Sein Mut inspiriert den Widerstand der Ukrainer

Selenskyj: Vom Komiker zum Held des Krieges

Er riss lieber Witze, als über Politik zu reden, jetzt inspiriert er die Welt mit seinem Mut. 

Kiew. „Schweigt nicht. Wenn die Ukraine fällt, fallen wir alle!“, ruft Wolodymyr Selenskyj den Menschen am Freitagabend in Prag, Paris, Tiflis, Frankfurt zu. Applaus von Hunderttausenden brandet auf, und für einen Moment wirkt das per Video zugeschaltete Gesicht des ukrainischen Präsidenten perplex. Er ist in diesen zehn Tagen des russischen Krieges nicht nur zum Helden seines Landes, sondern zur Hoffnung der „normalen Menschen“ in der freien Welt geworden.

Der 44-jährige Ex-Schauspieler – er spielte in seiner berühmtesten Rolle, in Diener des Volkes, einen Lehrer, der sich gegen Korruption auflehnt und quasi durch Zufall Präsident wird – erobert seit Kriegsbeginn die Herzen der Menschen. Er brauche „Waffen, keinen Chauffeur“, antwortete der Sohn eines Mathematikprofessors gleich zu Beginn der Invasion den USA, die ihn vor Putins Söldnern in Sicherheit bringen wollten.

Seither ist sein „Mut, sein Kampfeswillen zur Inspiration für alle geworden“, sagen US-Generäle. Selenskyj, der 2019 mit 73 Prozent zum Präsidenten des von Korruption erschütterten Staates gewählt wurde, ist zum Anti-Putin mutiert. Während sich der eine (siehe rechts) in Bunker zurückzieht, redet der zweifache Vater im grünen T-Shirt auf Russisch direkt via soziale Medien zu den Menschen in Russland. „Kämpft nicht gegen eure Brüder!“

Sein Handy und Auftreten als seine stärkste Waffen

Eroberung. Überhaupt scheinen sein Handy und seine Gabe zum Auftritt und Reden seine stärksten Waffen in diesen dunklen Tagen. Er telefoniert mit US-Präsident Biden, mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, mit Königen und selbst dem Papst. Er schart die freie Welt hinter sich. Wenn der Kreml wieder einmal behauptet, er sei geflohen, zeigt er sich mitten im Regierungsviertel via Selfie-Video: „Ich bleibe hier. Wir bleiben hier!“

Dabei versucht er vor allem, die „einfachen“ Menschen zu erreichen. „Wenn ich Präsident bin, seid ihr alle Präsident“, deklarierte der einstige Dancing Stars-Sieger 2019. „Wir sind jetzt alle Kämpfer“, sagt er heute. Er habe auf Staatsbanketten „lieber Witze gerissen, als über Politik zu ­reden“, erzählen heute internationale Politiker über ihn.

Was will dieser „Komiker“, fragten sich damals einige. Nur einmal, 2019, blitzte kurz sein Mut bereits hervor, als er ein unmoralisches Angebot von Donald Trump ablehnte. Er solle einfach Ermittlungen gegen Joe Bidens Sohn ankündigen, dafür würde er ihm Waffen liefern, forderte damals Trump. Selenskyj lehnte ab.

»Aus Charlie Chaplin ist Churchill geschlüpft«

Wandlung. „Er ist schwach, hat keine Religion, keine Nationalität“, schrieb 2019 ein russischer Journalist über den jüdischen Ukrainer. Selenskyjs Großvater kämpfte als Kommandant der Roten Armee erfolgreich gegen die Nazis. Sein Enkel wählte die Welt des Showbusiness, bevor aus „Charlie Chaplin Churchill schlüpfte“ , wie Times in ihrer Titelgeschichte über ihn schreibt.

In der Stunde der Not hat er die Rolle seines Lebens gefunden: die des untypischen Helden.

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