Laszivität und Leid

Löbl-Kritik

© Bardel, Theater an der Wien

Laszivität und Leid

Ein Fluss strömt in voller Bühnenbreite vom Hintergrund nach vorn bis zur Rampe, links und rechts begrenzt von Betonmauern und schmalen Uferwegen. Zwei Treppen führen hinab, ein Brückensteg ist darüber geschlagen. Das ähnelt freilich mehr dem Donaukanal als der Wolga, und der tolle optische Effekt nützt sich ab, denn er ändert sich nicht. Ein winziges Zimmer wird auf einem Podest hereingeschoben, zwei Ruderboote treiben kurios flussauf­wärte, eine Miniatur-Grotte bietet Zuflucht. Aber die Menschen auf der Bühne haben kaum Platz für ihre Aktionen. Keith Warners Inszenierung macht’s den Akteuren schwer.

Dreieck
Katja Kabanova, Musik und Libretto von Leos Janacek, handelt eigentlich 1890 in einem Dorf. Der Dreiakter, vernünftig pausenlos gespielt, gilt ­einer Frau zwischen zwei Männern. Der Gatte hat sich an sie gewöhnt, die Schwiegermutter hasst sie; Katja denkt und fühlt, das könne doch nicht das ganze Leben gewesen sein, und beginnt eine Liebesbeziehung, an der sie zerbricht. Janaceks ­Musik charakterisiert Menschen, kommentiert Gefühle, folgt dem Sinn der Worte, wechselt zwischen Zartheit und dramatischer Attacke. Kirill Petrenko hat ihre Eigenart mit dem RSO Wien sehr genau, sehr sensibel nachgeformt, auch in bestem Kontakt zur Bühne.

Auf dieser drei ausgezeichnete Tenöre (Brubaker, Very, Chum), der prägnante Anatoli Kotscherga und drei Frauen. Melanie Diener als Katja singt ausdrucksvoll, erweckt jedoch zu wenig Mitgefühl. Anja Silja (Kabanicha) wirkt dank ihrer Persönlichkeit und hat ihre stärkste Szene im Dialog mit dem alten Dikoj, weil ihre Laszivität glaubhaft ist. Ganz besonders überzeugend Stella Grigorian (Varvara) sowohl stimmlich als auch im Spiel. Sie verkörpert jene unbefangene Natürlichkeit, die ihre Partner handlungsbedingt verleugnen müssen.

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