Ägypten: "So erlebe ich den Aufstand"

Karl Wendl in Kairo

Ägypten: "So erlebe ich den Aufstand"

Ägypten im Chaos. ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl berichtet aus Kairo.

Das war die Live-Berichterstattung zu dem Aufruhr in Ägypten am Sonntag. Alle Informationen des heutigen Tages hier zum Nachlesen.

22:19  Das Außenministerium in Berlin hat aufgrund der angespannten Sicherheitslage in Ägypten seine Reisehinweise für das Land weiter verschärft. "Das Auswärtige Amt rät von Reisen nach Ägypten aufgrund der instabilen Lage derzeit ab", teilte das Amt am Sonntagabend mit.

22:00 Die ägyptische Polizei soll am Montag zurück auf die Straßen. Nur am Tahrir-Platz werde es zunächst keine Polizeipräsenz geben.

21:21 Die ägyptische Regierung hat die Ausgangssperre ausgeweitet. Sie gelte ab Montag von 15.00 Uhr bis 08.00 Uhr (Ortszeit, 14.00 Uhr bis 07.00 Uhr MEZ) am folgenden Morgen, berichtete das Staatsfernsehen am Sonntagabend. Damit beginnt die Sperre eine Stunde früher.

20:41 Unter dem Jubel tausender Demonstranten im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt Kairo hat der Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei den Ton gegen Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak weiter verschärft. Das Land stehe "am Beginn einer neuen Ära", rief der Friedensnobelpreisträger der Menge am Sonntagabend zu.

20:20 Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat an Präsident Hosni Mubarak appelliert, die angekündigten Reformen umzusetzen und auf Gewalt zu verzichten. Sie habe Mubarak bei einem Telefonat am Sonntagnachmittag vor allem gemahnt, einen Dialog mit der Bevölkerung zu führen und "auf deren berechtigte Forderungen einzugehen", teilte die Bundesregierung mit.

19:57  Wegen Chaos und Gewalt fliehen immer mehr Bürger der ägyptischen Oberschicht aus dem Land. Am Sonntag seien bis zum Beginn der Ausgangssperre erneut 45 Privatflugzeuge vom Flughafen Kairo gestartet, mit denen Unternehmer, Diplomaten und Künstler sowie ihre Familien ausflogen.

19:19 Angesichts der Unruhen haben mehrere Länder Vorbereitungen getroffen, ihre Staatsbürger auszufliegen. Das Auswärtige Amt in Berlin bat die deutschen Fluggesellschaften, zu prüfen, ob zusätzliche Linienflüge aus der Hauptstadt Kairo bereitgestellt werden können. Auch die USA, die Türkei sowie verschiedene europäische Länder aktualisierten ihre Reisewarnungen und schickten zum Teil zusätzliche Flugzeuge zur Ausreise.

18:54 US-Außenministerin Hillary Clinton hat von Ägyptens Staatschef Hosni Mubarak einen "geordneten Übergang" zu einem demokratischen System verlangt. Mubarak, der "noch immer an der Macht" sei, müsse "das Notwendige unternehmen", um "demokratische und wirtschaftliche Reformen" herbeizuführen, sagte sie am Sonntag.

18:22 Die Proteste in Ägypten gefährden auch die antiken Kunstschätze des Landes. Im Ägyptischen Museum, wo der Schatz des Tutanchamun ausgestellt ist, kam es zu Plünderungen und Zerstörungen. Arabische Fernsehsender zeigten Bilder von umgestürzten Figuren und eingeschlagenen Vitrinen in der weltberühmten Antikensammlung. Die langjährige Direktorin des Museums, Wafaa el-Saddik, machte Wachpersonal und Polizisten dafür verantwortlich. Mittlerweile werde das Museum vom Militär geschützt.

Diashow: Ausnahmezustand in Kairo

17:52 Der ägyptische Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei hat sich am Sonntag ungeachtet eines Hausarrests einer Demonstration gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak angeschlossen. ElBaradei wolle sich in einer Rede an die Menge auf dem Tahrir-Platz wenden.

17:40 Auch die ägyptischen Muslimbrüder fordern einen Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak und riefen die Opposition zur Bildung einer Regierung der Nationalen Einheit auf. Mit dem Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei gebe es bereits Gespräche, sagte der Sprecher der Muslimbrüder, Dschamal Naser.

