Sighard Neckel

Soziologe: "Katastrophenzeit" ist angebrochen

Neues Buch über "Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation" analysiert die vielen Gründe des Nichthandelns und sieht wenig Grund für Optimismus 

Alle reden vom Klima, aber niemand hört mehr zu? In seinem neuen Buch liefert der deutsche Soziologe Sighard Neckel jede Menge Gründe für diesen Befund. Er macht ökonomische und politische Interessen, systemische Mängel und psychologische Gesetzmäßigkeiten dafür verantwortlich, dass eine "Katastrophenzeit" angebrochen ist. Seine über 200-seitige Analyse setzt nicht auf Zweckoptimismus, sondern auf nüchternen Realismus - und ist im Grunde eine einzige Handlungsaufforderung.

Dem stehe aber viel dagegen, schreibt Neckel in seinem detaillierten Urteil über "Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation": "Wenn die Anreizstrukturen des Handelns politisch auf Wählerstimmen, ökonomisch auf Wachstumsgewinne und gesellschaftlich auf Konsumsteigerung ausgelegt sind, wird man sich mit der Halbherzigkeit beim Klimaschutz und einem Anstieg der Temperaturen wahrscheinlich weiterhin abfinden müssen. Kein kollektiver Akteur und keine globale Institution sind erkennbar, die hieran realistischerweise etwas ändern könnten."

Soziale Verwerfungen drohen

Neckel, emeritierter Professor für Gesellschaftsanalyse und sozialen Wandel an der Universität Hamburg und ehemaliger Sprecher der dortigen Forschungsgruppe "Zukünfte der Nachhaltigkeit", sieht heute wenig Zukunft für die Nachhaltigkeit, ja für das Gelingen der nötigen Trendwende zur Abkehr einer künftigen Unbewohnbarkeit des Planeten überhaupt. Schritt für Schritt legt er dar, wie jedes noch so ambitionierte und glaubwürdig vertretene Klimaziel am Wege ist, krachend verfehlt oder bei der ersten Gelegenheit beiseite geschoben zu werden, wenn scheinbar Dringlicheres zu erledigen ist. Dass Krisenmanagement gegen kriegerische Auseinandersetzungen oder ökonomische Verwerfungen Alltag ist im nationalen wie supranationalen Polit-Geschäft, aber angesichts sich langsam und scheinbar unmerklich entwickelnden globalen Mega-Krisen versagt, ist keine neue Erkenntnis - wird hier aber mit deprimierender Ausführlichkeit belegt.

Der Soziologe zeigt aber gleichzeitig unmissverständlich auf, dass sich jedes halbwegs erfolgversprechende Rezept gegen die Klimakrise nicht nur technologischen und ökonomischen Lösungen widmen muss, sondern auch soziale Ungleichheiten bekämpfen muss. Die Superreichen, die für einen supergroßen Anteil an Emissionen und Ressourcenausbeutung verantwortlich sind, werden sich in den meisten Szenarien das eigene Überleben sichern und finanzieren können. Die übrigen müssen sehen, wo sie bleiben. Soziale Verwerfungen bis zur Abkehr von der Demokratie hin zu autoritären Staatsformen sind für Neckel ganz realistische Gefahren, die vom Klimawandel und seinen Auswirkungen drohen.

Plädoyer für eine "ökologische Ordnungspolitik"

Breiten Raum nehmen die möglichen Optionen eines Umbaus jenes Wirtschaftssystems ein, das für die enorme Emissionssteigerung seit Beginn der Industrialisierung und den alarmierenden Rückgang der Biodiversität verantwortlich ist. Einen "grünen Kapitalismus", dessen Mechanismen quasi nur an ökologisch vertretbareren Stellschrauben nachjustiert werden müssten, um genügend Marktanreize für die Transformation zu schaffen, hält der Soziologe aus mehreren Gründen für wenig zielführend. Einer davon ist der Zeitfaktor. Katastrophale Auswirkungen des Klimawandels näherten sich in solcher Geschwindigkeit, dass eigentlich eine Notbremsung angesagt wäre. "Vollkommen ungewiss ist, ob zivilisierte Gesellschaften die Folgen einer ungebremsten Erwärmung ohne schwerste Schäden überhaupt überstehen könnten."

Umso mehr plädiert Neckel für starken Ausbau und Wahrnehmung staatlicher Verantwortung bei einem radikalen Umbau von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hin zu einer "Fundamentalökonomie", einem "Infrastruktursozialismus", einer "ökologischen Ordnungspolitik", die klimaschädliche Produktionen und Lebensweisen verbietet oder einschränkt und den Ausbau eines Netzes nachhaltiger Infrastrukturen energisch vorantreibt. "Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist die kapitalistische Marktwirtschaft vielfach sozialpolitisch eingehegt worden, was zu einer Verbesserung des Lebens ärmerer Schichten führte und einige Jahrzehnte lang die soziale Ungleichheit verringert hat", versucht Neckel seine "Katastrophenzeit" doch noch mit einem positiven Schluss zu versehen. "Gelänge eine vergleichbare ökologische Einhegung des Kapitalismus im Kampf gegen den Klimawandel, wäre sicher nicht alles, aber zumindest manches gewonnen. Bessere Aussichten gibt es nicht, aber schlechtere allemal."

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