Unter dem Eindruck wachsender Spannungen hat in Genf der zweite Verhandlungstag zwischen der Ukraine, Russland und den USA begonnen.
Die Gespräche seien wieder aufgenommen worden, meldete die russische Nachrichtenagentur RIA am Mittwochvormittag. Die ukrainische Delegation bestätigte dies. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warf den USA vor, unverhältnismäßigen Druck auf Kiew auszuüben, um den seit vier Jahren andauernden Krieg zu beenden.
- Ukraine verzeichnet größten Geländegewinn seit Jahren
- Vier Jahre Ukraine-Krieg - Zehntausende Ukrainer in den Bundesländern
- Darum droht Putin dem Westen jetzt mit seinen Kriegsschiffen
US-Präsident Donald Trump hatte die Ukraine in den vergangenen Tagen mehrfach öffentlich aufgefordert, Schritte für einen Erfolg der Verhandlungen zu unternehmen. Der US-Gesandte Steve Witkoff berichtete in den frühen Morgenstunden auf der Plattform X von "bedeutenden Fortschritten". Beide Seiten hätten vereinbart, ihre Regierungen zu informieren und weiter an einer Einigung zu arbeiten.
Der ukrainische Verhandlungsführer Rustem Umerow erklärte, der erste Tag habe sich auf "praktische Fragen und die Mechanik möglicher Entscheidungen" konzentriert. Aus russischen Kreisen verlautete dagegen, die sechsstündigen Gespräche in verschiedenen Formaten seien am Dienstag "sehr angespannt" gewesen. Eine offizielle Stellungnahme der russischen Delegation lag zunächst nicht vor.
Selenskyj offen für Referendum zu Frontlinie
Selenskyj kann sich vorstellen, dass seine Landsleute einem Einfrieren des Konflikts an der aktuellen Frontlinie zustimmen könnten. Das sagte Selenskyj dem US-Nachrichtenportal "Axios". Ein solcher Volksentscheid könnte parallel zu Präsidentschaftswahlen abgehalten werden.
Selenskyj hält Gebietsaufgabe für unmöglich
Einen von Russland geforderten Abzug der ukrainischen Truppen aus den noch von ihnen gehaltenen Teilen der östlichen Gebiete Luhansk und Donezk lehnte Selenskyj weiter ab. "Emotional werden die Menschen das niemals verzeihen. Niemals", sagte der Staatschef "Axios". Seine Landsleute würden nicht verstehen, warum sie zusätzliche Gebiete abgeben sollen. Selenskyj zufolge hat seine Regierung mit den Amerikanern vereinbart, dass jedes Abkommen eine Zustimmung der ukrainischen Bevölkerung per Referendum erfordert.
Der ukrainische Staatschef will die strittigen Gebietsfragen bevorzugt bei einem direkten Gipfeltreffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin lösen. Er habe der ukrainischen Delegation Anweisung gegeben, diese Frage in Genf anzusprechen. Der Kreml lehnt einen solchen Gipfel zwar nicht direkt ab, sprach aber mehrfach davon, dass ein derartiges Treffen entsprechend vorbereitet werden müsse - und lässt kein Interesse an konkreten Vorbereitungen erkennen.
Trump hatte am Montag vor Journalisten gemahnt, die Ukraine solle "besser schnell an den Tisch kommen". Selenskyj merkte im Axios-Interview an, dass seine Gespräche mit den US-Vermittlern Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner nicht von derselben Art von Druck geprägt seien wie die öffentlichen Einlassungen des Präsidenten.
Das einzige direkte Aufeinandertreffen Selenskyjs mit Putin fand bei deutsch-französisch vermittelten Verhandlungen 2019 in Paris statt. Die Beziehungen waren damals schon belastet durch die russische Annexion der ukrainischen Schwarzmeer-Halbinsel Krim im Jahr 2014 und die als Separatismus getarnte Moskauer Militärintervention in der Ostukraine.