17:13 Die ägyptische Armee zeigte zum Beginn der Ausgangssperre um 16.00 Uhr Stärke. Kampfjets überflogen den Tahrir-Platz im Tiefflug, während Soldaten in zusätzlichen Fahrzeugen auf den Platz vorrückten. Die Armee rief die Bürger auf, sich an die Ausgangssperre zu halten.
 

16:52 Auch in Wien wurde gegen die ägyptische Regierung protestiert. Alle Infos hier !

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Ägypten:
× Ägypten:
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16:40 Tausende Demonstranten setzen ihre Proteste gegen das Regime des ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak auch am Sonntag trotz einer Ausgangssperre fort. Auf dem zentralen Tahrir-Platz in der Hauptstadt Kairo hielten sich eine Stunde nach Beginn der Ausgangssperre etwa 7.000 Demonstranten auf.

16:18 China hat am Sonntag die Internet-Suche nach dem Stichwort "Ägypten" blockiert. Die Blockade gilt für sogenannte Mikro-Blog-Funktionen chinesischer sozialer Netzwerke wie Sina.com und Sohu.com. Eine entsprechende Suchanfrage auf den Twitter-ähnlichen Seiten ergab entweder kein Ergebnis oder einen Hinweis auf entsprechende gesetzliche Einschränkungen.

15.44 Ein AUA-Flug von Kairo nach Wien hat sich verzögert. Die Flugzeug-Crew konnte wegen der Unruhen nicht zeitgerecht zum Flughafen kommen, hieß es am AUA-Schalter des Wiener Flughafens. Ob und wann die Maschine Richtung Österreich starten wird, ist noch nicht bekannt. Sie hätte planmäßig um 13.50 Uhr in Wien landen sollen.

15.38 Kampfflugzeuge überfliegen den zentralen Tahrir-Platz im Tiefflug, während Soldaten mit mindestens 16 Fahrzeugen auf den Platz vorrücken, berichteten Augenzeugen wenige Minuten bevor um 16.00 Uhr (15.00 MEZ) wieder eine Ausgangssperre formal in Kraft trat.

15.10 Arabische Staaten beginnen, ihre Bürger verstärkt auszufliegen. Bisher habe es mehr als zwölf Evakuierungsflüge vor allem nach Jordanien, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und in die Golf-Emirate gegeben, erklärte die Flughafenverwaltung. Ein Augenzeuge berichtete, auf dem Airport gebe es ein "fürchterliches Gedränge". Es warten vor allem viele US-Bürger, Türken und Italiener auf ihren Abflug.

15.02 In Maadi im Süden von Kairo, wo auch viele Ausländer leben, wird ein Supermarkt der französischen Kette Carrefour geplündert. Viele Bewohner von Maadi haben bereits ihre Häuser aus Angst um ihre Sicherheit verlassen. Entweder kehrten sie gleich in ihre Heimatländer zurück oder sie suchten Zuflucht in einem der gut geschützten Luxushotels in Kairo.

14.35 In der Kairoer Innenstadt haben sich erneut Tausende Menschen versammelt. Die Stimmung ist friedlich. Aus allen Richtungen strömen die Menschen auf den zentralen Tahrir-Platz. Über der Stadt kreisen Hubschrauber des Militärs.

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Tahrir
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13.53 Nach 30 Jahren Mubarak "reicht es", sagte ein Demonstrant, ein Anhänger radikaler Islamisten. "Die Regierung will, dass die Bevölkerung Mubarak angesichts der chaotischen Zustände für die einzige Lösung hält", sagte anderer mit Blick auf Gerüchte, dass die politische Führung das Chaos bewusst fördern könnte, um später mit harter Hand einzugreifen.

13.40 Präsident Mubarak hat nach einem Bericht des Staatsfernsehens Armee-Einheiten in einem Hauptquartier besucht. Mubarak sei auch mit dem von ihm am Vortag zum Stellvertreter ernannten Geheimdienstchef Omar Suleiman zu Beratungen zusammengekommen. Das Staatsfernsehen berichtete nicht, welches Hauptquartier der Präsident besucht hat.

13.28 Die Austrian Airlines (AUA) als auch Flyniki haben ihre für Sonntag geplanten Ägypten-Flüge wie geplant durchführen können. "Wir haben gute Kontakte im Land, sobald es die Sicherheit nicht mehr erlaubt, stellen wir die Flüge ein", sagte AUA-Sprecher Hödl. Der Flughafen Kairo selbst sei weiterhin gut erreichbar, dort sei es auch noch zu keinen Unruhen gekommen. Der Flughafen befindet sich etwa 30 bis 35 Kilometer von der Stadt entfernt.

