Psychologe meint

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"Vielen scheint Haiders Ableben zu banal"

Die Autoren dieser kruden Phantasien rechtfertigen ihre Publikationen damit, dass Haider sich Zeit seines Lebens selbst zur öffentlichen Staats-Person gemacht habe, und daher auch sein Tod – jedenfalls unter diesen Umständen – eine öffentliche Angelegenheit sei.

VW Phaeton "zu sicher um zu sterben"
Für diese Menschen ist die überhöhte Geschwindigkeit, mit der Haider in den Tod raste, kein hinreichendes Erklärungsmodell: Das Argument: Der VW Phaeton, den Haider in jener Unglücksnacht lenkte, sei viel zu sicher, um nach diesem Crash so auszusehen. Auch, dass das Auto mit 170 km/h unterwegs war, ist anscheinend nicht Argument genug: "Fahrzeuge wie der Phaeton sind für hohe Geschwindigkeiten (Höchstgeschwindigkeit des Haider-Phaeton: 239 km/h) und raue Umgebungen wie Autobahnleitplanken oder gar Brückenpfeiler gebaut." Da werden Aussendungen des Herstellers zitiert, die mit der Sicherheit ihres Modells werben.

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Foto: (c) APA

Verwundbares Idol
Traumatisch dürfte für viele die genaue Schilderung von Haiders Verletzungen gewesen sein, glaubt die Psychologin Eva Münker-Kramer: "Das ist irrsinnig belastend, weil er dann einfach nicht mehr als Idol, sondern als zerrissener Leichnam gesehen wird. Ich denke, die Aussage 'schwer verletzt' hätte gereicht." Zu viele Details seien immer schlimm, "weil damit Bilder im Kopf entstehen."

"Der kann nicht so banal sterben"
"Das Gefühl der Menschen ist da wohl: 'Der kann ja nicht so banal sterben'", meint die Münker-Kramer. "Bei Personen wie ihm braucht es offenbar eine bessere und schillerndere Erklärung als den Unfalltod." Nicht zufällig werde Haider mit Lady Diana verglichen, deren tödlicher Crash vor elf Jahren nach wie vor Nährboden für entsprechende Gerüchte ist.

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Foto: (c) Getty

Paralellen zur griechischen Mythologie
Und dann gibt es wieder selbst ernannte Visionäre, die sich auf die griechische Mythologie berufen und die Sage um Helios, dem Sonnengott, und seinem Sohn Phaeton heraufbeschwören ("Zeus schleudert einen Blitz. Der Wagen wird zertrümmert und der Wagenlenker Phaethon stürzt in die Tiefe, wo er tot im Fluss Eridanus (Po) landet. (...) Die Inschrift auf dem Grabstein lautet nach Ovid: »Hier ruht Phaethon, der Lenker des väterlichen Wagens. Zwar konnte er ihn nicht steuern, doch starb er als einer, der Großes gewagt hatte").

Mathematische Zusammenhänge
Manche sehen zu dem Unfall Haiders einen mathematischen Zusammenhang zu großen Anschlägen der Vergangenheit. Da wird der Vorname Haiders (Jörg) mit der Stadt New York (und damit den Anschlägen vom 11.9.) in Zusammenhang gebracht, Zahlenspiele rund um den Alkoholspiegel und die Geschwindigkeit des Autos gebaut.

Alkohol? Niemals!
Auch, dass Haider betrunken unterwegs war, will man nicht glauben und beruft sich auf eine Aussage von seinem Pressesprecher Stefan Petzner, der Haider wenige Stunden vor seinem Tod verabschiedet hatte - "stocknüchtern", wie er sagte. Dass der Staatsanwalt persönlich an die Öffentlichkeit trat und bekannt gab, dass im ersten Obduktionsbericht 1,8 Promille Alkohol im Blut des Landeshauptmanns festgestellt wurde, scheint diese Verschwörungstheoretiker nicht zu stören. Lieber schenken sie Barbesitzern und Wirten Glauben, die allesamt beschwören, ihr Gast sei nüchtern gewesen. Manche wollen überhaupt wissen, dass irgendjemand Haider etwas in ein Getränk geschüttet haben könnte.

