Aus Sicht von Raiffeisen-Research-Chefanalyst Gunter Deuber ist der europäische Wirtschaftsaufschwung "für heuer scheinbar abgesagt".
Derzeit gehe man von einem "adversen Szenario" in Nahost aus, bei dem die kriegerischen Handlungen in den kommenden Monaten andauern und die Straße von Hormuz blockiert bleibt. Für Österreich würde das ein Wachstum von nur noch 0,3 Prozent bedeuten, nach erwarteten gut 1 Prozent für 2026, so Deuber am Montag bei einer Pressekonferenz.
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Für die gesamte Eurozone sieht Raiffeisen Research für heuer ein Plus von 0,5 Prozent voraus. Zuvor war das Institut von 1,4 Prozent realem BIP-Wachstum ausgegangen. Auch die Inflationsprognose hat sich verschlechtert: Die Rate in der Eurozone dürfte sich im Jahresschnitt bei rund 3,5 Prozent einpendeln, wobei zwischenzeitlich eine monatliche Inflation von 5 bis 6 Prozent möglich sei. Ursprünglich war man noch davon ausgegangen, dass sich die Inflation im Bereich des EZB-Zielwerts von 2 Prozent bewegen wird. In Österreich könnte die Inflation sogar leicht über der Eurozone zu liegen kommen, meinte der Bankökonom.
Grund für die eingetrübten Erwartungen ist vor allem der steigende Ölpreis und seine Folgen für die Konjunktur und das allgemeine Preisniveau. Aktuell würden die Preisausschläge noch von vorhandenen Öl-Reserven eingedämmt, die aktuell freigegeben werden. Sollten die Kriegswirren andauern, würde sich aber auch die Versorgungslage zum Negativen verändern und die Märkte darauf entsprechend reagieren, meinte Deuber. Aktuell prognostiziert Raiffeisen Research einen Brent-Preis von im Schnitt 125 Dollar (108,18 Euro) für das erste Quartal.
"Bärenmarkt" möglich
Generell halte sich die Reaktion an den Börsen mit überschaubaren Kursveränderungen noch in Grenzen, eine mögliche weitere Eskalation des Krieges sei grosso modo noch nicht eingepreist, führte Deuber aus. Vor allem in Europa sei ein "Bärenmarkt", sprich eine längere Phase, in der Aktienkurse stärker fallen, aber durchaus eine Gefahr. Schon jetzt rechnet das Geldhaus damit, dass die EZB in Europa ab April auf die geänderten Umstände reagiert und den Einlagensatz bis Herbst um 50 bis 75 Basispunkte hebt.
Deutlich gefallen sind indes die Preise für Gold, das in Krisenzeiten als "sicherer Hafen" gilt. Eine Feinunze (etwa 31,1 Gramm) Gold kostete am Montag im frühen Handel nur noch etwas mehr als 4.300 Dollar (3.721,33 Euro) und damit vier Prozent weniger als am Freitagabend. Der Bankexperte deutet das als Zeichen, dass der davor beobachtete, länger anhaltende Kursanstieg "einen Konflikt schon vorweggenommen" hat. Außerdem werde vor allem von staatlicher Seite derzeit Gold verkauft, um sich mit liquiden Mitteln zu rüsten.
Tipps für Anleger
Heike Arbter, Leiterin von Raiffeisen Zertifikate, rät Anlegerinnen und Anlegern, den Märkten bei Turbulenzen nicht fernzubleiben und sich nach Absicherungsmechanismen mit begrenztem Risiko zu erkundigen. In Frage kämen dafür etwa sogenannte Inflationsanleihen, die Investoren vor der Geldentwertung schützen würden. Eine Buy & Hold Strategie zu verfolgen, wo eine Schwächephase gewissermaßen übertaucht wird, wäre als Alternative zwar durchaus ein gangbarer Weg, dafür brauche es aber einen "langen Atem". Außerdem müsse man dabei zwischenzeitlich kräftige Verluste im Portfolio hinnehmen.