Diashow: Ausnahmezustand in Kairo

13.10 Wachleute sollen in Kairos Museum geplündert haben: Einige der Polizisten hätten offenbar vorher ihre Jacken ausgezogen, "um nicht als Polizisten erkennbar zu sein". Eine zweite Gruppe der Täter sei von hinten über eine Feuerleiter durch die Dachfenster eingestiegen, erzählt die Direktorin des ägyptischen Museums. Auch zwei Mumien seien beschädigt worden. Dutzende Bürger bildeten am Samstag eine Menschenkette um das Ägyptische Museum, das eine der berühmtesten und wertvollsten Antikensammlungen der Welt beherbergt, um Plünderungen zu verhindern.

12.25 Ein Augenzeuge berichtete in Kairo, Hooligans hätten bereits am Samstag ein großes Gerichtsgebäude angezündet in der Stadt. Dabei seien auch viele Strafakten von den Flammen vernichtet worden. Am Rande Kairos machten Straßenräuber die Lage unsicher, wie Autofahrer berichteten.

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Kairo
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12.14 Der heimische Mineralölkonzern OMV holt derzeit seinen österreichischen Mitarbeiter und dessen Familie vorübergehend nach Österreich zurück. Derzeit beschäftigt die OMV neben dem Expatriate weitere sechs Mitarbeiter im Land. Die OMV Niederlassung selbst befindet sich in Kairo.

11.58 Die ägyptische Armee ist am Sonntag in Teile der Touristenregion Sharm el-Sheikh am Roten Meer eingerückt. Auch in Al-Arisch im Norden der Sinai-Halbinsel hätten Soldaten Stellung bezogen, berichteten Augenzeugen und Sicherheitskreise auf dem Sinai.

11.35 "In vielen Stadtteilen formieren sich Bürgerwehren gegen Plünderer. Sie riegeln ganze Straßenzüge ab, bewaffnet mit Prügeln, Golfschlägern und Flinten."

11.07 ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl aus Kairo: "Kairo macht am Vormittag einen eher ruhigen Eindruck. Über der Stadt kreisen unablässig Militärhubschrauber."

10.58 Die ägyptische Armee hat bei Einsätzen gegen Plünderer bisher 450 Menschen festgenommen. Allein in den Städten Alexandria und Ismailija hätten Soldaten mehr als 250 Kriminelle festgesetzt, berichtete der arabische Nachrichtensender Al-Arabija. Das ägyptische Staatsfernsehen meldete unterdessen, auch aus einem Gefängnis in Wadi al-Natrun nördlich von Kairo seien Tausende Häftlinge entkommen, wie zuvor schon aus anderen Haftanstalten. Die ägyptische Börse und Banken sollen bis auf weiteres geschlossen bleiben

10.45 ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl aus Kairo: "Die Polizeiinspektionen in der Stadt sind leer und größtenteils abgefackelt. Dutzende Polizei-Transporter und -Lkw stehen auf den Straßen herum, ausgebrannt wie Gerippe."

10.35 Die US-Botschaft in Kairo hat am Sonntag den Amerikanern nahegelegt, Ägypten so rasch wie möglich zu verlassen. Die Botschaft erklärte, man werde die Betroffenen so schnell wie möglich über Möglichkeiten zur Ausreise informieren. Gleichzeitig wurde eine Reisewarnung ausgegeben, in der US-Bürger aufgefordert wurden, wegen der Unruhen nicht nach Ägypten zu reisen.

10.30 "Überall in der Stadt stehen Soldaten. Sie sind extrem freundlich und sehr zurückhaltend. Ihre Panzer und Armeefahrzeuge sind mit Parolen gegen Mubarak beschmiert - die Soldaten wehren sich nicht dagegen. Auf den Straßen ist nicht ein einziger Polizist zu sehen."

10.20 ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl berichtet live am Telefon: "Ich bin gerade am Tahrir-Platz im Zentrum Kairos, wo immer die Demonstrationen starten. Hier sind geschätzte 50.000 Menschen versammelt, es kommen immer mehr. Ab 13.00 Uhr werden weitere Demonstrationen erwartet."

10.05 Die ägyptische Regierung hat den arabischen Fernsehsender Al-Jazeera abgestellt. Wie die amtliche ägyptische Nachrichtenagentur Mena am Sonntag meldete, ordnete der scheidende Informationsminister Anas el Fekki ein Empfangsverbot für den Satellitensender an. Der Sender aus Katar hatte bisher umfassend über die Proteste gegen die ägyptische Regierung berichtet.

