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Zum Jahrestag

Angst vor neuer Gewalt in Frankreich

Ende Oktober jähren sich die Krawalle in französischen Vorstädten. Die Angst vor einem neuen Aufflammen der Gewalt steigt.

Am 27. Oktober jährt sich die Nacht, die alles ausgelöst hatte: Der Unfalltod zweier von der Polizei verfolgter Jugendlicher in Clichy-sous-Bois bei Paris entfachte einen Steppenbrand der Gewalt in Einwanderersiedlungen. Je näher das unheilvolle Datum rückt, desto nervöser scheinen die französische Polizei und Innenminister Nicolas Sarkozy zu werden.

Straßenschlachten ohne Ende
Wochenlang gingen heiße Fernsehbilder von Autos in Flammen und Straßenschlachten in den sozial benachteiligten Betonvierteln der Vorstädte um die Welt. Die Angst vor neuen Unruhen schürt schon Wochen vor dem Jahrestag wieder aufflammende nächtliche Gewalt zwischen Jugendlichen und der Polizei. Im Brennpunkt steht dabei von Anfang an der Minister, der 2007 Präsident werden möchte.

100 Autos brennen täglich
Als die Welle nächtlicher Unruhen Mitte November 2005 endlich abzuebben begann, verzichtete die Polizei von einem Tag auf den anderen darauf, die Zahl der in Brand gesteckten Autos und Schulen zu nennen - weil in dem sozial unruhigen Frankreich auch sonst jede Nacht rund 100 Fahrzeuge angezündet werden. Und beileibe nicht nur das, wie der Pariser "Figaro" nach zwei neuen schweren Auseinandersetzungen innerhalb kürzester Zeit vorrechnete: Im Schnitt 14 Polizisten werden Tag für Tag - meist dabei allerdings in der Nacht - durch Gewalttäter verletzt. Ende dieses Jahres könnten es mehr als 5000 Polizeibeamte sein, die etwa von Steinen oder Molotowcocktails getroffen wurden.

Steiler Anstieg der Vorfälle
Beunruhigend genug ist der steile Anstieg solcher Vorfälle um fast ein Drittel in zwei Jahren. Dass Polizisten in Seine-Saint-Denis bei Paris von einem Steinhagel empfangen oder in Hauts-de-Seine Schüsse auf sie gefeuert werden, macht aber auch klar, dass es immer brutaler zugeht: "Wenn Krawallmacher Steine werfen oder einen Streifenwagen in Brand setzen, bringt das in ihrem "Spiel" 50 Punkte, ein verletzter Polizist 100 Punkte etc.", beklagt Generalsekretär Nicolas Comte von der zentralen Polizeigewerkschaft einen gesteigerten Hass auf alles, was Uniform trägt. Und die Polizei geht massiver vor, ist mehr als früher in den Vorstädten präsent. Das vermehrt die Konfrontationen.

Pulverfass Vorstadt
"Die Lage hat sich seit dem heißen Herbst 2005 nicht spürbar verändert, man kann sogar sagen, dass die Feindseligkeiten nur noch zugenommen haben", beschreibt der Sozialwissenschaftler und Autor Sebastian Roché das Leben auf dem Pulverfass in den Unruhevierteln. Neu sei "der Willen zu töten" bei manchen Krawallmachern. Um aus dem Teufelskreis der Gewalt herauszukommen, reichen nach Einschätzung von Fachleuten verstärkte Patrouillen nicht aus. So kann kein Kontakt zu der sozial benachteiligten Bevölkerung in diesen Betonsilos geknüpft werden, die mehr denn je in jedem "Flic" den Feind zu sehen scheint.

Innenminister vor Dilemma
Das spektakuläre Durchkämmen von Wohnsilos zu frühmorgendlicher Stunde auf der Suche nach Gewalttätern - begleitet von TV-Kameras - kann dieses Image nur verschärfe, Berichte brutaler Polizeigewalt tun das ihre dazu. In Vorwahlkampfzeiten ist der ehrgeizige Sarkozy in einem Dilemma. Ein ausufernder heißer Herbst ein halbes Jahr vor den Wahlen, bei denen er doch Präsident Jacques Chirac beerben will, käme ihm überhaupt nicht recht. Andererseits will er deutlich rechts Flagge zeigen, weiß auch bei einer Richterschelte wegen Untätigkeit gegen Übeltäter eine Mehrheit der Franzosen hinter sich. Neue Unruhen in den Vorstädten bedeuteten allerdings auch politischen Sprengstoff.

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