Briefwähler sorgen für Überraschung

Neues Gesamtergebnis

Briefwähler sorgen für Überraschung

Einen Rekord von 925.090 abgegebenen bzw. 917.927 gültigen Stimmen erreichten die Briefwähler bei der Nationalratswahl - und sie haben kräftig umgerührt. Die Mandatsstände aller Parteien haben sich gegenüber Sonntag verändert. Wahlsieger ÖVP verlor zwei auf 71 Mandate. Die Grünen profitierten stark: Sie bekamen noch drei Mandate auf 26 dazu - und haben jetzt ihr bestes NR-Ergebnis aller Zeiten.

Auch Neos schnitten in der am Montag ausgezählten Briefwahl überdurchschnittlich gut ab - und stocken noch um ein Mandat auf 15 auf. Die Wahlverlierer verloren noch jeweils einen weiteren Nationalratssitz - sodass die SPÖ künftig nur mehr 40 und die FPÖ 31 Abgeordnete stellen wird.



Die Verschiebungen änderten jedoch nichts an den möglichen Koalitionsmehrheiten: Die ÖVP hätte sowohl mit dem bisherigen Partner FPÖ, als auch mit der SPÖ und den Grünen die Mehrheit im Parlament. Eine rot-blaue Koalition - vor der die ÖVP im Wahlkampf immer warnte - ist weit entfernt davon, die Hälfte (92) der 183 Abgeordneten zu stellen. SPÖ und FPÖ kommen zusammen nur auf die 71 Mandate, die die ÖVP jetzt schon alleine hat.
 

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Zweitschlechteste Wahlbeteiligung seit 1945

Die 925.090 vor dem Wahlsonntag am Postweg oder direkt bei Bezirkswahlbehörden abgegebenen Briefwähler-Stimmen haben die Wahlbeteiligung zwar noch kräftig erhöht - von 60,61 Prozent in der Urnenwahl am Wahlsonntag auf nunmehr 75,07 Prozent. Aber das ist dennoch der zweitschlechteste Wert der Zweiten Republik. Nur 2013 war die Beteiligung mit 74,91 Prozent noch ein wenig schwächer.

Bei der ersten von ÖVP-Chef Sebastian Kurz ausgerufenen vorzeitigen Wahl im Jahr 2017 war das Interesse kräftig auf 80,00 Prozent gestiegen. Als Kurz jetzt - nach dem "Ibiza-Gate"-Crash der türkis-blauen Regierung - schon nach zwei Jahren wieder zu den Urnen rief, gab es wieder deutlich mehr Briefwähler.

Um eine Spur wird die heurige Beteiligung allerdings noch steigen: Denn am Donnerstag sind noch - nach Schätzung der Hochrechner - 30.000 bis 40.000 Wahlkarten auszuwerten. Dann steht das Ergebnis der Nationalratswahl endgültig fest. Amtlich wird das Ergebnis allerdings erst mit der Sitzung der Bundeswahlbehörde am 16. Oktober.
 

Wahl-Beben in Wien: Erstes 20er-Ergebnis und 10 grüne Bezirke

In Wien bescherten die Briefwähler den Grünen eine Premiere: Mit 20,60 Prozent (nach Auswertung der ersten Wahlkarten-Tranche) schafften sie dort ihr erstes Nationalratswahl-Ergebnis über der 20er-Marke. Wienweit blieb die Reihenfolge - SPÖ, ÖVP, Grüne, FPÖ, Neos - zwar gleich. Aber auf Bezirksebene nahmen die Grünen der SPÖ noch vier erste Plätze ab. ÖVP und Neos bekamen durch die Briefwahl ein Wien-Mandat dazu.

Nach der Montags-Auszählung liegen die Grünen nun in zehn Wiener Bezirken vorne. Das ist mehr, als die SPÖ oder die ÖVP für sich reklamieren dürfen, die in acht bzw. fünf Bezirken den ersten Platz erringen konnten.

Die Ökopartei hat massiv von den im Wahlkreis abgegebenen Briefwahlstimmen profitiert. Sie konnte damit auch noch die Leopoldstadt, die Landstraße sowie Margareten und Hernals der SPÖ abnehmen - nachdem sie schon im vorläufigen Ergebnis vom Wahlsonntag in Wieden, Mariahilf, Neubau, der Josefstadt, im Alsergrund sowie in Währing - das sie der ÖVP abknöpfen konnten - Erste war.

