Tiere leiden
Einbußen in der Tierhaltung
Während Menschen klimatisierte Räumlichkeiten aufsuchen, gibt es für Tiere oft kein Entkommen. Länderübergreifend ist extreme Hitze für Tiere eine massive Belastung. Milchproduktion reduziert sich, die Tiere nehmen weniger Futter auf und verlieren dadurch auch an Gewicht. Teilweise sterben auch viele Tiere, wie ein Blick auf Frankreich zeigt. Nun stellt sich die Frage, wie die Tierhalteindustrie in Zukunft mit den Hitzewellen umgehen wird. Die immer öfter vorkommenden Hitzeperioden lassen nicht nur Tiere leiden, sondern hinterfragen einmal mehr unsere Lebensmittelproduktion.
In Frankreich sind in den vergangenen Tagen nach Angaben von Branchenverbänden Hunderttausende von Hühnern und anderen Geflügeltieren an den Folgen der Hitze gestorben. In einigen Regionen wurden Temperaturen von über 40 Grad gemessen, wodurch viele Tiere unter massivem Hitzestress litten. Da Geflügeltiere nicht schwitzen können, sind sie besonders anfällig für extreme Wärme. Die hohe Anzahl an toten Tieren führte bei der Entsorgung sogar zu einer logistischen Herausforderung. Behörden prüften Ausnahmeregelungen für die Beseitigung der toten Tiere auf den Höfen. Auch viele andere Betriebe in Frankreich kämpften gegen die Probleme, unter denen ihren Geflügeltiere leiden. Atmen mit offenem Schnabel ist ein klares Warnzeichen.
Belgien: Schweine Kühe Probleme
In Belgien verzeichnen Betriebe ebenso finanzielle Einbußen. Auf einem Bauernhof in Bocholt zeigten Schweine und Rinder deutliche Anzeichen von Hitzestress. Die Tiere suchten Schutz in kühleren Bereichen der Ställe, während die Temperaturen weit über dem für sie optimalen Bereich lagen.
Der Farmdirektor Sander Palmans berichtete:„ Normalerweise erschrecken die Sauen, wenn man den Stall betritt, und sie stehen sofort auf, wenn sie uns sehen. Aber es war einfach zu heiß für sie. Man sah, dass sie alle auf dem Boden lagen. Sie suchten ständig die kältesten Stellen und drückten ihren Körper so nah wie möglich an den Boden, wo es am kühlsten war.“
Die Stalltemperaturen lagen deutlich über dem gewohnten Niveau. Palmans erklärte:„ Normalerweise liegt die bevorzugte Temperatur in diesem Abteil bei 20 bis 21 Grad. An diesem Tag waren es zwischen 30 und 32 Grad. Und man hat gesehen, dass die Sauen sich unwohl fühlten. Sie atmeten sehr schnell, ihre Atemfrequenz war erhöht, weil Schweine nicht schwitzen können. Und da sie nicht schwitzen können, versuchen sie, die Wärme über das Atmen loszuwerden.“
Die Auswirkungen zeigten sich auch in der Mastleistung der Tiere. Palmans berichtete:„ Bei Mastschweinen haben wir eine Verringerung der täglichen Gewichtszunahme von 1.000 Gramm auf 200 bis 300 Gramm gesehen, also einen Produktionsrückgang von etwa 70 Prozent. Das waren zwar nur ein paar heiße Tage, aber in dieser Zeit haben wir viel Geld verloren.“
Unsere Tiere – Das große oe24.TV-Tierschutzmagazin von Sonntag, 05.07.2026, hier in voller Länge sehen. Nächste Ausgabe Unsere Tiere: 12.07.2026, 18:30 Uhr.
Auch die Rinder waren deutlich betroffen. Statt sich wie üblich auszuruhen, blieben sie stehen, um kühlere Luftströmungen der Ventilatoren zu nutzen. Palmans sagte:„ Die Kühe suchten in diesem Moment die Luftbewegung der Ventilatoren. Normalerweise sollten sie 12 bis 14 Stunden am Tag liegen. Jetzt standen sie auf, um die Luftströmung zu erreichen. Das hatte Auswirkungen auf die Verdauung und damit bereits auf die Milchproduktion und letztlich auf das Einkommen. Durch diese Kette hat uns die Hitze etwa 150 bis 200 Euro pro Tag gekostet.“
Langfristig stehen die Betriebe vor hohen Investitionskosten für Kühlungssysteme. Palmans erklärte:„ Wenn man Systeme möchte, die die Temperatur wirklich um etwa 6, 7 oder 8 Grad senken können, dann sprechen wir von Investitionen in der Größenordnung von etwa 100.000 Euro. Das ist im Verhältnis zu den möglichen Erträgen sehr viel. Deshalb ist es schwierig zu entscheiden, ob man diese Investitionen tätigt oder nicht. Es hängt auch davon ab, ob es ausreichende staatliche Unterstützung gibt, dann hätten wir mehr Möglichkeiten.“
Experten gingen davon aus, dass solche Hitzewellen durch den Klimawandel künftig häufiger auftreten würden. Für die Tiere bedeutete das vor allem anhaltenden Stress, körperliche Belastung und Bedingungen, die ihre natürlichen Anpassungsgrenzen deutlich überschritten.
