Das Warten auf die Trendwende hält an

Solarbranche zwischen Krise und glänzender Zukunft

Glänzende Zukunft, düstere Gegenwart: Während die Vision vom gigantischen Wüstenstromprojekt Desertec Deutschland elektrisiert, kämpft die noch junge deutsche Solarbranche mit ihrer schwersten Krise. Ein beispielloser Preisverfall und dramatisch wegbrechende Aufträge trieben viele Unternehmen schon zu Jahresbeginn tief in die roten Zahlen. Im zweiten Quartal hat sich die Talfahrt beschleunigt, die ersehnte Trendwende ist ausgeblieben. Reihenweise kassierten zuletzt viele Unternehmen ihre Prognosen.

Den Anfang machte Ende Juni die bayrische Projektentwicklungsgesellschaft Phoenix Solar, die ihre Gewinnprognose kürzte. Dann korrigierte der zum Bosch-Konzern gehörende Erfurter Solarzellen-Hersteller ersol seinen Ausblick nach unten. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung bildete das ostdeutsche Vorzeigeunternehmen Q-Cells. Die Gesellschaft meldete für das zweite Jahresviertel einen überraschend hohen operativen Verlust von 62 Mio. Euro. Der Umsatz brach um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf 142 Mio. Euro ein. Die bereits zuvor dreimal reduzierte Prognose kippte das Unternehmen nun ganz. Die derzeit unsichere Marktsituation erlaube keinen verlässlichen Ausblick für das Gesamtjahr. Viele andere Unternehmen der Branche haben noch überhaupt keinen Ausblick gegeben - auch nach fast sieben Geschäftsmonaten nicht.

Markt gedreht

Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Markt komplett gedreht. Jahrelang machte die Branche dank hoher Förderung glänzende Geschäfte. "Wir konnten gar nicht schnell genug produzieren", sagt Q-Cells-Chef Anton Milner. Renditen von 30 bis 40 Prozent waren keine Seltenheit. Vor diesem Hintergrund bauten viele Unternehmen weltweit ihre Kapazitäten aus. Doch dann kam die globale Wirtschafts- und Finanzkrise. Mit einem Schlag brach für viele Investoren die Finanzierung ihrer Solarprojekte weg. Zahlreiche Firmen kämpften mit verschobenen Aufträgen.

Daran hat sich nach Ansicht von Dieter Manz, Chef des auf die Solarbranche spezialisierten Anlagenbauer Manz Automation aus Reutlingen, bisher nichts geändert: "Die Projekt-Pipeline ist voll, es fehlt aber das Geld der Banken." Viele Institute würden inzwischen 30 Prozent Eigenkapital verlangen. Das sei oft eine zu große Hürde. Auch die staatliche Förderung etwa in den USA habe noch nicht für den Umschwung gesorgt.

Und so trifft ein massiv ausgebautes Angebot auf eine eingebrochene Nachfrage. Die Folge: die Preise stürzen ins Bodenlose. Von 30 Prozent ist inzwischen die Rede. Branchenkenner wie Manz sprechen längst von einer Deflationsspirale. In der Erwartung noch weiter fallender Preise schieben viele Kunden den Kauf von Solaranlagen so lange wie möglich auf. Damit dürfte allerdings im zweiten Halbjahr zumindest in Deutschland Schluss sein. Hintergrund ist die Einspeisevergütung, die jedes Jahr sinkt. Wer sich also noch die höhere Förderungen dieses Jahres sichern will, der muss seine Anlage bis Ende Dezember installieren und ans Netz bringen. Die Unternehmen erwarten daher, dass viele Kunden in den nächsten Monaten zuschlagen dürften. Eine generelle Trendwende dürfte das aber nicht bedeuten.

Heftige Konsolidierung

Viele Marktbeobachter erwarten eine heftige Konsolidierung. "Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen", sagt etwa SolarWorld-Chef Frank Asbeck. Er rechnet damit, dass weltweit nur ein Dutzend Unternehmen überleben werden - zwei bis drei davon in Deutschland. Analysten erwarten, dass vielen, die mit den hohen Preisen der Vorjahre kalkulieren, die Luft ausgehen wird. Zudem dürften sich Fusionen und Übernahmen häufen. Immer wieder werden auch Großkonzerne wie Siemens, General Electric (GE) oder die Versorger in Verbindung mit Solarunternehmen gebracht - doch diese Gerüchte haben sich bisher nicht bewahrheitet.

So schwer der Preisverfall derzeit der Branche zu schaffen macht, bereitet er zugleich den nächsten Boom vor. "Solarstrom wird wirtschaftlich, und zwar viel schneller als erwartet", sagt Asbeck. Schon 2012, 2013 wird auch in Deutschland mit der sogenannten Netzparität gerechnet, in sonnenreichen Regionen noch früher. Das ist der Zeitpunkt, wenn Solarstrom günstiger als der Preis für herkömmlichen Strom aus der Steckdose wird. Die Branche rechnet dann mit fast ungebremstem Wachstum. Es winkt eine goldene Zukunft - für alle, die die derzeitige Krise überleben.