Kern: Sein neues Leben

Neuer Kanzler

Kern: Sein neues Leben

Christian Kern muss sein Leben völlig umstellen. Als Kanzler steht er unter Zeitdruck.

Das Interview mit dem neuen Bundeskanzler Christian Kern findet im historischen Rahmen statt. Vom Kreisky-Salon aus hat der wohl populärste Bundeskanzler, den Österreich je hatte, 13 Jahre lang regiert. Auf dem Schreibtisch steht noch der legendäre Zigarren-Aschenbecher des Staatsvertrags-Kanzlers Julius Raab.

Seit Wolfgang Schüssel haben die Kanzler ihre Büros im gegenüberliegenden Teil des Hauses am Ballhausplatz. Auch Christian Kern wird nicht wieder zurücküber­siedeln, obwohl ihm Franz Vranitzky aus Gründen der Symbolträchtigkeit angeblich dazu geraten hat. Der Kreisky-Salon ist auch ihm zu dunkel und zu düster.

Er soll nur mehr für wichtige Sitzungen benützt werden.
Kanzler Kern hat freilich ­ohnehin nur wenig Zeit, sich mit innenarchitektonischen Fragen auseinanderzusetzen. Er weiß: Er muss liefern und steht unter großem Erwartungsdruck. „Ich sehe ein, dass ich keine 100 Tage Frist verlangen kann, aber über 100 Stunden brauche ich schon.“ Seine Agenda 2025, die Österreich „wieder auf die Überholspur bringen“ soll, ist ein wahres politisches Monsterprogramm.

Mehr als sechs Stunden Schlaf sind nicht drin
Sein Tag ist ausgefüllt. Auf rund 15 Stunden kommt er zurzeit. Um 22 Uhr endet sein Arbeitstag, dann kommen noch mindestens drei Stunden Aktenstudium.

Mehr als sechs Stunden Schlaf sind da nicht drin.
Mittelfristig soll sich das normalisieren. „Kreisky hat sich zum Beispiel immer Zeit zum Lesen genommen.“ Das will er auch. Und: „Auch mein tägliches Jogging-Programm werde ich nicht aufgeben.“

Dennoch macht ihm die komplette Umstellung seines Lebens zu schaffen. Die Securitys und die begleitenden Sicherheitsmaßnahmen sind gewöhnungsbedürftig. „Das habe ich ein bisschen unterschätzt“, sagt Kern.

So einfach in den Fitness-Club zu gehen, ist auch nicht mehr möglich. Deshalb wird jetzt daheim trainiert.

›Flüchtlings-Richtwert wird nicht geändert‹

Das Gespräch mit Bundeskanzler Kern wurde als Gruppen-Interview von ÖSTERREICH, Wiener Zeitung, Standard und Heute geführt. Die – vor allem persönlichen – Auszüge:

ÖSTERREICH: Wann ist Ihnen die Idee gekommen, Bundeskanzler zu werden?

Christian Kern: Ich bin nicht in der Sandkiste gesessen. Im Ernst: Das hat sich sehr kurzfristig er­geben, am Donnerstag vor der Nominierung. Natürlich hat es Gespräche im Freundeskreis gegeben, nicht nur mit Gerhard Zeiler, denn wir alle haben unter den Niederlagen ge­litten. Wenn dann diese Freunde auf dich zukommen und dich fragen: „Kannst du dir das vorstellen?“, kannst du nicht sagen: Das geht mich alles nichts an.

ÖSTERREICH: Das Verhältnis zu Deutschland war unter Faymann nicht ganz friktionsfrei. Hat sich das bereits geändert?

Kern: Das geht natürlich nicht durch ein einziges Telefonat. Es hat ein sehr gutes und konstruktives Gespräch mit Angela Merkel gegeben. Das ist eine Basis.

ÖSTERREICH: Wünschen Sie sich bei der FPÖ eigentlich Heinz-Christian Strache oder Norbert Hofer als Gegenüber?

Kern: Das ist mir einerlei. Ich habe nur mit Interesse festgestellt, dass offensichtlich in der FPÖ ein Richtungsstreit ausgebrochen ist.

ÖSTERREICH: In Deutschland bekommen Asylwerber viel schneller eine Arbeitserlaubnis als bei uns. Ist das vernünftig? Planen auch Sie hier Anpassungen?

Kern: Mir ist klar, dass das angesichts der Arbeitsmarktsituation nicht po­pulär ist, aber das ist sicher vernünftig. Wir müssen den Menschen eine Perspektive geben und sie nicht in die ­Illegalität drängen.

ÖSTERREICH: Im August ist die Flüchtlingsobergrenze ­erreicht. Was passiert mit Flüchtling Nr. 37.501?

Kern: Wie viele Menschen können wir aufnehmen? Der Richtwert von 37.500 scheint mir vernünftig, dieses Paket sollten wir nicht wieder aufschnüren.

ÖSTERREICH: Was passiert dann mit dem 37.501. Flüchtling?

Kern: Dann tritt die Not­verordnung in Kraft.

ÖSTERREICH: Sie wollen eine Agenda 2025. Der deutsche Kanzler Schröder ist mit seiner – am Ende erfolgreichen – Agenda 2010 abgewählt worden …

Kern: Wir dürfen nicht nur furchtsam auf die nächste Wahl schielen. Ich habe nicht vor, die SPÖ in die Opposition zu führen, aber am Ende des Tages sind Grundsätze wichtiger als der nackte Machterhalt.

ÖSTERREICH: Haben Sie schon Ihren Vorgänger getroffen?

Kern: Werner Faymann besuchte mich am Mittwoch.

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