09.25 In den Straßen des Stadtzentrums von Kairo ist es in der Früh ruhig. Zwar harrten trotz der Ausgangssperre noch Demonstranten, die den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak fordern, über Nacht auf dem zentralen Tahrir-Platz aus. Doch es sind weniger als zuletzt.

09.13 Nach Informationen des lokalen Fernsehens gelang im Gefängnis Abu Saabel, außerhalb Kairos, ungefähr 6.000 Gefangenen die Flucht. Ein weiterer Gefangenenausbruch wurde aus dem Zentralgefängnis in der Oasenstadt Fajum südlich von Kairo gemeldet. Dort sollen die Häftlinge einen Polizeigeneral getötet und einen weiteren General verschleppt haben.

08.41 Tausende Häftlinge sind aus den Gefängnissen geflohen. Darunter sind auch Schwerverbrecher und islamistische Extremisten.

08.22 Bis zum späten Abend waren noch Ausschreitungen und Plünderungen aus Kairo gemeldet worden. In den Wohnvierteln der Hauptstadt, wo das Militär nicht in Stellung gegangen war, organisierten sich Bewohner in Bürgerwehren, um sich gegen Plünderer zu schützen. Die Armee hatte die Bürger per SMS aufgefordert, die bis 0800 Uhr (0700 MEZ) geltende Ausgangssperre einzuhalten, und andernfalls "scharfen Maßnahmen" angekündigt.

08.14 Nach den heftigen Protesten der vergangenen Tage hat sich die Lage in der ägyptischen Hauptstadt in der Nacht auf Sonntag nach Medienberichten etwas entspannt. Wie eine Korrespondentin des arabischen Senders Al-Jazeera am Morgen aus Kairo berichtete, sei es in den Straßen des Stadtzentrums ruhig. Zwar hätten trotz der Ausgangssperre noch Demonstranten, die den Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak fordern, über Nacht auf dem zentralen Tahrir-Platz ausgeharrt. Ihre Zahl sei aber deutlich zurückgegangen.

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Blanke Angst. Furcht vor dem nächsten Tag. Gisela Fritz (45), eine Kärntner Juristin, die seit 16 Jahren in Kairo lebt, will nur weg: „Es eskaliert hier völlig.“ Ihre Stimme zittert, „die Stadt ist außer Kontrolle“. Sie will mit ihrem Kind nur noch raus. „Die Polizei kann oder will die Demonstranten nicht mehr stoppen“, sagt sie aufgeregt zu ÖSTERREICH.

100.000 versammeln sich Samstagnachmittag in Kairo, manche sprechen sogar von einer halben Million. In Hunderten kleinen Gruppen ziehen sie plündernd durch die Straßen, brechen verriegelte Geschäfte auf, schleppen weg, was sie tragen können. Niemand schreitet ein. Vereinzelt sind Schüsse zu hören. Es ist nicht zuordenbar, wer auf wen schießt. Nachbarschaften bilden jetzt Bürgerwehren – sie stellen sich mit Schlagstöcken vor ihre Geschäfte.

Taxler: „Mubarak hat seine letzte Chance verspielt“
Was ist hier innerhalb der vergangenen 24 Stunden geschehen? Die Polizeieinheiten, die noch in den Tagen zuvor das Straßenbild Kairos dominiert haben, sind verschwunden. Polizeigebäude wurden in der Nacht zum Samstag vom Mob gestürmt. Abgefackelt. Nach der Ansprache des greisen Präsidenten Hosni Mubarak (82) entlud sich der geballte Volkszorn: „Mubarak hat eine große Chance verspielt. Vielleicht seine letzte“, sagt mein Taxifahrer Hassan. Er chauffiert mich über Schleichwege ins Stadtzentrum. Immer wieder sehe ich auch rauchende, abgefackelte Häuser – Polizeistationen, Bezirksämter.

Der Präsident provoziert weiter. Er wirft die Regierung raus (um seinen Kopf zu retten) – setzt ausgerechnet Geheimdienstchef Omar Suleiman als seinen Stellvertreter ein (siehe Seite 2).

Mubaraks als korrupt geltenden Söhne sollen sich ins Ausland abgesetzt haben. Sohn Gamal –Generalsekretär der stärksten Partei des Landes NDP – ist nach London abgehauen. Mit ihm flüchteten die Millionäre des Landes, arabische Prinzen, Geschäftsleute in ihren Privatjets.

