Seltene Reise

Kanzler in Indien: Stocker in Kreiskys Fußstapfen

42 Jahre nach letztem Kanzlerbesuch in Neu-Delhi ist Christian Stocker in Indien. 

APA-Basisdienst
15.04.2026 06:01
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Stocker in Kreiskys Fußstapfen - Seltener Kanzler-Besuch in Indien

 Für Außenminister zählen Visiten hingegen zum Pflichtprogramm

Neu-Delhi (APA) - Großer Empfang zu später Stunde: Gegen Mitternacht Ortszeit ist Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) am Dienstag in Neu-Delhi angekommen, doch Premierminister Narendra Modi hat am Flughafen nicht nur den roten Teppich ausrollen und eine Ehrengarde aufmarschieren lassen - er ließ auch ein großes Willkommensplakat mit Stockers Konterfei aufstellen. Eine einmalige Investition, liegt der letzte Besuch eines österreichischen Regierungschefs in Indien doch schon 42 Jahre zurück.

Nach Bruno Kreisky und Fred Sinowatz (beide SPÖ) ist Stocker erst der dritte amtierende Bundeskanzler, der Indien besucht. Kreisky machte im Februar 1980 den Anfang, als er für eine Konferenz der UNO-Entwicklungsorganisation UNIDO nach Neu-Delhi reiste. Damals warb er für seine Idee eines globalen "Marshall-Plans" für die Entwicklungsländer. Österreich habe große wirtschaftliche Chancen in Indien, "weil die Amerikaner nicht sehr beliebt sind und die Inder großen Ländern gegenüber an sich ein wenig misstrauisch sind", bilanzierte Kreisky damals gegenüber der APA.

Vier Jahre später konnte sich Kreiskys Nachfolger Fred Sinowatz (SPÖ) bei einem fast einwöchigen Indien-Besuch bereits von österreichischen Wirtschaftsprojekten in Indien überzeugen, etwa einer Eisenbahnwartungsanlage in Neu-Delhi, und es wurden zahlreiche Wirtschaftsverträge unterzeichnet. Wenige Monate später stürzte Indien in eine tiefe politische Krise, als Premierministerin Indira Gandhi von zwei Angehörigen der religiösen Minderheit der Sikh ermordet wurde. Bei Gandhis Begräbnis Anfang November 1984 war Österreich durch Vizekanzler Norbert Steger (FPÖ) vertreten.

Fischer im Jahr 2005 auf Staatsbesuch

Seitdem hat kein Bundeskanzler mehr Indien besucht, und Bundespräsident Heinz Fischer war im Jahr 2005 das erste und bisher einzige österreichische Staatsoberhaupt in der größten Demokratie der Welt. Fischer absolvierte damals mit seiner Ehefrau Margit einen Staatsbesuch, die höchste Form der diplomatischen Wertschätzung zweier Staaten.

Hingegen zählen Indien-Besuche zum Pflichtprogramm der österreichischen Chefdiplomaten - Sebastian Kurz (2016), Karin Kneissl (2019) und Alexander Schallenberg (2022) waren jeweils auf dem Subkontinent unterwegs. Auch Wolfgang Schüssel besuchte diesen, und zwar schon als Wirtschaftsminister im Jahr 1994 mit einer großen Unternehmerdelegation.

Mit Kurz, Schallenberg und Schüssel waren drei weitere Kanzler in ihrer jeweiligen Ministerzeit in Indien. Schallenberg hat einen besonderen Bezug zum Land, verbrachte er doch als Diplomatensohn mehrere Jahre seiner Kindheit in Neu-Delhi. Mit dem aktuellen Außenminister Subrahmanyan Jaishankar pflegte er intensive Kontakte, und lud ihn im Jänner 2023 zum Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ein. Ex-Kanzler Kurz hat ebenfalls besondere Beziehungen zu Indien. Im Juli 2024 nahm er gemeinsam mit zahlreichen internationalen Stars, Politikern und Tech-Unternehmern drei Tage lang an der wohl teuersten Hochzeit der Geschichte teil, jener von Anant Ambani, des Sohnes des reichsten Mannes Asiens mit der Milliardärstochter Rhadika Merchant in Mumbai.

Nehru, Indira Gandhi und Modi hatten Österreich besucht

Stocker erwidert mit seiner Visite einen Wien-Besuch Modis vor zwei Jahren. Der damalige Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) hatte mit dem indischen Premierminister im Juni 2024 den 75. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Wien und Neu-Delhi gefeiert. Auch damals waren mehr als vier Jahrzehnte seit dem letzten Besuch auf Regierungschef-Niveau vergangen: Premierministerin Gandhi hatte im Jahr 1983 dem frisch gebackenen Bundeskanzler Sinowatz die Aufwartung gemacht. Zuvor war ihr Vater und Amtsvorgänger Jawaharlal Nehru 1955 Gast der Bundesregierung unter Julius Raab.

Nehru war wenige Wochen nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages in Wien, an dessen Zustandekommen er einen nicht unwesentlichen Anteil hatte. Als die Vertragsverhandlungen im Jahr 1953 stockten, setzte sich der indische Premierminister nämlich bei der Sowjetunion für Österreich ein - schon damals hatte Indien gute Beziehungen zu Moskau. Im Kalten Krieg war das Land federführendes Mitglied in der Bewegung Blockfreier Staaten, gemeinsam mit Jugoslawien und Ägypten. Diese Länder wollten sich weder der NATO noch dem Warschauer Pakt anschließen, wodurch sich zwangsläufig Anknüpfungspunkte zum neutralen Österreich ergaben.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit im Vordergrund

Heute hofft Österreich darauf, in Staaten wie Indien Verbündete bei der Aufrechterhaltung einer regelbasierten internationalen Ordnung zu finden, zumal auf die USA diesbezüglich kein Verlass mehr ist. Nehammer verwies anlässlich des Besuchs von Modi darauf, dass Indien der Gruppe der BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) angehört. Sie spielten im Ukraine-Krieg "eine besondere Rolle. Putin hört ihnen zu", so Nehammer.

Weil die asiatische Atommacht aber sehr spezifische Interessen hat und auf größtmögliche Unabhängigkeit bedacht ist, sind einer außenpolitischen Partnerschaft enge Grenzen gesetzt. Leichter fällt da die Kooperation im ökonomischen Bereich, und entsprechend hat auch Stockers Besuch eine betont wirtschaftliche Note. Der von Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) und Vertretern Dutzender Top-Unternehmen begleitete Kanzler hofft auf einen weiteren Schub für die österreichische Exportwirtschaft in boomenden asiatischen Land.

Im Vorjahr hatten die österreichischen Exporte nach Indien um 13,6 Prozent zugelegt und es konnte sogar ein Handelsbilanzüberschuss verzeichnet werden. In dieser Tonart soll es nun weitergehen, gerade weil die österreichischen Ausfuhren in den Rest Asiens stagnieren - und auf globaler Ebene sogar zurückgegangen sind.

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