In seiner Einschätzung zum Ukraine-Krieg und einem möglichen Frieden lässt Oberst Markus Reisner in oe24.TV aufhorchen.
Fast vier Jahre tobt der blutige russische Angriffskrieg in der Ukraine bereits. Während an der Front ein mörderischer Abnutzungskampf herrscht, schlägt Oberst Markus Reisner, Strategie-Experte des Bundesheeres, im Interview mit oe24-Politikchefredakteurin Isabelle Daniel Alarm. Er zeichnet ein düsteres Bild für Kiew – und sieht dennoch eine paradoxe Wende.
Ukraine seit vier Jahren im Abnutzungskrieg
Reisner vergleicht den Krieg mit einem Boxkampf, der über viele Runden geht: „Wir sehen, dass eine Runde nach der anderen vergeht, der Krieg immer mehr ein Abnutzungskrieg auch geworden ist, und dass wir kein Ergebnis haben.“ Doch nun könnte der Druck aus den USA alles verändern. „Paradoxerweise ist die Chance jetzt auf einen Frieden so groß wie nie zuvor. Warum? Weil die USA diesen Krieg beenden möchte“, so Reisner. Ein möglicher Deal könnte jedoch bitter für Kiew werden: „Es kann natürlich durchaus sein, dass man hier unter Druck zu einem Ergebnis kommt.“
Munitionsnot führt zu „prekärer Situation“
Besonders dramatisch sei die Lage bei der Luftabwehr. Reisner verweist auf den eklatanten Mangel an Patriot-Raketen, der es Russland ermöglichte, wichtige Heizkraftwerke in Kiew zu zerstören. Die USA wollen keine Patriot-Raketen mehr liefern. Die europäischen Zusagen von nur wenigen Raketen seien angesichts russischer Angriffswellen alle zehn Tage kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. „Und wenn sich das nicht nachhaltig verändert, dann wird es die Ukraine sehr schwer haben, diesen Krieg über längere Zeit durchzuhalten“, warnt der Oberst.
Drei Szenarien für das Ende
Sollten die USA die Unterstützung drosseln, droht der Ukraine laut Reisner ein „Diktatfrieden“. Er sieht drei historische Vorbilder für das Kriegsende:
- Finnisches Szenario: Gebietsabtretungen nach sowjetischem Vorbild.
- Koreanisches Szenario: Ein dauerhafter Waffenstillstand an einer eingefrorenen Linie.
- Deutsches Szenario: Ein geteiltes Land wie West- und Ostdeutschland.
Bundesheer-Oberst Markus Reisner.
„Alle sind bereits Verlierer“
Trotz möglicher Verhandlungen bleibt das Resümee des Experten erschütternd: „Also lassen Sie mich eines klar sagen, es sind bereits jetzt alle Verlierer. Denken Sie an die hunderttausenden Toten, die nicht mehr zurückkehren werden ins Leben. Denken Sie an ein völlig devastiertes und zerstörtes Land.“ Eine Gefahr, die alle umtreibe: "Was ist, wenn Russland mit seinem Angriffskrieg Schule macht unda anderen als Vorbild dient?" Das müsse nicht so sein. Wichtig sei eine stabile Friedenslösung. Denn für Europa bedeute ein instabiler Frieden eine dauerhaft zerrüttete Sicherheitsarchitektur – mit der Gefahr, dass Russland nach einer Regenerationsphase „sich auch den Rest der Ukraine holt.“