Ich fahre durch Kairo. Nur an den großen Straßenkreuzungen stehen Panzerwagen der Armee. Die Soldaten halten die Demonstranten nicht auf. Menschen setzen sich auf die Panzer, fahren auf dem Dach mit. Rashid, ein junger Informatikstudent, sagt zu mir: „Die Armee steht auf unserer Seite.“

Ob er sich da nicht täuscht: „Wir haben auf die Ansprache des Präsidenten gehofft. Er hat uns enttäuscht. Er ist der faule Apfel in unserem Land. Er muss weg. Nur dann können wir neu beginnen“, sagt er.

Ich arbeite mich weiter in Richtung „Platz der Befreiung“ durch. Ein neuralgischer Punkt. Ich sehe Kinder, Frauen, Alte, Junge: „Mubarak muss weg“, skandieren sie. Wut steht in ihren Gesichtern. Auch Angst. Ägypten hat keinen Nelson Mandela. Keine neue Führerfigur: „ElBara­dei kennt Ägypten nicht“, sagt ein anderer zu mir, „Baradei wird uns nicht führen können.“

Urlauber-Hotel und Nationalmuseum gestürmt
Ich fahre weiter in Richtung Qasr-El-Nil-Brücke. Hier stand das Hauptquartier von Mubaraks nationaldemokratischer Partei. Jetzt nur noch Schutt und Asche. Am Abend erfahre ich, dass Plünderer das Ägyptische Museum gestürmt, Vitrinen eingeschlagen und zwei Mumien zerstört haben – obwohl das Museum von Soldaten bewacht wird.

Was als friedlicher Protest begann, ist jetzt ins blanke Chaos gekippt. Selbst die Ablöse des gesamten Kabinetts bringt nichts: „Wir hören erst auf, wenn Mubarak und seine Clique weg sind.“

Mittlerweile bleiben auch Urlauber nicht verschont. Ein wütender Mob attackiert ein Hotel in der Nähe der weltberühmten Pyramiden von Gizeh, griff das bekannte „Ramses“-Hotel am Nil-Ufer an. Die Pyramiden wurden gesperrt.

1.000 Demonstranten versuchen, das Innenministerium zu stürmen. Polizisten erscheinen aus ihren Verstecken. Sie eröffnen das Feuer. Schießen scharf. Ein Demonstrant stirbt. Samstag um 16.00 Uhr tritt erneut die Ausgangssperre in Kraft. Niemand hält sich daran. Panzer fahren vor dem Präsidentenpalast auf. Der TV-Sender Al-Jazeera berichtet von inzwischen mehr als 100 Toten.

Seite 2: Mubarak ernennt neue Regierung

Mubarak ernennt neue Regierung

Wie zuvor in Tunesien brachten die zornigen Proteste in Ägypten die Regierung zum Sturz.

Nach der TV-Ansprache von Präsident Hosni Mubarak in der Nacht auf Samstag, in der er die Auflösung der Regierung ankündigte, ging alles ganz schnell:

  • Regierung geht. Samstagmittag nahm der Kreis um Ministerpräsident Ahmed Nazif den Hut. Ein Bauernopfer, die Ägypter wollen Mubaraks Abgang.
     
  • Vize. Nur vier Stunden später ernannte Mubarak Geheimdienstchef Omar Suleiman zu seinem Stellvertreter– das Amt war seit 1981 nicht besetzt.

Der von den USA als Nahost-Vermittler stets geschätzte General gilt als Vertrauter Mubaraks. In Ägypten sieht man die Installierung Suleimans als erstes Anzeichen dafür, dass Mubarak schon demnächst zurücktritt.

  • Ministerpräsident. Am frühen Abend wurde bekannt, dass Mubarak seinen Luftfahrtminister Ahmed Shafiq zum neuen Ministerpräsidenten ernannt und ihn mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt hat.

Alles hängt jetzt an den USA. Lässt Präsident Obama seinen Verbündeten Mubarak fallen, ist das dessen Ende. Die USA zahlen Ägypten pro Jahr 1 Milliarde Euro (!) Militärhilfe – und erkaufen sich so einen wichtigen Alliierten. Wie lange noch?

Seite 3: "Wiener" ElBaradei über das Regime

"Wiener" ElBaradei zu Regime: Brutal

Der Friedensnobelpreisträger und Ex-Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Mohammed ElBaradei, übte scharfe Kritik an Ägyptens Präsident Hosni Mubarak. In einem Interview mit dem Sender Al Jazeera sagte er, das harte Vorgehen der Polizei lasse „das brutale Gesicht dieses Regimes“ zum Vorschein kommen.

