Fischer: "Unsere Türen müssen offen sein"

ÖSTERREICH-Interview

Fischer: "Unsere Türen müssen offen sein"

Heinz Fischer über die Quartiersuche für Asylwerber, Sauerstoff für die Regierung und wie er mit 76 fit bleibt.

Heinz Fischer liebt das Bad in der Menge. Welch Glück. Denn es sind bis zu 5.000 Hände, die er heute schüttelt: Am Nationalfeiertag lädt der Bundespräsident traditionell zum Tag der offenen Tür – Tausende Österreicher nützen dabei die Gelegenheit, den Präsidenten zu treffen – so wie auch die 12-jährige Zoe (siehe Foto), eine Schülerin, die den Präsidenten erst kürzlich einen ganzen Tag lang begleiten durfte.

Als besondere Anstrengung sieht Fischer weder den stundenlangen Talk mit den Bürgerinnen und Bürgern noch lange Auslandsreisen. Im Interview mit ÖSTERREICH am SONNTAG erklärt er, wie er sich auch nach 10 Jahren im Amt motiviert und fit hält und warum ihm Volks- und Naturnähe so wichtig sind.

Mahnung
Ein Geheimnis seiner guten Kondition: Freie Tage verbringt er gerne in der Natur, beim Bergwandern. Sauerstoff-Schübe, wie er sie erfährt, habe auch die Regierung durch die Umbildung Anfang ­September erhalten, so der Präsident im Interview. Er mahnt die Regierung zur Arbeit, um das Projekt Österreich erfolgreich durch die kommenden schwierigen Zeiten zu führen. Und an die Bevölkerung gerichtet, betont der Präsident, dafür einzutreten, dass Junge sich nicht vom ISIS-Terror verführen lassen.

Offenheit
Die Landeshauptleute wiederum nimmt Fischer in die Pflicht, was fehlende Quartiere für Asylwerber betrifft. Die Türen in Österreich müssten hier offen sein und Heimatlosen ein Dach über dem Kopf – und in bestimmten Fällen auch eine Arbeitsmöglichkeit geboten werden.

 

ÖSTERREICH: Sollten wir uns am Nationalfeiertag die Frage stellen: Was hat man in ­einem Land, wo es den Menschen so gut geht, verabsäumt, wenn wir es nicht schaffen, ausreichend Quartiere für Asylwerber bereitzustellen?
Heinz Fischer: Die Zahl der Asylwerber ist nicht so einfach abzuschätzen wie das Verkehrsaufkommen auf einer Autobahn. In Österreich verdoppeln sich diese Asylwerberzahlen heuer im Vergleich zum Vorjahr. Das ist eine unvorhersehbare Entwicklung, deren Ursachen außerhalb Österreichs liegen. Ich halte die Schaffung von Flüchtlingsquartieren für absolut notwendig. Aber ich verstehe, dass man über die Bürgerinnen und Bürger kleiner Gemeinden nicht einfach drüberfahren will, sondern Konsens sucht. Wir können nicht einfach überfallsartig Flüchtlingsquartiere einrichten, sondern brauchen Vorbereitungszeit!

ÖSTERREICH: Aber es ist kalt geworden, Zelte werden hier keine Lösung sein, oder?
Fischer: Nein, Zelte sind in Österreich keine Lösung. Unsere Türen müssen für diese Menschen offen sein. Man wird wohl noch die eine oder andere Kaserne oder leer stehende Gebäude bereitstellen, um diesen armen Menschen, die aus der Hölle eines Bürgerkriegslandes wie beispielsweise Syrien entfliehen konnten, ein Dach über dem Kopf zu bieten. Die Landeshauptleute haben öffentlich versprochen – ich will sogar sagen, sie haben garantiert –, dass sie bis Jänner ihre Quoten zu 100 Prozent erfüllen. Darauf muss man sich verlassen können.

ÖSTERREICH: Sollen Asylwerber arbeiten dürfen?
Fischer: Gewerkschaftspräsident Erich Foglar hat gesagt, dass man in bestimmten Fällen Asylwerber in den Arbeitsmarkt inte­grieren soll. Ich unterstütze diese Position voll und ganz. Man muss prüfen, wie man in bestimmten Fällen die Arbeitskraft von Flüchtlingen nützen kann, wenn diese arbeitsfähig und arbeitswillig sind. Warum sollen diese dann nicht selbst zum eigenen Unterhalt beitragen? Ich finde die Haltung des ÖGB-Präsidenten verantwortungsvoll und mutig!

