Blickfang
Ringturm-Schau zeigt "Unbekanntes Böhmen"
Ingeborg Bachmann schrieb 1964 ihr bekanntes Gedicht "Böhmen liegt am Meer"; mehr als 60 Jahre später liegt Böhmen am Donaukanal. Zumindest das "unbekannte Böhmen", das im Fokus der neuen Ausstellung von Architektur im Ringturm steht. 7.000 Kilometer haben Adolph Stiller und sein Co-Kurator Stephan Templ auf ihrer Recherche im westlichen Tschechien zurückgelegt, um größtenteils vergessene oder gänzlich unbekannte architektonische Juwele zu erkunden.
Arch. Kamil Roškot. © Andreas Haller
Bereits 2014 hat man sich im Ausstellungszentrum im Ringturm historischen Städteensembles in Mähren gewidmet, nun also Böhmen. Nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen historischen Umbrüche des Landes vom Ende der Habsburger-Monarchie über die Gründung der Tschechoslowakei, die Nazi-Herrschaft und das anschließende kommunistische Regime bis zur Gründung der Tschechischen Republik 1993 erzählen die Gebäude ihre ganz eigenen Geschichten, die nun auf Schautafeln und in einem umfangreichen Katalog zum Leben erweckt werden.
Entlang von Moldau, Elbe und Eger
Anhand der drei Flüsse Moldau, Elbe und Eger fokussierte man sich auf drei geografische Achsen, denen schließlich auch das Kapitel "Zwischen den Flüssen" beigefügt wurde. Die ausgewählten Bauten spannen einen breiten Bogen von der Gotik bis zur Architektur der Moderne, von Burgen und Schlössern bis hin zu Kraftwerken und Wassertürmen. Auch Böhmen als "kultureller Resonanzraum Mitteleuropas" und die enge Verflechtung mit Österreich und Künstlern von Gustav Mahler über Antonín Dvořák bis Egon Schiele und Gustav Klimt werden in den Blick genommen.
Besonderes Augenmerk gilt der Architektur des 20. Jahrhunderts mit so unterschiedlichen Architekten wie Pavel Janák, Jože Plečnik oder Heinrich Kulka. Aber auch zeitgenössische Architektur, Umnutzungen und Renovierungen finden sich in der Schau, die sich als Einladung versteht, "Böhmen neu zu entdecken - nicht als nostalgischen Erinnerungsraum, sondern als lebendige europäische Kulturlandschaft", so Stiller am Dienstag beim Presserundgang.
Von Kirchengewölben und stalinistischen Villen
Zu den Highlights gehört etwa der Blick auf das Diamantgewölbe der Kirche Mariä Himmelfahrt in Bechyně, der Schwarzenberger Schwemmkanal in Jelení vrchy (Hirschbergen) oder das Stalinisten-Resort Orlík, das zahlreiche Luxusvillen hochrangiger kommunistischer Funktionäre umfasst. Auch die verbliebenen Synagogen in Böhmen fanden Eingang in die Schau, wurden doch unter der kommunistischen Herrschaft derer 90 zerstört - mehr als unter der Nazi-Diktatur.
Ein Blickfang sind auch das Schloss Kurzweil in Netolitz aus dem 16. Jahrhundert oder das monumentale Gebäude der Winternitz Mühlen in Pardubice, dessen Eigentümer in Auschwitz ermordet wurde und das heute für kulturelle Zwecke genützt wird. Auch das bäuerliche Bauen, die Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg und die heutige Nutzung durch ausländische Großkonzerne fanden Eingang in die Schau, die verdeutlicht: Böhmen liegt nicht am Meer und auch nicht am Donaukanal, sondern erstreckt sich entlang seiner Flüsse. Und bietet eine architektonische Vielfalt, die es zu entdecken gilt. Die Ausstellung "Unbekanntes Böhmen" ist von 15. Juli bis 16. Oktober im Ausstellungszentrum im Ringturm (1., Schottenring) zu sehen.
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