Mubarak müsse abtreten und einen Plan zur Übergabe der Macht ausarbeiten, sonst werde die Gewalt auf den Straßen nicht aufhören, sagte ElBaradei. Mubaraks Ansprache bezeichnete er als „enttäuschend“.

Hausarrest. ElBaradei war am Donnerstag von Wien nach Kairo geflogen. Bei einer Demonstration wurde er am Freitag von der Polizei in Kairo unter Hausarrest gestellt.

Der Wahl-Wiener gilt als Hoffnung der Revolution. Der 68-Jährige genießt auf der internationalen Bühne hohes Ansehen.


Seite 4: Die Ereignisse des Tages im Live-Ticker zum Nachlesen


ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl verfolgt die Proteste vor Ort in Kairo und berichtet live von der aktuellen Lage in Ägypten.

Die mit Spannung erwartete Fernsehansprache von Präsident Hosni Mubarak hat die Lage in Ägypten zunächst nicht beruhigt. Mehrere hundert Demonstranten versammelten sich Samstag früh im Zentrum der Hauptstadt Kairo und setzten die Proteste den fünften Tag in Folge fort. "Hau ab, hau ab", skandierten die Menschen an die Adresse Mubaraks gerichtet auf dem Tahrir-Platz, auf dem zahlreiche Soldaten zusammengezogen waren. Gleichzeitig pochten die Demonstranten auf einen gewaltlosen Wechsel: "Friedlich, friedlich", riefen sie.

22.11 Bei den Unruhen in Ägypten greifen Plünderer nun auch Krankenhäuser an. Eine Kinderkrebsklinik sei überfallen und ausgeraubt worden, berichteten Ärzte am Samstag. In einem Krankenhaus im Kairoer Bezirk Abbasiya hätten Ärzte Molotowcocktails hergestellt, um das Spital verteidigen zu können. Das ägyptische Staatsfernsehen zeigte am Abend erstmals Bilder von Dutzenden von Männern, bei denen es sich um festgenommene Plünderer handeln soll.

Diashow: Ausnahmezustand in Kairo


21.44  In Kairo haben Demonstranten die Zentrale der ägyptischen Steuerbehörde in Brand gesetzt. Die Flammen in dem Büroturm sind mehrere Straßenblocks weit zu sehen. Der Rauch stieg aus dem Gebäude in den Himmel über der Hauptstadt.

21.26 Bei Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten sind am Samstag südlich von Kairo mindestens zwölf Menschen getötet worden. Wie aus ägyptischen Sicherheitskreisen verlautete, hatten Demonstranten versucht, eine Polizeiwache in der Stadt Beni Sueif etwa 140 Kilometer von der Hauptstadt entfernt anzugreifen.

21.21 Mehrere westliche Botschaften in Kairo überlegen, Evakuierungsflüge für Bürger ihrer Staaten zu organisieren, weil Chaos und Plündereien zunahmen. "Wir versuchen, Gerüchte von Fakten zu trennen, aber die Fakten sind schon scheußlich genug", sagte ein Diplomat in Kairo am Samstagabend.

21.10 Wie nun bekannt wurde, kamen am Nachmittag, als die Polizei das Feuer auf eine Menschenmenge vor dem Innenministerium eröffnete, drei Menschen ums Leben. Die Demonstranten hatten versucht, das Gebäude zu stürmen.

20.44 Der ägyptische Verteidigungsminister hat die Bevölkerung in einem auf Al-Jazeera ausgestrahlten Statement aufgefordert, der Ausgangssperre Folge zu leisten und ihr Eigentum zu beschützen: "Das Ministerium bekennt sich zum Schutz der Menschen."

20.26 Am Samstag sind am Flughafen von Kairo zwischen 1.500 und 2.000 Urlauber zusammengekommen, um das Land zu verlassen - die meisten von ihnen ohne Reservierungen.

20.10 Amnesty International übt scharfe Kritik am Mobilfunkanbieter Vodafone, der das Netz in Ägypten in der vergangenen Nacht abgeschaltet hatte und erst am Morgen wieder freigab. Die Behörden in Ägypten seien technisch in der Lage, das Vodafone-Netz zu schließen, rechtfertigt sich der Provider. Wenn sie davon Gebrauch gemacht hätten, hätte es viel länger gedauert, das Netz wieder zu öffnen.

