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Fluchtwelle

Endstation Lampedusa

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Hunderte Flüchtlinge landen täglich auf der Insel, mit Booten und Behelfsflößen kommen sie an.

Dreizehn Flüchtlinge aus Ostafrika waren es Freitag früh. Die Küstenwache fand sie zwei Seemeilen vor Lampedusa in einem sechs Meter langen Holzboot, der kaputte Motor durch ein improvisiertes Segel ersetzt.

Halb verdurstet klettern sie auf die Hafenmole, heben die Hand zum Victory-Zeichen, drei brechen zusammen. Touristenkameras klicken. Gigi aus Mailand stellt die Szene in seinen Reiseblog. Es gibt hier täglich etwas zu sehen: Drei bis vier Boote landen pro Tag. Schon jetzt sind 2.000 Flüchtlinge mehr angekommen als 2005.

Zehn ertrunken
Zur gleichen Zeit, 50 Seemeilen weiter südlich: Ein tunesischer Fischkutter rettet 16 somalische Flüchtlinge aus dem Meer. Ihr Boot steht halb unter Wasser, zehn Reisegefährten seien auf der Irrfahrt bereits gestorben. Die Überlebenden müssen getragen werden, so schwach sind sie. Der Kapitän will sie in den nächsten Hafen bringen – Lampedusa.

Doch Italien weigert sich. Generalstabsmäßig wird die Ankunft der Schiffbrüchigen verhindert. Polizeihubschrauber und Küstenwacheboote starten, die tunesische Regierung wird verständigt. Der Kapitän des Kutters droht, die Flüchtlinge ins Meer zu werfen, dann müssten die Italiener sie erneut retten und nach Europa bringen. Doch Italien setzt sich durch, ein tunesisches Militärboot holt sie ab: Zurück an den Start.

Andere Boote sind heute auf Malta gelandet, auf Sizilien, eines sogar auf Sardinien, wo 17 Afrikaner erschöpft an einem Badestrand landeten. Es war das erste Flüchtlingsboot so weit im Norden.

Die dramatischen Szenen sind typisch für die neue Art der Flucht von Libyen nach Italien. Zwei Millionen Afrikaner, behauptet das libysche Innenministerium, warten auf die Überfahrt. Bis vor wenigen Monaten setzten die Schlepper stabile alte Kutter ein.

Menschliches Roulette
Doch nun sind die Kontrollen schärfer, und die Boote kleiner: Vier-bis acht-Meter-Nussschalen aus Holz oder Gummi. Denn nur wer an den Wachen vorbei italienische Hoheitsgewässer erreicht, kann einen Asylantrag stellen. „Die Fahrt über das Mittelmeer ist zum russischen Roulette geworden“, sagt Laura Boltrini vom UNHCR Italien zu ÖSTERREICH. „Die Boote sind zu klein und werden von den Flüchtlingen selbst gesteuert, weil den Schleppern das Risiko zu groß ist. Viele Bootsführer haben noch nie das Meer gesehen.“ Den Schleppern ist es egal – sie kassieren ihre 2.000 Euro pro Passagier im Vorhinein. Haie folgen den Flüchtlingsbooten mittlerweile auf der ganzen Strecke, erzählen Carabinieri.

Shiino, ein 20-jähriger Flüchtling aus Somalia, hat die Reise überlebt: „Der Schlepper in Libyen hat uns in das Boot gesetzt und gesagt: Immer Richtung Norden. Nach vier Tagen war ich sicher, dass ich sterben müsste.“ Warum tut man sich das an? „Ich hatte keine Wahl“, sagt Shiino. Er floh vor den somalischen Warlords, die das Land terrorisieren. Ihre Macht reicht bis in die Nachbarländer. Wer entkommen will, muss auf ein Boot: Legale Möglichkeiten, nach Europa zu fliehen, gibt es nicht. „Es geht für uns ums Überleben. Deshalb sind wir bereit zu sterben, um nach Europa zu kommen“, sagt Shiino.

Und es kommen täglich Boote nach: 6.000 Kilometer Küste, ließ die libysche Regierung der EU am Mittwoch ausrichten, seien für ein armes Land nicht zu kontrollieren.

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