Das Psychogramm des Martin Pucher

Commerzialbank-Skandal

Das Psychogramm des Martin Pucher

In Mattersburg kennen Pucher viele als großzügigen Helfer. Keiner wusste, dass sich alles auf Fake gründete.

Wien/Mattersburg. Am 14. Juli um 12 Uhr stürzte das Luftschloss des Martin Pucher zusammen. Der inzwischen Ex-Chef der Commerzialbank Mattersburg hatte seit Wochen wieder mal eine Bankprüfung – die fand coronabedingt seit Wochen via Telefonkonferenz statt, aber Pucher hatte jetzt um einen persönlichen Termin in seiner Bank gebeten. Gegenüber zwei Prüfern der Nationalbank erklärte der 64-Jährige, die Bilanzen des Instituts gefälscht zu haben, erstattete Selbstanzeige, legte seine Funktionen zurück, gab die Schlüssel ab und fuhr nach Hause. Auch seine Frau und die Töchter hatten bis zu diesem Tag nichts gewusst.

Fast drei Jahrzehnte hat Pucher die Bilanzen mit erfundenen Krediten und Einlagen aufgebläht, der Schaden liegt bei 700 Mio. Euro. „Mein Mandant nimmt alle Schuld auf sich, es sei seine Idee gewesen, niemand außer seiner Co-Vorständin war eingeweiht“, sagt Puchers Anwalt Norbert Wess.

»Kann seit 20 Jahren nicht schlafen«, sagt Pucher

Strudel. Laut Puchers Aussagen habe er schon 1992, damals noch bei Raiffeisen, begonnen, die Bilanzen zu frisieren. 1995 gründete er die Commerzialbank, machte weiter, geriet immer tiefer in den Strudel seiner Fake-Geschäfte. „Anfangs dachte er, das sei wieder hinzukriegen, irgendwann ging’s nur mehr ums Kaschieren“, erläutert Anwalt Wess. Laut Pucher sei die Bank 2000 eigentlich insolvent gewesen. Eine sechsmonatige Prüfung 2015 ging ihm so an die Nerven, dass er zwei Schlaganfälle erlitt.

„Er wollte helfen“. Was aber trieb Pucher an? Persönlich bereichert habe er sich nicht, ist sich Anwalt Wess sicher. Keine Luxus-Villa, keine teuren Autos oder Uhren. Nur die Unterstützung für den SV Mattersburg, dessen Präsident er war, leistete sich Pucher vom Geld der Bank. Angetrieben habe ihn „eine Form von Eitelkeit“, meint Wess: „Es ging ihm um Wertschätzung. Sein größtes Anliegen war zu helfen – auch wenn das jetzt wie ein Hohn klingt.“ Pucher half großzügig, gab Geld für viele und vieles. Und saß dabei ständig auf dem Pulverfass seiner Fake-Bilanzen. Wie er noch habe schlafen können? „Pucher sagt: Ich kann seit 20 Jahren nicht schlafen“, so sein Anwalt.

Pflegefall. Warum Pucher nun „aufgab“? Die Bankprüfer hatten zwei Kredite massiv hinterfragt, vielleicht sah er kein Herausreden mehr. Der 64-Jährige steht jetzt vor der Privatinsolvenz. Gesundheitlich soll er ein Pflegefall sein. „Er wird sich aber dem Verfahren stellen“, sagt Wess. Bei Anklage drohen bis zu 10 Jahre Haft.

Pucher-Anwalt: »Prüf-Kriterien wären kritisch zu hinterfragen«

ÖSTERREICH: Ihr Mandant Martin Pucher hat fast 30 Jahre Bilanzen frisiert. Die Bank wurde aber auch in dieser Zeit geprüft?

Norbert Wess: Ja, schon seit 1994 gab es 7 bis 8 Prüfungen, 2015 auch eine sechsmonatige. Danach hatte mein Mandant zwei Schlaganfälle. Aufgefallen ist den Prüfern nichts.

ÖSTERREICH: Also war Herr Pucher ein genialer Fälscher?

Wess: Mir kommt es gar nicht sehr genial vor. Es wurden Bestätigungen von am Ende 11 Banken gefälscht, dann gab es die erfundenen Kredite. Man hätte hinsichtlich der Richtigkeit der Belege mal nachfragen können bei einer dieser Banken, dann wäre alles viel früher aufgeflogen. Das ist kein Entschuldigungsgrund für meinen Mandanten, er trägt die Verantwortung und steht ja auch dazu. Aber ich vermisse in der Diskussion eine gewisse Selbstkritik und -reflexion der prüfenden Institutionen. Wenn eine solche Sache über einen so langen Zeitraum nicht auffällt, wären zumindest die Prüf-Kriterien kritisch zu hinterfragen. Im Hinblick darauf, wie das System für die Zukunft zu verbessern wäre.

ÖSTERREICH: Es gab ja sogar staatsanwaltschaftliche Ermittlungen im Jahr 2015?

Wess: Ja, bei der Staatsanwaltschaft Eisenstadt aufgrund einer Sachverhaltsdarstellung der FMA und bei der WKStA nach Hinweisen eines Whistleblowers, die offenkundig auch Gegenstand der OeNB-Vorortprüfung 2015 bei der Bank waren, aber von den Prüfern nicht bestätigt werden konnten. In beiden Fällen wurde dann mangels Anfangsverdachts von weiteren Ermittlungen abgesehen. Aber: Wenn so etwas im Raum stand, sollte eigentlich der Aufsichtsrat informiert werden, das ist nicht passiert.

ÖSTERREICH: Aufsichtsräte sind aber auch nicht unbedingt Experten in diesen Dingen …

Wess: Meiner Ansicht nach würde in jeden Aufsichtsrat von Banken und börsenotierten Firmen ein Profi in Sachen Wirtschaftsstrafrecht gehören.

Angela Sellner