Die SPÖ verlor durch die Briefwahl-Auszählung noch ein wenig, behielt aber wie erwartet ihren einzigen ersten Platz auf Landesebene. Mit nun nur mehr 27,3 Prozent fuhren die Sozialdemokraten allerdings das schlechteste jemals in Wien erzielte Ergebnis ein. Hinter der SPÖ liegt die ÖVP (24,6 Prozent) vor den Grünen, deutlich dahinter die FPÖ (12,9) und Neos (9,8).

Verändert haben die 219.977 gültigen Briefwahlstimmen in Wien den Mandatsstand: ÖVP und Neos bekamen je eines dazu - womit die ÖVP nun acht Wiener Abgeordnete (plus 1) stellen kann, die SPÖ neun (minus 2), die Grünen sechs, die FPÖ vier (minus 3) und Neos drei (plus 1).

Briefwahl beschert SPÖ Rang 2 vor FPÖ in der Steiermark
 

In der Steiermark gewann - mit Auszählung der Briefwahl am Montag - die SPÖ das Duell der Wahlverlierer: Mit 19,3 Prozent wurden die Sozialdemokraten letztlich doch noch Zweite vor der FPÖ (18,5 Prozent) - die auch noch eines ihrer fünf Mandate vom Sonntag verlor. Erste war diesmal die ÖVP mit 39,0 Prozent; damit haben die Steirer in den letzten vier NR-Wahlen vier Varianten der Reihung geliefert.

Denn 2008 lag die SPÖ vor ÖVP und FPÖ. 2013 setzte sich die FPÖ knapp vor der SPÖ an die Spitze, die ÖVP war Dritte. 2017 holte sich die ÖVP Platz 1, die FPÖ lag deutlich vor der SPÖ vorne. In der heurigen "Ibizagate"-Wahl baute die ÖVP ihre Spitzenposition stark aus - und dahinter kommt jetzt die SPÖ knapp vor der FPÖ.

In der Landeshauptstadt Graz rückten die Grünen (27,0 Prozent) mit den Briefwahl-Stimmen der ÖVP (28,4) noch sehr nahe, aber für Platz 1 reichte es nicht. Dahinter liegt die SPÖ mit nur 16,2 Prozent.

 

SPÖ in Vorarlberg nur mehr 5., in Tirol 4.
 

Im Westen Österreichs wurde die SPÖ durch die Briefwähler degradiert: In Tirol zogen die Grünen mit der Wahlkarten-Auszählung am Montag an den Sozialdemokraten vorbei - die damit erstmals auf Platz 4 abfielen. In Vorarlberg setzte es gar den ersten fünften Platz bei einer Nationalratswahl, weil auch noch die Neos letztlich mehr Stimmen bekamen als die SPÖ.

24.167 Wähler konnte die SPÖ in Vorarlberg (laut vorläufigem Ergebnis nach Auszählung der ersten Wahlkartentranche) nur mehr für sich gewinnen - erlitt damit zwei Wochen vor der dortigen Wahl ein Minus von 4,7 Prozentpunkten auf nur mehr 13,16 Prozent ein. Da NEOS auch ohne den Vorarlberger Parteigründer Matthias Strolz 24.880 Wähler fanden - was ein Plus von 4,5 Prozentpunkten auf 13,5 Prozent bedeutete - blieb für die SPÖ nur mehr Platz 5 hinter ÖVP, Grünen, FPÖ und Neos übrig.

Auch in Tirol rangiert die SPÖ jetzt schlecht wie nie zuvor: Nachdem die Grünen mit der ersten Briefwahltranche noch auf 14,7 Prozentpunkte zulegten, zogen sie an der SPÖ mit ihren 13,0 Prozent vorbei. Nicht ganz reichte es allerdings, um der FPÖ Platz 2 streitig zu machen: Denn 56.752 Tiroler wählten blau und 56.478 grün. Aber die Grünen bekamen ein Mandat dazu - sodass sie künftig zwei Tiroler Abgeordnete stellen werden. Dafür muss die ÖVP auf eines ihrer im Sonntagsergebnis ausgewiesenen sieben Mandate verzichten.

In Oberösterreich bewirkten die Briefwähler - da die Parteien schon im Sonntags-Ergebnis ziemlich weit auseinanderlagen - zwar keine Umreihungen. Aber sie verschafften den Grünen ein viertes Mandat.

Am Donnerstag müssen zwar noch die am Sonntag in Wahllokalen abgegebenen Briefwähler- und Wahlkartenstimmen ausgewertet werden. Das werden allerdings voraussichtlich weniger als 50.000 sein - womit weitere Mandatsverschiebungen unwahrscheinlich sind.
 

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