Russland Coronavirus Corona

Keine Schutzausrüstung, keine Tests

Ärzte schildern Corona-Hölle in Russland

Das medizinische Personal in Russland ist am Ende. Ein Aufschrei soll die zahlreichen Missstände während der Corona-Krise nun an die Öffentlichkeit bringen.

In Russland steigt die Zahl der neu mit dem Coronavirus Infizierten weiter dramatisch an. Mit 10.633 neuen Fällen innerhalb eines Tages sei ein neuer Höchststand erreicht worden, teilten die Behörden am Sonntag in Moskau mit. Damit gibt es nun landesweit mehr als 134.600 nachgewiesene Infektionen. Bisher starben 1.280 Menschen mit dem Virus. 16.600 erholten sich wieder.

Viel zu wenig Schutzausrüstung & Tests

Nun machen russische Ärzte auf zahlreiche Missstände in den heimischen Spitälern aufmerksam. Wie die "Deutsche Welle" berichtet, soll es akuten Mangel an Schutzausrüstung für medizinisches Personal und Corona-Tests geben. So erklärt ein Rettungssanitäter, der aus Furcht vor Kündigung anonym bleiben will, sie hätten oft nur eine Maske, Handschuhe und Brille zur Verfügung. Noch schlimmer stehe es um wichtige Schutzanzüge. "Sie werden in der zentralen Dienststelle aufbewahrt, und es gibt nur sehr wenige davon. Bei einem normalen Einsatz bekommt man solche Anzüge nicht, auch nicht, wenn ein Verdacht auf Lungenentzündung besteht. Ich persönlich habe noch keinen Patienten mit einer bestätigten COVID-19-Diagnose transportiert, aber dies ist nur eine Frage der Zeit", erklärt er gegenüber dem Portal.

Besonders kritisch sei die Situation rund um Tests für das medizinische Personal. Eigentlich sollte jeder einmal im Monat getestet werden, dafür gibt es die Ressourcen allerdings nicht. "Einige, darunter auch ich, wurden gar nicht oder nur einmal im Monat getestet. Wir sind ein junges Team, wir können das Coronavirus in uns tragen, ohne Symptome zu haben. Aber was ist mit unseren Patienten? Eigentlich ist dies ein italienisches Szenario, wo von Medizinern die Ausbreitung der Infektion ausgeht. Ältere und chronisch kranke Patienten tun einem leid, denn sie sind Geiseln dieser Situation.

Behörden zu Rettungskräften: "Jammert nicht!"

In der russischen Stadt Wladimir kommen sogar die Patienten schwer an einen Test heran. Hier müsse man schon die richtigen Kontakte zu den städtischen Behörden haben. So kommt es dazu, dass die Fälle, die schlussendlich im Krankenhaus landen oft kritisch sind. "Die Leute werden nicht behandelt und nach Hause geschickt. Nach einigen Tagen bringt unser Rettungsteam sie wieder ins Krankenhaus, aber in einem sehr kritischen Zustand. Wir haben uns darüber vergeblich beschwert", erklärt eine Sanitäterin in der Stadt.

Wie die Behörden mit dem Gesunheitspersonal umgehen, macht ein Vorfall deutlich. Als es um neue Schutzanzüge ging, soll man den Rettungskräften gesagt haben: "Übertreibt nicht, jammert nicht, Ihr habt doch alles." Erst als sie drohten zu Premierminister Michail Mischustin zu gehen, hätte man das so nötige Equipment bekommen.

Arzt bei Kälte und ohne Essen in Krankenhaus eingesperrt

Ein Spitalsarzt erzählt, wie er gegen seinen Willen im Krankenhaus selbst in Quarantäne gesteckt wurde, nachdem er einen Corona-Patienten behandelt hat. "Die Verwaltung überlegte, was sie mit dem Krankenhaus tun sollte, und kam auf die Idee, mich als den behandelnden Arzt und die Reinigungskraft, die den Boden im Raum des Infizierten gewaschen hatte, im Krankenhaus unter Quarantäne zu stellen, weil wir angeblich den engsten Kontakt zu ihm hatten. Das restliche Personal wurde nach Hause geschickt", schildert der Mediziner. Die Zustände im Spital waren mehr als verheerend. "In jener Abteilung, die nach dem Patienten nicht desinfiziert wurde, verbrachte ich mit der Frau zwei Tage. Zum Schlafen war es zu kalt und es gab kein heißes Wasser. Wir bekamen auch kein Essen. Ein Heizgerät und Lebensmittel brachten uns Kollegen aus einer Privatklinik in Brjansk. Die Polizei kam und fotografierte uns durchs Fenster. So kontrollierte sie, ob wir nicht gegen die Quarantäne verstoßen", erzählt er. Erst als der Arzt aus Verzweiflung in den Hungerstreik trat, durften sie in die Heimquarantäne. Ein Corona-Test verlief bei ihm übrigens negativ aus.

In Russland blieb die Zahl der Corona-Patienten lange niedrig. Seit Tagen nimmt sie aber so rasant zu wie in keinem anderen Land - obwohl Ausgangssperren gelten, mit denen eine weitere Ausbreitung des Erregers verhindert werden sollte. In den vergangenen Wochen wurden die Corona-Tests deutlich ausgeweitet. Experten zufolge sind deshalb deutlich mehr Fälle nachgewiesen worden.

Das russische Verteidigungsministerium nannte das hochansteckende Virus eine "große Bedrohung". "Diese Infektion kennt keine Grenzen", sagte Vize-Verteidigungsminister Alexander Fomin in einem Fernsehinterview. In der russischen Armee gibt es dem Ministerium zufolge mittlerweile fast 3.000 Infektionsfälle.
 



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