RCP8.5 gilt für Klimaforscher als das schlimmste Klimaszenario. Dieses sieht eine düstere Zukunft vor. Explodierende Emissionen, extreme Erwärmung, massive Schäden würden der Erde drohen. Was jahrelang als Warnung diente, wird nun von Experten als unrealistisch bezeichnet.
Im aktuellsten UN-Klimareport bleibt RCP8.5 weiterhin eines der meistgenutzten Szenarien. RCP steht für Representative Concentration Pathway (Konzentrationspfad) und beschreibt seit 2013 zukünftige Klimaentwicklung. Sie fokussiert sich auf die Konzentration der Treibhausgase und deren zusätzlichen Energiegehalt der Atmosphäre. Die österreichische Regierung verwendet dieselbe Prognose in "Die Österreichische Strategie zur Anpassung an den Klimawandel".
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Doch wie die "Bild" nun berichtet, fehlt RCP8.5 in der neuen Sammlung des World Climate Research Programme (WCRP) komplett. Sie haben diese durch mildere und realistischere Annahmen ersetzt.
In der Wissenschaft wird das Szenario kritisiert. Laut Klimaforschern rund um den renommierten Szenarien-Entwickler Detlef van Vuuren wird RCP8.5 als "unplausibel" bezeichnet. Er hat schon früher gewarnt, dass das Szenario oft falsch dargestellt wird.
Bedeutung von RCP8.5
Doch was bedeutet RCP8.5? Mit RCP8.5 beschreiben Forscher ein Extremszenario. Dabei würden die CO₂-Konzentration zusammen mit anderen Klimagasen in der Luft so extrem stark ansteigen, dass sich die Erde massiv erwärmt. Genauer gesagt um 8,5 Watt pro Quadratmeter.
In der heutigen Zeit liegt die CO₂-Konzentration bei 420 ppm (Teilchen pro Million Luftteilchen). Um das Szenario RCP8.5 zu erreichen, wird eine Konzentration von CO₂ und ähnlichen Gasen von 1400 ppm benötigt. Aktuell sorgt die Menschheit für eine Zunahme von zwei bis drei ppm CO₂ pro Jahr.
Bis zum Ende des Jahrhunderts würden weitere 3200 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Umwelt gelangen, wenn das Niveau konstant bleiben würde. Laut Forschern gilt selbst diese Prognose durch die eingeleitete Energiewende als unrealistisch. Beim RCP8.5-Szenario wäre nicht einmal die Hälfte erreicht.
Unrealistisches Szenario
RCP8.5 geht von einem extremen Zuwachs von fossilen Energien aus, vor allem der Nutzung von Kohle. Pro Tag müsste die Menschheit mehr als ein Kohlekraftwerk errichten, die Kohleverbrennung verfünffachen und den jährlichen CO₂-Ausstoß verdoppeln. Diese Steigerung gilt in naher Zukunft als unwahrscheinlich. Die globalen CO₂-Emissionen steigen seit einem Jahrzehnt fast kaum. Sie bleiben knapp beim Rekordniveau von über 40 Milliarden Tonnen pro Jahr.
Die Kritik über RCP8.5 ist nichts Neues. Schon 2014 bemerkte der Klimawissenschaftler Justin Ritchie, dass das RCP8.5-Szenario einen extremen Kohle-Boom voraussetzt. Anzeichen dafür gab es keine. Laut Ritchie basiere das Szenario auf einem "systematischen Fehler". Seine Arbeit wurde von den meisten ignoriert. Eine weitere Studie aus dem Jahr 2017 ergab ein ähnliches Fazit. RCP8.5 war nie ein realistisches Szenario.
Vereinte Nation kehrten RCP8.5 den Rücken
Vor allem in den vergangenen Jahren wurde die Kritik von Klimaforschern lauter. Sie meinen, dass das RCP8.5-Szenario die Klimadebatte zu sehr dominieren würde. Selbst das Klimasekretariat der Vereinten Nationen ging schon vor fünf Jahren davon aus, dass der Erwärmungstrend der Erde dem Szenario RCP4.5 folgt. Damit würde sich die globale Erwärmung im Vergleich zum 19. Jahrhundert auf drei Grad Celsius betragen. Seit 2020 erschienen vermehrt Studien und Kommentare in der Klimawissenschaft, dass das RCP8.5-Szenario nicht realistisch sei.
Trotzdem gibt es keine Entwarnung. Die globale Erwärmung kann weiterhin die Drei-Grad-Marke überschreiten. Laut dem Szenarien-Forscher Zeke Hausfather vom Klimainstitut Berkeley Earth bringt das neue Klimaszenario ebenfalls hohe Risiken mit. Die Kontinente erwärmen sich mehr als der Durchschnitt. Mancherorts drohen vermehrt Dürre und Starkregen. Der Meeresspiegel wird weiter steigen. Gletscher und Eiskappen schmelzen.
Mehrere Alternative
Mit dem RCP wollten Forscher Klimaeffekte untersuchen. Wie die "Bild" schreibt, hat eine Expertengruppe 2008 erklärt: "Die RCPs sind vorzugsweise gedacht, als CO₂-Konzentrationspfade zu dienen, um die Klimamodellierung anzutreiben, sie basieren nicht auf vollkommen in der Literatur ausgearbeiteten Szenarien."
RCP8.5 dominierte schnell nach der Einführung die Berichterstattung und den öffentlichen Diskurs. Damit überschattete das Szenario weitere Alternativen. Neben RCP8.5 gibt es noch RCP2.6, RCP4.5 und RCP6.0.
Lobbyarbeit für erneuerbare Energie
Zusätzlich lobbyierte eine Gruppe rund um den Milliardären Tom Steyer und Michael Bloomberg in den USA mit dem Szenario, um die Unterstützung für erneuerbare Energie zu erhöhen. Sie finanzierten Studien und beauftragten die Rhodium Group, einen Dienstleister für Wirtschaftsanalysen, mit der Erstellung eines Klimareports.
Mit dem "Risky Business" zeichneten sie eine düstere Zukunft. Der Report wurde Thema bei der Konferenz der American Geophysical Union und dem bedeutenden Wissenschaftsmagazin "Science". Unter anderem behauptete die Arbeit, dass die US-Wirtschaft um zehn Prozent zurückgehen würde und eine Erwärmung um acht Grad bis Ende des Jahrhunderts möglich sei.