England: Lamas, Alpakas Probleme
In Teilen Englands wurden in den letzten Junitagen Temperaturen von über 36 Grad gemessen – die höchsten jemals in Großbritannien um diese Zeit.
In Lancashire suchten Schafe verzweifelt Schutz vor Temperaturen von rund 32 Grad. Statt wie üblich auf den Weiden zu grasen, lagen viele Tiere erschöpft unter Hecken, hinter Zäunen oder improvisierten Schattenspendern und zeigten deutliche Anzeichen von Hitzestress.
Auch Lämmer waren betroffen und atmeten mit geöffnetem Maul, während sie versuchten, sich abzukühlen. Hühner zogen sich in den Schatten zurück oder hielten sich in Ställen auf, um der direkten Sonne zu entgehen.
Der Tiermanager Pete Vose schilderte die Maßnahmen auf seinem Hof, um die Tiere zu schützen:„ Das kühlt sie jetzt erst einmal ab, dann gehen sie wieder raus und trocknen ab. Heute Nachmittag kommen sie wieder rein und ich sprühe sie erneut ab, aber wir sind an einen Wasserzähler gebunden. Normalerweise stelle ich ein Planschbecken auf die Wiese, aber meistens trinken sie daraus. Es gibt auch Eimer für sie zum Trinken, aber sie wollen lieber aus dem Planschbecken trinken. Es ist da, falls sie es brauchen.“
Er ergänzte, welche Kühlmöglichkeiten auf dem Hof eingesetzt wurden:„ Wir haben Ventilatoren, wir haben ein Planschbecken, wir haben reichlich Wasser. Die Lamas kommen später raus, die Alpakas und sie kommen dann zu den Schafen in den Stall, wo es kühler ist.“
Besonders eindrücklich schilderte Vose die Gefahren der Hitze während der Schur:„ Unser Scherer, der unsere paar hundert Schafe schert, hat gesagt, dass ihm Tiere einfach während der Schur gestorben sind, weil sie zu heiß wurden. Gut, dass ich sie letzte Woche geschoren habe – damals war es noch kalt. Ich bin froh, dass wir es so früh gemacht haben.“
Die Tiere suchten unterdessen überall Schatten – unter Anhängern, Hecken oder selbstgebauten Abdeckungen. Der Boden war teilweise ausgetrocknet und rissig, während die Hitze sich über die Landschaft legte.
Auch Expertinnen und Experten warnen, dass anhaltende Hitze ohne nächtliche Abkühlung besonders belastend sei, da sich der Hitzestress über mehrere Tage hinweg aufbaut und sowohl Gesundheit als auch Leistungsfähigkeit der Tiere beeinträchtigt. Zu den typischen Warnsignalen gehören erhöhte Atemfrequenz und Atmen durch den Mund.
In Prag brachte eine Gruppe von Stallmitarbeitern ihre Pferde an den Fluss Berounka in Prag, um den Tieren eine Abkühlung zu verschaffen. Die Mitarbeiter führten die Pferde im Laufe des Tages mehrfach ins Wasser, während die Temperaturen in der Tschechischen Republik stark anstiegen.
Die Tierhalteindustrie wird durch Hitzeperioden wie diese vor die Frage gestellt, wie sich die Lebensmittelproduktion in Zukunft an solche Umstände anpassen wird. Denn auch wenn die ersten Julitage in Österreich eine Abkühlung verzeichnen, ist die nächste Hitzewelle bereits in Sicht.
Abgesehen vom Haltungssystem, das Investitionen erfordern könnte, wird der Transport für die Tiere zunehmend Probleme aufwerfen. Während extremer Hitzewellen kann die gesetzlich vorgeschriebene Maximaltemperatur kaum mehr erreicht werden. In allen Mitgliedsstaaten gelten laut EU-Tiertransport-Verordnung gewisse Regelungen zur Temperatur. Grundsätzlich darf diese innerhalb des Transportmittels maximal 30 Grad erreichen, wobei eine Toleranzgrenze von 5 Grad gilt – de facto sind damit maximal 35 Grad erlaubt. Tierschutzvereine haben innerhalb der heißen Tage besonders auf die Einhaltung dieser Regelung geachtet. Soko Tierschutz erhielt trotz verzeichneter 39 Grad Hinweise darauf, dass mehrere Tiertransporter zum Münchner Schlachthof unterwegs waren. Als Soko Tierschutz schließlich am Schlachthof ankam, wurden die Rinder abgeladen. Laut dem Verein war ihr Hitzestress klar ersichtlich. Der Verein erhebt gegen alle betroffenen Transportunternehmen, Fahrer und auch gegen die amtliche Veterinärin, die ihre Pflichten verletzt haben soll, Strafanzeige.
Noch immer wird auf EU-Ebene über eine neue Tiertransport-Verordnung verhandelt. Tierschutzorganisationen sprechen sich klar für strengere Regeln bei Hitze aus. Während Tiere bereits in den Betrieben kaum mit der Hitze zurechtkommen, werden in vielen Transportern noch höhere Temperaturen verzeichnet. Erneut wird daher in allen Bereichen ein besserer Schutz für Tiere in Hitzeperioden gefordert.
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden