftbefehl gegen einen Iraker und einen Syrer. Sie seien „dringend verdächtig, ohne rechtfertigenden Grund mehrfach mit einem Messer auf einen 35-jährigen Deutschen eingestochen zu haben“. Am Dienstag geben die Behörden bekannt: Für die Täter „bestand keine Notwehrlage“.

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