Friedhof der Urzeit

Forscher finden 1.000 Haizähne in 5.000 Metern Tiefe

3D-Illustration eines riesigen Megalodon-Hais mit geöffnetem Maul im Ozean.
© Getty Images/iStockphoto
Australische Wissenschafter haben am Grund des Indischen Ozeans eine spektakuläre Entdeckung gemacht. In einer Tiefe von über 5.000 Metern stießen sie auf einen gewaltigen Haifisch-Friedhof mit rund 1.000 fossilen Zähnen, die Jahrmillionen der Evolution abdecken.
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Der Indische Ozean bedeckt rund ein Fünftel der weltweiten Meeresfläche. Bemerkenswerte 90 Prozent seines Bodens liegen in einer extremen Dunkelzone von tiefer als 1.000 Metern. Trotz dieser gigantischen Ausmaße ist diese Tiefsee weitaus schlechter erforscht als jene des Pazifiks oder des Atlantiks. Das gilt ganz besonders für den zentralöstlichen Bereich, der sich südlich von Indonesien erstreckt. In dieser abgelegenen Region erhebt sich eine Kette von rund 50 untermeerischen Vulkanbergen, von denen lediglich zwei die Wasseroberfläche durchbrechen: die Weihnachtsinsel und die Kokosinseln, welche als australische Außenterritorien bekannt sind.

Diese Seeberge weisen ein stolzes Alter zwischen 40 und 120 Millionen Jahren auf und erreichen beeindruckende Durchmesser von bis zu 70 Kilometern. Als die australische Regierung plante, in diesem unberührten Gebiet umfassende Meeresschutzgebiete einzurichten, standen die Verantwortlichen vor einem großen Problem: Über die tatsächliche Lebenswelt am Meeresboden war praktisch überhaupt nichts bekannt. Kein einziges Forschungsschiff hatte diese extremen Tiefen jemals zuvor systematisch untersucht oder Proben vom Grund genommen.

Sensationeller Fund auf der Kokos-Tiefseeebene

Diese wissenschaftliche Lücke konnte durch zwei bahnbrechende Expeditionen des australischen Forschungsschiffs RV Investigator in den Jahren 2021 und 2022 geschlossen werden, deren umfassende Gesamtauswertung nun der Weltöffentlichkeit präsentiert wurde. Ein Team um den renommierten Meeresbiologen Tim O'Hara von Museums Victoria sammelte dabei an 22 verschiedenen Seebergen, an beiden Inselgruppen sowie auf der umliegenden Tiefseeebene insgesamt 67 Bodenproben. Die Probenahmen erfolgten in Wassertiefen zwischen 94 und extremen 5.431 Metern. Allein die Anreise verdeutlicht die enorme Abgeschiedenheit des Forschungsgebietes: Die Fahrt von der nordaustralischen Stadt Darwin bis zur Weihnachtsinsel nahm fast sieben Tage in Anspruch.

Der mit Abstand spektakulärste Fund gelang der Crew beim allerletzten Schleppnetzzug auf der Kokos-Tiefseeebene in einer Tiefe von weit über 5.000 Metern. Anstatt lebender Meeresbewohner zog das Netz ein schier unglaubliches Gut an die Oberfläche: Rund 1.000 fossile Haizähne kamen zum Vorschein. Die Forscher tauften diese einzigartige Fundstelle sogleich "Haifisch-Friedhof". Die Zähne decken einen Zeitraum von mehr als 22 Millionen Jahren evolutionärer Entwicklungsgeschichte ab. Neben den Beißwerkzeugen heutiger Arten wie dem Weißen Hai, dem Makohai oder dem Tigerhai fanden die Wissenschafter auch fossile Überreste des legendären Megalodon, dem größten Raubhai, der jemals auf unserem Planeten gelebt hat.

Mineralische Schätze und ungeklärte Fragen

Viele der geborgenen Zähne waren von sogenannten Manganknollen überzogen oder vollständig in diese eingeschlossen. Dabei handelt es sich um mineralreiche, dunkle Gebilde, die über Jahrmillionen hinweg extrem langsam am Meeresboden wachsen und aufgrund ihres hohen Gehalts an begehrten Metallen im Fokus des globalen Tiefseebergbaus stehen. Warum sich ausgerechnet an dieser einen, spezifischen Stelle über so unvorstellbar lange Zeiträume hinweg derart viele Haizähne ansammeln konnten, stellt die Wissenschaft vor ein Rätsel. Die Experten vermuten derzeit eine seltene Kombination aus starken Unterwasserströmungen und einer extrem verlangsamten Sedimentablagerung in diesem Bereich des Ozeans.

Die Auswertung dieses gigantischen Fundes liefert jedoch nicht nur historische Erkenntnisse, sondern zeichnet auch ein präzises Bild der heutigen Artenvielfalt am Meeresgrund.

Die spektakulärsten Entdeckungen im Überblick

Die wissenschaftliche Auswertung der Proben brachte sensationelle Details über eine völlig fremde Welt ans Licht, die sich wie folgt zusammenfassen lassen:

  • Der gigantische Haifisch-Friedhof: Rund 1.000 Zähne von Megalodon, Makohai, Tigerhai und Weißem Hai wurden aus über 5.000 Metern Tiefe geborgen und belegen eine 22 Millionen Jahre lange Entwicklungsgeschichte.
  • 149 völlig neue Tierarten: Darunter befinden sich eine skurrile Tiefsee-Seegurke der Gattung Oneirophanta, ein leuchtender Grünaugenfisch sowie eine hochspezialisierte, parasitisch lebende Rankenfußkrebsart.
  • Das mysteriöse "Auge von Sauron": Eine eingestürzte Vulkancaldera in rund 3.100 Metern Tiefe, deren kreisrunde Form mit einem zentralen Kegel die Forscher an Tolkiens Fantasy-Klassiker erinnerte.
  • Seeberge als Trittsteine des Lebens: Die Entdeckung widerlegt die alte These, dass Unterwasservulkane isolierte Lebensräume sind. Sie dienen den Organismen stattdessen als Wanderhilfen über ganze Ozeane hinweg.

Die Bedrohung eines unberührten Lebensraums

Für die internationale Wissenschaftsgemeinschaft kommt diese umfassende Bestandsaufnahme der Tiefsee im Indischen Ozean sprichwörtlich zur allerletzten Sekunde. Globale Bedrohungen wie die fortschreitende Erwärmung der Weltmeere, die Überfischung, die allgegenwärtige Plastikverschmutzung sowie der drohende kommerzielle Abbau von Manganknollen setzen diese hochgradig sensiblen Ökosysteme massiv unter Druck. Viele Arten könnten aussterben, noch bevor sie überhaupt entdeckt werden.

Wie viel Arbeit den Forschern noch bevorsteht, zeigt die Tatsache, dass über 400 der gesammelten Organismen dieser Expedition immer noch auf ihre detaillierte wissenschaftliche Bearbeitung und Bestimmung warten. Die Tiefsee bleibt somit der letzte große, weitgehend unberührte und unerforschte Raum auf unserem Planeten, der dringend geschützt werden muss.

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