ÖSTERREICH-Reporter: "Ich war in Fukushima"

Herbert Bauernebel

ÖSTERREICH-Reporter: "Ich war in Fukushima"

"Im Atom-Krisen-Zentrum sah ich die nackte Panik."

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Ich habe viel gesehen in meinem Reporter­leben, im letzten Jahr etwa die Ölpest in New Orleans, das Katastrophenbeben in Haiti. Aber das hier ist anders, das stellt alles in den Schatten. Es ist der Kampf gegen einen unsichtbaren Feind. Das Bittere: Er scheint verloren zu gehen.

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    Lokalaugenschein im Krisenstab beim Katastrophen-AKW Fukushima. Ich bin auf dem Weg von Sendai Richtung Tokio. Die Nachrichten sind beunruhigend. Die Atomwolke soll Japans Hauptstadt erreicht haben. Alle haben Angst.

    Die Autobahn von Sendai nach Tokio führt in 40 Kilometer Entfernung am Schrottreaktor Fukushima vorbei. Bei der Hinfahrt vor zwei Tagen war ich schon einmal in der Stadt. Damals herrschte gespannte Ruhe. Die Katastrophe – sie schien beherrschbar.

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      Jetzt ist keine Rede mehr von der sprichwörtlichen Coolness der Japaner. Im Einsatzzentrum mitten in der Stadt (300.000 Einwohner) ist spürbar: Jetzt sind alle in Panik.

      Drei Explosionen in vier Tagen, große Mengen an Radioaktivität, die aus den Reaktoren austreten, das sorgt für Angst. Vor allem aber macht es ratlos. Das Schlimmste: Niemand weiß offenbar mehr, was den Super-GAU jetzt noch aufhalten kann.

      Den Leitern des Krisenstabes steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Ihre Mienen sind versteinert. Sie plärren Anweisungen an die Mitarbeiter, die diese eilfertig ausführen. Nichts wirkt so, als geschähe es nach Plan.

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        Aufgebrachte Einwohner gehen auf Manager los
        Die Stimmung kippt. Vor zwei Tagen noch hatte die Bevölkerung Vertrauen in Krisenmanagement und Politik. Jetzt ist der Zorn da. "Wir wurden belogen, beschwindelt, in Sicherheit gewogen", sagen viele. Am Weg ins Krisenzentrum muss sich der Einsatzleiter einen Weg durch ein Spalier aufgebrachter Einwohner bahnen.
        Die Mitarbeiter verteilen DIN-A4-Zettel auf Umweltschutzpapier an die Menschen, die mit erstaunten Gesichtsausdrücken auf die Zahlenkolonnen starren. Die neuesten Messwerte aus den Gebäuderuinen der durch die Explosionen schwer beschädigten Havarie-Reaktoren stehen drauf – am Ende, ohne viel Erklärung, handgekritzelt: 8:31 Uhr 1,5 m/s, 8:35 Uhr 1,6 m/s, 8:50 Uhr 1,8 m/s.

        Ein Raunen geht durch die Menge. Die Zahlen zeigen schwarz auf weiß, wie dramatisch die radioaktive Belastung gestiegen ist. Wild reden die Menschen am Gang durcheinander, wollen mit lautstark zugerufenen Fragen nachbohren. "Ich habe noch gar nicht gesagt, um welche Uhrzeit die Evakuierungen beginnen", stiftet ein Sprecher der Kraftwerksgesellschaft noch mehr Verwirrung.

        Auch rundherum nichts als Hektik: Notärzte schleppen Kartons mit Medikamentenschachteln durch das Gebäude, draußen stellen sich Bewohner mit Reisetaschen für die Busse an – jetzt will jeder weg. Eine Mutter huscht mit ihrem Baby über die Straße, eine Familie steigt in ein Taxi. Über dem Gebäude knattern schwere Militärhubschrauber.

        Dazwischen immer wieder das Gebrüll im Koordinationszentrum. Die Szenen machen deutlich: Das hier ist kein Krisen­management mehr, das ist der Vorhof zur Hölle.
         

        Einmal Hölle und retour

        Seit vergangenem Samstag ist ÖSTERREICH-Reporter Herbert Bauernebel in Japan, berichtet seither für Tageszeitung und Internet aus dem Katastrophengebiet. Der Reporter ist inzwischen gefragter Interviewpartner für Radiostationen bis hin zur "Zeit im Bild".

        © TZ ÖSTERREICH

        Montag fuhr Bauernebel von Tokio nach Sendai, die zerstörte Millionenstadt. Auf der Rückfahrt bog er Richtung Fukushima ab, besuchte das Krisenzentrum in der Nähe der Desaster-
Reaktoren. Mitten im Katastrophengebiet erlebte er hautnah den (vermutlich vergeblichen) Kampf mit.

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