ÖSTERREICH: Wie sehr be­unruhigt es Sie, dass Öster­reicher sich den ISIS-Terrormilizen anschließen und in den „heiligen Krieg“ ziehen?
Fischer: Ich will es nicht verschreien, aber in den vergangenen Jahren hatten Terrorströmungen in Österreich weniger Einfluss als in den 70er-Jahren. Denken Sie beispielsweise an den OPEC-Überfall. Letztlich können sich terro­ristische Bewegungen nie durchsetzen, das Konzept des Terrors führt immer in eine Sackgasse. Aber es wird in dieser Zeit in ­bestimmten Regionen schreckliches Unheil angerichtet. Meiner ­Information nach haben sich rund 150 Österreicherinnen und Österreicher – von 8 Millionen Einwohnern – für Terror­aktivitäten anwerben lassen. Viele von ihnen werden letzten Endes mit dem Leben bezahlen. Ihre Eltern und Verwandten sind zu ­bedauern. Wir müssen in Österreich alles unternehmen, damit die Zahl derer reduziert wird, die sich ­verführen und ­verleiten lassen, sich auf die Un­sinnigkeit, Inhumanität und Aussichtslosigkeit dieser brutalen Bewegungen einzulassen.

ÖSTERREICH: Was fordern Sie hier ein?
Fischer: Es muss in der Schule ansetzen. Und unsere Sicherheitsbehörden und Administrationen müssen vorbereitet sein: Es sollte nicht länger möglich sein, dass 14-Jährige ohne Zustimmung der Eltern nach Syrien reisen können.

ÖSTERREICH: Wenn diese Jugendlichen – ich spreche hier zwei Mädchen aus Wien an – zurück nach Österreich wollen: Sollen sie straffrei zurückkommen können?
Fischer: Sie sollen straffrei zurückkommen können, wenn kein strafbarer Tat­bestand gesetzt wurde. Ansonsten sind die Gesetze ­anzuwenden.

ÖSTERREICH: Sie haben vor rund 50 Tagen einen Teil der Regierung neu angelobt. Seither hat sich die Performance der Koalition verbessert. Zufrieden?
Fischer: Ich denke, es hat ein bisschen Sauerstoff in die Regierung gebracht. Das begrüße ich, weil die nächsten Jahre nicht einfach sein werden. Die Konjunkturprognosen zeigen, dass das Wirtschaftswachstum sehr flach bleibt. Die Regierung muss sich anstrengen, um das Projekt Österreich erfolgreich weiterzubringen!

ÖSTERREICH: Sie selbst sind seit mehr als 10 Jahren im Amt. Wie anstrengend ist es für Sie – beispielsweise jetzt Hunderte Hände am Tag der offenen Tür heute am Nationalfeiertag zu schütteln?
Fischer: Ich habe mein Amt im Alter von 66 Jahren angetreten, da sind viele schon in Pension. Jetzt bin ich 76, da sind fast alle in Pension. Aber mir macht meine Aufgabe nach wie vor Freude. Ich sage zwar meinen Freunden, dass ich das Gefühl habe, dass manche Berge in den vergangenen Jahren ein Stück steiler geworden sind. Aber ich nehme mir für die Strecke einfach länger Zeit. Die nächsten 1,5 Jahre bis zum Juli 2016 werde ich jedenfalls mit Schwung und Freude weiterarbeiten.

ÖSTERREICH: Aber wie tanken Sie Energie?
Fischer: Ich mache in der Früh Gymnastik und benütze hier im Haus keine Lifte. Wenn ich am Wochenende einen freien Tag habe – wie vergangenen Sonntag –, dann gehe ich auf einen Berg. Vielleicht gehört zu all dem aber auch das Glück ­einer guten Konstitution dazu – mein Vater wurde mehr als 90 Jahre alt.

ÖSTERREICH: Ernähren Sie sich gesund?
Fischer: Ja, ich halte mein Gewicht seit 35 Jahren und steige jeden Tag in der Früh auf die Waage, um Abweichungen festzustellen. Wenn ich mehr als ein Kilo mehr habe, dann wirkt sich das sofort auf den Küchenplan meiner Frau aus. Ich rauche nicht und mein Konsum an Alkohol ist sehr maßvoll. Am gefährlichsten für mich sind Süßigkeiten.

ÖSTERREICH: Sie sprechen ­Ihre Frau an. Bei Amtsantritt haben Sie erzählt, dass sie ­Ihnen die Haare im Bad schneidet. Ist das noch so?
Fischer: Ja, erst am ver­gangenen Wochenende hat meine Frau mir wieder die Haare geschnitten. Aber im Freien, weil das Wetter so schön war.

ÖSTERREICH: Sie sind noch bis 2016 im Amt. Dennoch starten die Spekulationen über mögliche Nachfolger. Halten Sie es für schwierig, wenn ein Nachfolger erst im Alter von über 70 das Amt ­antreten würde?
Fischer: Der Geburtsschein ist hier kein entscheidendes Argument. Ich bewundere meinen Freund, den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, der im nächsten Jahr 90 Jahre alt wird. Mir selbst kommt die Regelung unserer Verfassung, dass eine nochmalige Wiederwahl nicht mehr möglich ist, sehr vernünftig vor. Für mich ist es nicht zu früh und nicht zu spät, wenn 2016 meine Amtszeit endet.

ÖSTERREICH: Sollten SPÖ und ÖVP einen gemeinsamen Kandidaten nominieren?
Fischer: Ich meine: Nein, die Bevölkerung soll die Möglichkeit haben, auszuwählen.



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