20.00 Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei, der in seiner Heimat Ägypten als Hoffnungsträger und möglicher Nachfolger Mubaraks gilt, hat erneut den Rücktritt Mubaraks gefordert. Die Berufung eines Stellvertreters und eines neuen Regierungschefs reichten nicht aus, um die Revolte gegen Mubaraks Herrschaft zu beenden, sagte ElBaradei dem arabischen Fernsehsender Al-Jazeera: "Mubarak soll sein Land so schnell wie möglich verlassen."

19.50 Die Ägypter greifen angesichts der völlig überforderten Polizei zur Selbsthilfe: Aus Angst vor Plünderungen haben Einwohner in Kairo am Samstag ihre Häuser verbarrikadiert und bewaffnete Nachbarschaftswachen organisiert. Trotz den immensen MIlitärpräsenz ziehen nach Berichten unseres ÖSTERREICH-Reporters Karl Wendl bewaffnete Gangs durch die Straßen und plündern Geschäfte und Wohnungen in den wohlhabenden Vierteln der Hauptstadt.

19.38 Die Ägypten-Urlauber der drei größten deutschen Touristikanbieter brechen ihre Reisen trotz der Unruhen in dem Land nicht ab. Von den mehreren Tausend aus Deutschland angereisten Touristen habe niemand eine vorzeitige Rückreise beantragt, so Sprecher von TUI, Thomas Cook und Rewe Touristik.

19.22 Den USA reicht die Regierungsumbildung in Ägypten nicht: "Die ägyptische Regierung kann nicht einfach die Karten neu mischen und dann stillstehen", erklärte der Sprecher des US-Außenministeriums, P. J. Crowley, am Samstag via Twitter.

19.16 Die Opferzahlen von Al-Jazeera widersprechen den offiziellen Angaben: Demnach forderten die Proteste bereits mehr als 100 Menschenleben.

19.11 Bei den Unruhen in Ägypten sind in den vergangenen zwei Tagen mindestens 62 Menschen getötet worden - das sind zumindest die offiziellen Angaben der ägyptischen Sicherheitsbeamten.

19.02 Plünderer, wie sie auch ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl beobachten konnte, haben im weltberühmten Ägyptischen Museum in Kairo zwei Mumien zerstört. Das Museum, das neben anderen unwiederbringlichen Artefakten die goldene Maske des Königs Tutenchamun aus dem 14. vorchristlichen Jahrhundert beherbergt, wurde in der Nacht auf Samstag aber nicht nur von Vandalen bedroht, sondern auch vom Feuer in der benachbarten Zentrale der Regierungspartei NDP.

18.51
"Nach wie vor gehen massenweise Leute plündernd durch die Straßen. Man sieht Gruppen von Bewaffneten, die mit Holzstöcken durch die Gegend ziehen. Es ist nicht klar, ob das Leute einer organisierten Bürgerwehr sind oder Geheimpolizei in Zivil. Es herrscht Angst", berichtet ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl live aus Ägypten.

18.30 Die Polizei hat Medienberichten zufolge vor dem Innenministerium in Kairo Schüsse in die aufgebrachte Menge abgefeuert.

18.14 Israel hat am Samstag Frauen und Kinder von Diplomaten in Ägypten aus Kairo ausfliegen lassen. An Bord der Maschine, die am Abend am Ben-Gurion-Flughafen Lod bei Tel Aviv landete, waren auch etwa 40 Touristen, wie das Außenministerium mitteilte. Die Touristen, die sich während der Unruhen der vergangenen Tage in Kairo aufgehalten hatten, hätten den Wunsch geäußert, nach Israel zurückzukehren.

18.06 Bei einer Gefängnisrevolte nahe Kairo sind nach Angaben aus ägyptischen Sicherheitskreisen acht Insassen getötet worden. Der Ausbruchsversuch in der Haftanstalt Abu Saabal sei gescheitert, hieß es am Samstag. Es gebe 123 Verletzte. Das Gefängnis liegt nordöstlich von Kairo.

17.57 Die Europäische Union hat sich vom ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak distanziert. Der ständige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy verlangte am Samstag in Brüssel von Mubarak ein Ende des scharfen Vorgehens gegen pro-demokratischer Demonstranten und die Freilassung aller politischen Gefangenen.

