ÖSTERREICH vor Ort

Pakistan: "Es ist nichts mehr übrig"

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ÖSTERREICH-Reporter Florian Lems ist seit zwei Tagen im Krisengebiet. Überall begegnet er Menschen, die ihre Liebsten verloren haben.

Aamir Mehmood (30)steht mit Tränen in den Augen vor den Resten seines Hauses. Die Hitze ist erdrückend, Fliegen setzen sich auf sein Gesicht, er ist schweißgebadet. „Es ist nichts mehr übrig, alles ist weg, wir haben nichts mehr“, sagt Mehmood und nimmt die Schutzmaske, die er aus Angst vor Seuchen trägt, von seinem Mund. „Wir brauchen Hilfe“, sagt der Mann. „Was wir jetzt bekommen, kommt von den NGOs. Aber unsere Regierung, die hilft uns nicht.“

Wir befinden uns in der Rehman Baba Colony. Früher ein Viertel der Stadt Nowshera, jetzt ein Trümmerfeld aus Ziegelsteinen, umgerissenen Bäumen, geknickten Strommasten. Vor allem gibt es hier eins: Schlamm, zäh wie heißer Asphalt, der sich über alles gelegt hat. Und Verzweiflung. Menschen wandern durch die Ruinen und versuchen, zumindest einige ihrer Habseligkeiten wiederzufinden. „Gut 400 Häuser wurden alleine in diesem Stadtteil zerstört“, erzählt Mehmood. Täglich kommt er von einem 12 km entfernt gelegenen Notzelt zur Ruine seines Hauses, schaufelt den Schlamm weg.

Sechs Tage lang hörte es nicht mehr auf zu regnen
Die monströse Flut hatte auch hier alle überrascht. Seit 1993 sei der Indus nicht mehr über seine Ufer getreten, berichtet der Helfer Shoaib Haider. Doch am 28. Juli begann es zu regnen – und es hörte sechs Tage lang nicht auf. Immerhin – die Hilfe kommt an, zumindest hier in der Provinz Khyber Pakhtunkhwa, in der wegen des Taliban-Konflikts und der afghanischen Flüchtlinge bereits viele Hilfsorganisationen präsent sind. Aber es reicht einfach nicht für alle Betroffenen aus.

Ortswechsel: An der Great Trunk Road, wichtigste Handelsroute nach Westen, hat der Kabul-Fluss eine Schneise der Zerstörung hinterlassen. „Niemand kommt, niemand hilft uns“, sagt der 29-jährige Mehmoud Han. Der Mann zeigt auf sein Dorf Pir Par. Es steht kein einziges Haus mehr. Er erzählt, wie die Flut seine Familie überrascht hat: „Unser jüngster Sohn, Ali Amaan, war im Obergeschoss und ist zwischen den Ziegeln gelandet, dabei hat er sich die Hand gebrochen.“ Der Bub hatte Glück: Er wurde rasch medizinisch versorgt, bekam einen Gips.

Weitere 150.000 Menschen verloren ihr Zuhause
Inzwischen haben neue Flutwellen des Indus in der Provinz Sindh gestern weitere 150.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Sie mussten in höher gelegene Regionen umziehen, wie ein Regierungssprecher mitteilte.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Betroffenen: Die Weltgemeinschaft hat Pakistan bei einer UN-Geberkonferenz zu den bisherigen Spenden in Höhe von 252 Mio. Dollar weitere 200 Mio. Dollar (157 Mio. Euro) an Hilfe zugesagt. Österreich wird die Flutopfer in Pakistan mit fünf Millionen Euro unterstützen.

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