Russlands Krieg gegen die Ukraine könnte nach Einschätzung westlicher Sicherheitskreise in eine neue, gefährlichere Phase eintreten.
Während die ukrainische Armee zuletzt mehrere taktische Erfolge erzielt hat und Russlands Streitkräfte hohe Verluste erleiden, wächst in Europa die Sorge, dass der Kreml den Konflikt ausweiten oder die Spannungen mit der Nato gezielt verschärfen könnte.
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Vor allem im Ostsee-Raum wächst die Nervosität. Der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson erklärte gegenüber dem „Wall Street Journal“, Russland gehe bei hybriden Operationen inzwischen deutlich aggressiver vor und sei eher bereit, auch militärische Elemente einzusetzen. Besonders die baltischen Nato-Staaten sowie strategisch wichtige Inseln in der Ostsee gelten als potenzielle Risikozonen.
Auch estnische Sicherheitsbehörden beobachten die Entwicklung mit Sorge. Gleichzeitig mehren sich Hinweise, dass Russlands Armee unter enormem Druck steht. Nach Angaben des britischen Geheimdienstes GCHQ wurden seit Beginn des Krieges nahezu 500.000 russische Soldaten getötet. Andere westliche Schätzungen sprechen sogar von mehr als 1,2 Millionen russischen Verlusten insgesamt – also Tote und Verwundete zusammen.
Neue Provokationen
Gleichzeitig trifft die Ukraine zunehmend erfolgreich russische Nachschubwege und militärische Infrastruktur – auch weit hinter der Front. Damit wächst der Druck auf Präsident Wladimir Putin, neue Soldaten zu mobilisieren. Eine weitere große Einberufungswelle wäre innenpolitisch jedoch heikel, weil sie indirekt eingestehen würde, dass Russland seine Kriegsziele bislang nicht erreicht hat. Genau deshalb warnen europäische Sicherheitsexperten davor, dass der Kreml versuchen könnte, die Bedrohungslage gegenüber Europa bewusst zu verschärfen, um eine weitere Militarisierung im eigenen Land zu rechtfertigen.
Dabei geht es weniger um einen unmittelbar bevorstehenden Großangriff auf die Nato. Wahrscheinlicher erscheinen abgestufte Eskalationen: verstärkte Raketenangriffe auf die Ukraine, neue nukleare Drohgebärden, hybride Angriffe auf europäische Infrastruktur oder gezielte militärische Provokationen an den Außengrenzen des Bündnisses. Auch Desinformationskampagnen und Cyberattacken gegen europäische Staaten haben in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen.
Dennoch schließen Sicherheitspolitiker inzwischen auch härtere Szenarien nicht mehr völlig aus. Die Sorge vieler Regierungen lautet, dass Putin angesichts militärischer Rückschläge bereit sein könnte, noch größere Risiken einzugehen, um die Dynamik des Krieges zu verändern und innenpolitisch Stärke zu demonstrieren.
Länder wie Estland bereiten sich inzwischen offen auf mögliche Szenarien eines größeren Konflikts mit Russland vor. Dort werden Evakuierungsübungen durchgeführt, Nato-Manöver intensiviert und neue Drohnen- sowie Luftverteidigungssysteme aufgebaut.