Der Kreml sei „fieberhaft auf der Suche nach Auswegen“.
Im fünften Jahr des Ukraine-Krieges gerät Kremlchef Wladimir Putin zunehmend unter Druck – militärisch, wirtschaftlich und auch gesellschaftlich. Nach westlichen Schätzungen verliert Russland derzeit monatlich rund 35.000 Soldaten durch Tote und Verwundete. Insgesamt sollen seit Kriegsbeginn bis Ende 2025 etwa 352.000 russische Soldaten gefallen sein, während sich die Gesamtverluste inklusive Verletzter auf bis zu 1,2 Millionen Menschen summieren könnten. Zwar gelingt es dem Kreml weiterhin, neue Rekruten zu mobilisieren, doch die russische Armee wächst offenbar nicht mehr weiter an.
Lage an der Front
Auch an der Front verschlechtert sich die Lage aus russischer Sicht. Erstmals seit Ende 2023 verliert Russland wieder Gebiete in der Ukraine. Laut aktuellen Analysen konnte die russische Armee seit Jahresbeginn nur geringe Geländegewinne erzielen, während ukrainische Truppen zuletzt mehrere Gebiete zurückeroberten. Angesichts der hohen Verluste gilt die militärische Bilanz zunehmend als problematisch für Moskau. Sicherheitsexperte Christian Mölling warnt gegenüber der BILD zwar davor, bereits von einem Wendepunkt zu sprechen, betont aber, dass sich der Abnutzungskrieg für Russland zunehmend belastend entwickelt.
Gleichzeitig erreicht der Krieg immer stärker russisches Territorium. Ukrainische Drohnen greifen regelmäßig Ölraffinerien, Militäranlagen und Infrastruktur tief im Landesinneren an. Selbst im Großraum Moskau kam es zuletzt bei massiven Angriffen zu Todesopfern. Für viele Russen wird der Krieg dadurch erstmals direkt spürbar – mit erheblichen psychologischen Folgen. Der deutsch-russische Journalist und Wirtschaftsexperte Andrey Gurkov spricht im Podcast „Ronzheimer“ bereits von einem möglichen „Kipppunkt“ in der Stimmung innerhalb Russlands. In zahlreichen Städten gebe es inzwischen regelmäßig Fliegeralarm, viele Menschen seien verunsichert und wünschten sich zunehmend ein Ende des Krieges.
Hinzu kommen wachsende wirtschaftliche Probleme. Steigende Preise, geschlossene Geschäfte und die Auswirkungen westlicher Sanktionen setzen Unternehmen und Verbraucher unter Druck. Laut Gurkov werde die Unzufriedenheit inzwischen „quer durch die Gesellschaft“ spürbar. Selbst Wirtschaftsvertreter äußerten zunehmend Kritik an der Lage, während die staatliche Propaganda offenbar an Wirkung verliere.
Internes Strategiepapier
Besonders brisant wirken Berichte über interne Strategiepapiere aus dem Kreml. Demnach sollen bereits seit Monaten Szenarien vorbereitet werden, wie ein mögliches Ende des Kriegs der russischen Bevölkerung als Erfolg verkauft werden könnte. Die geleakten Dokumente deuten laut Gurkov auf eine „fieberhafte Suche nach Auswegen“ hin. Zwar wolle Putin weiterhin militärische Erfolge erzielen, insbesondere im Donbass, gleichzeitig suche der Kreml offenbar nach Möglichkeiten, den Konflikt kontrolliert zu beenden, ohne einen Gesichtsverlust zu riskieren.
Trotz der wachsenden Probleme rechnen Beobachter derzeit jedoch weiterhin mit einem langwierigen Abnutzungskrieg. Die größere Gefahr für Putin könnte dabei weniger von offenen Protesten ausgehen als vielmehr von schwindender Loyalität innerhalb des Staatsapparats. Aus Sicht des Kremls gehe es weiterhin vor allem um Machterhalt und geopolitischen Einfluss – doch der Druck auf Putin wächst inzwischen an mehreren Fronten gleichzeitig.