17.47
In der Hauptstadt ist jetzt Ausgangssperre. "Es ist zappenduster", erzählt unser Korrespondent Karl Wendl, der sich in einem Hotel in 300 Meter Luftlinie vom Privatpalast des Präsidenten entfernt befindet. "Die Gäste wurden vom Hotelmanager ins Zimmer befohlen, da man Angst hat, dass die Proteste auf die Gegend hier in Heliopolis übergreifen. Noch ist es aber ruhig hier."

17.41 Die in Ägypten lebende Gisela Fritz hat wenig Hoffung, dass sich die Lage beruhigt: "Die Polizei kann oder will die Demonstranten nicht stoppen", schätzt sie die Lage im Gespräch mit Karl Wendl ein.

17.31 ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl hat mit Gisela Fritz (45) gesprochen, eine Kärntner Juristin, die seit 16 Jahren in Kairo lebt: "Ich will nur mehr weg. Es eskaliert hier völlig, die Stadt ist außer Kontrolle", erzählt die Kärntnerin aufgeregt.

17.19 Der ägyptische Luftfahrtminister Ahmed Shafiq ist zum neuen Ministerpräsidenten des Landes ernannt worden. Staatschef Hosni Mubarak hat Shafiq mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Stunden zuvor hatte Mubarak angesichts der anhaltenden Massenproteste die gesamte Regierung entlassen. Bevor er Minister wurde, war Shafiq Chef der ägyptischen Luftwaffe.

17.10 Die Demonstranten begrüßen die Ernennung Suleimans zum Vizepräsidenten, berichtet ÖSTERREICH-Reporter Karl Wendl live aus Ägypten: "Wir hassen den Geheimdienst (den Suleiman jahrelang geführt hat, Anm.), doch wir haben Hoffnung, dass dies einen Schritt hin zu mehr Demokratie darstellt", so ein Protestteilnehmer im Gespräch mit Wendl.

16.54 Mit Geheimdienstchef Omar Suleiman hat Mubarak erstmals einen Stellvertreter ernannt. Mubarak hatte das Amt des Vize-Präsidenten seit seinem Amtsantritt 1981 unbesetzt gelassen. Suleiman gilt als enger Vertrauter Mubaraks und war auch für seine Nachfolge im Gespräch.

16.38 Präsident Mubarak macht ernst und baut sein Kabinett um - ob sich die Demonstranten damit zufrieden geben, darf bezweifelt werden: Jetzt hat Mubarak seinen Geheimdienstchef zum Vize-Präsidenten ernannt.

16.36
Weniger wagemutig waren die beiden Freundinnen Helga H. und Marlies P. - sie haben ihren Ägypten-Trip in letzer Sekunden storniert.

Helga: „Marlies wollte alleine fliegen, doch ich meinte: ‚wir sind beste Freundinnen, alleine fliegst du nicht’. Dann haben wir von der Reisewarnung erfahren und haben storniert. Wenn die da oben sagen, es ist gefährlich, dann ist es so. Das Risiko ist es nicht wert. Wir sind aber trotzdem am Flughafen. Wir setzen uns jetzt ins Kaffee und entscheiden wohin die Alternativreise geht. Es ist alles möglich: Skifahren oder Last-Minute-Strandurlaub.


16.25 ÖSTERREICH hat in Graz bei österreichischen Urlaubern nachgefragt, die am Samstag um 13.55 ins ägyptische Hurghada abgeflogen sind. Auf dem Flieger waren 135 Passagiere gebucht. Was geht den Leuten durch den Kopf, wenn sie sich trotz Reisewarnung zum Urlauben in die Krisenregion wagen? Franz Demuth (50) aus Preding fliegt mit seiner 6-köpfigen Familie auf einen einwöchigen Badeurlaub: „Wir haben entschieden: Es fliegen alle oder gar keiner – die Familie muss zusammenhalten. Diese Reise haben wir seit zwei Monaten geplant. Nur die Schwiegermutter hat ein mulmiges Gefühl.

16.16 Bei den Demonstrationen gegen die Regierung in Kairo hat es am Samstag erneut Todesopfer gegeben. Nach Angaben von Rettungskräften starben mindestens drei Menschen bei gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Innenstadt.

15.53 China sperrt die Suche nach dem Begriff "Ägypten": Wer in chinesischen Kurznachrichtendiensten nach dem Wort "Ägypten" sucht, erhält seit Samstag eine Fehlermeldung. Auf den Twitter-ähnlichen Internetseiten sina.com und sohu.com wurden Anfragen nach dem Begriff mit der Mitteilung beschieden, die Suchergebnisse könnten "wegen der geltenden Gesetze nicht übermitt



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