Anschlag oder Manipulation
Spekulieren die einen mit einem Sprengstoffattentat, warten andere wieder mit Manipulationen am Fahrzeug auf und wollen mittels Tatortbildern ihre Theorien untermauert wissen. Da werden Fragen aufgeworfen, warum es von dem Hydranten, in das Haiders Auto krachte, kein Foto gebe, warum sich die Frau, die Haider kurz vor dem Aufprall überholte, nicht öffentlich zu Wort melde, warum das Dach des Autos nicht mehr beschädigt sei, wenn es - wie aus dem Polizeibericht hervorgeht - mehrmals auf dem Boden aufprallt, bevor es sich nochmals überschlägt und zum Stehen kommt.

Theorien über ein Attentat oder Sabotage am Fahrzeug könnte auch durch die Bildberichterstattung vom Unfallort begünstigt worden sein, glaubt die Trauma-Expertin Münker-Kramer: Die Fotos des Wracks würden zahlreiche Assoziationen zulassen, etwa solche mit dem Wrack des Unfallautos von Lady Di oder mit zerstörten Fahrzeugen nach Bombenattentaten.

Animation vom Unfallhergang:

Geheimdienst-Theorie
Karlheinz Klement, ehemaliges FPÖ-Mitglied, wirft auf seiner Homepage die Frage auf: "Wem nützt der Tod Jörg Haiders?" Und beantwortet sie gleich selbst: Der israelische Geheimdienst Mossad hätte Interesse am Tod Haiders gehabt. Klement zieht Paralellen zum Unfall Haiders am 11. Oktober in Kärnten und dem Flugzeug-Crash am „11. September“ in New York. (Klement fragt sich im Hinblick darauf, dass in Klagenfurt VW-Techniker schnell zur Stelle waren und in New York man "inmitten des Chaos ausgerechnet den Reisepaß eines der angeblichen Attentäter" fand : "Liegt diese Gemeinsamkeit vielleicht gar daran, daß in beiden Fällen die gleiche Regieführung dahintersteht?"

Klement beruft sich weiters auf den langjährigen Europa-Abgeordneten und früheren Geschäftsführer der FPÖ Peter Sichrovsky. Dieser habe laut "profil" lange mit dem Mossad zusammengearbeitet: "Der Geheimdienst war an den arabischen Kontakten Haiders interessiert. Allen voran zu Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi." Und Haider selbst hatte in einem Interview gesagt, es habe "von Anfang an in der Partei Warnungen gegeben, Sichrovsky sei vom Mossad entsandt. Aber es gab keine konkreten Hinweise." Sichrovsky hatte allerdings immer dementiert, für den Mossad zu arbeiten. Der Schritt von dieser Anklage zu Haiders Ermordung 13 Jahre später ist für Klement dennoch nur ein kleiner. Der einleuchtende Beweis: "In so einem Fahrzeug (VW Phateon, Anm.) tödlich zu verunglücken ist schon sehr unwahrscheinlich".

"Fakten zurecht biegen"
Der Universitätsprofessor an der Universität Klagenfurt, Klaus Ottomeyer zu den kursierenden Verschwörungstheorien: "Die Verschwörungstheorie biegt Fakten zurecht, damit der Glaube - in den ich sehr viel investiert habe - erhalten bleiben kann und auch mein Selbstwertgefühl in keine Krise kommt", erklärte Ottomeyer. In Fachkreisen würde man von der "Reduktion einer kognitiven Dissonanz" sprechen.

Das Phänomen trete dann auf, wenn Menschen im psychologischen Sinn eine große Investition getätigt hätten. Plötzlich würden sie mit Fakten konfrontiert und bemerken, an ein "irreführendes Projekt" geglaubt zu haben. "Da beginnt das Zurechtbiegen der Realität", sagte der Psychologe.

Offene Fragen
Dass es immer noch ein paar offene Fragen zur Todesnacht Haiders gibt, nährt die Spekulationen, dass alles doch ganz anders gewesen sein könnte, noch mehr:

Haiders Pressesprecher Stefan Petzner hatte sich zuletzt immer mehr in widersprüchliche Aussagen über seine letzten gemeinsamen Minuten mit Jörg Haider verstrickt. Auch, ob es eine mehr oder wenig heftige Auseinandersetzung zwischen den beiden gegeben hatte, ist noch nicht völlig geklärt. Klar ist auch nicht, was genau in jener Unfallsnacht passiert ist. Mit wem traf sich Haider in der Szene-Bar, in der er zuletzt gesichtet wurde ? Und: hantierte er während der Todesfahrt mit seinem Handy? Lesen Sie hier mehr dazu.

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