Margin Call: Der große Crash

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Margin Call: Der große Crash

Seit 8.12 können Kinobesucher Mäuschen spielen hinter die Fassaden jener Wolkenkratzer blicken, von denen aus die Welt regiert wird: Diese Möglichkeit bietet der Finanzthriller "Margin Call - Der große Crash", in dem Regiedebütant J.C. Chandor den Vorabend der Finanzkrise als Kammerspiel nachzeichnet. Konventionell und klischeegespickt entlarvt er vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der Großbank Lehman Brothers im September 2008 die Mechanismen des Finanzsystems und verheerenden Fehlentscheidungen einzelner Investmentbanker - dargestellt von einem Top-Cast von Kevin Spacey über Jeremy Irons und Paul Bettany. Ab Donnerstag (8. Dezember) im Kino.



Rauer Wind an der Wallstreet
Durch die Wall Street weht schon länger ein rauer Wind. An einem Herbstmorgen streifen Fremde mit ernsten Mienen durch die Gänge einer der zahlreichen New Yorker Investmentbanken und zitieren Angestellte zu sich. Danach ist die Abteilung unter Sam Rogers (Spacey) nur noch halb so groß wie vorher. Auch den erfahrenen Risikoanalysten Eric Dale (Stanley Tucci) hat es getroffen. Bis zu seiner fristlosen Entlassung hat er sich mit der Recherche sensibler Daten befasst, die er nun seinem Schützling Peter (Zachary Quinto) auf einem USB-Stick zusteckt. Dazu die Botschaft: "Sei vorsichtig."

Erschreckende Gewissheit
Das junge Mathematik-Genie kommt nach einigen Stunden vor dem Computer auf die erschreckende Gewissheit, dass die Bank kurz vor dem Ruin steht - und die gesamte Finanzwelt mit sich in den Abgrund reißen wird. Im Laufe der Nacht vergrößert sich der Kreis der Eingeweihten vom jungen Kollegen Seth (Penn Badgley) und den Vorgesetzten Emerson (Bettany) und Rogers über Risikoanalystin Sarah Robertson (Demi Moore) immer mehr - bis Konzernchef John Tuld (Jeremy Irons) den Verkauf der wertlos gewordenen Wertpapiere anordnet, um seine eigene Firma und damit sich selbst aus dem Gröbsten rauszureißen. Ein aussichtslos scheinender Rettungsversuch zwischen Moral, Schuldgefühl und Geldgier nimmt seinen Lauf.

Die Katastrophe
Die große Katastrophe, auf die der Film hinarbeitet, spart Chandor aus. Das böse Ende spielt sich im Kopf der Zuschauer ab, die durch die Nachrichtensendungen der vergangenen Jahre nur allzugut mit den verheerenden Folgen der Finanzkrise vertraut sind. Schließlich ist auch "Margin Call" nur eine Bebilderung unserer Vorstellung des großen Übels - und unserer manifestierten Vorstellung vom scheinbar undurchschaubaren Bankwesen. Vom naiven, aufstrebenden Trader, dessen Karriereanfang zugleich zum -ende wird (Badgley), über den zynischen, sein Gehalt für Prostituierte und Alkohol verprassenden Schwerverdiener (Bettany) und den inkompetenten, arroganten Chef-Liebling (Simon Baker als Jared Cohen) bis hin zum erbarmungslosen Kapitalisten und Oberboss (Irons) findet jeder zu erwartende Charakter seinen Platz.

Klischeehafter Rollenbilder und konventioneller Bildgestaltung
Doch Chandor übt sich inmitten klischeehafter Rollenbilder und konventioneller Bildgestaltung durchaus in Differenzierung, weicht ab von der Diffamierung böser Banker und zeigt eine systemische statt einer individuellen Schuld an den Ereignissen auf. Dass auch Laien dem in seiner Nüchternheit fesselnden Plot folgen können, liegt daran, dass Chandor weniger auf wirtschaftswissenschaftliche Details als auf die Illustration einer Chronologie von Fehlentscheidungen und den Menschen dahinter setzt. In der knapp 24 Stunden umrahmenden und in nur 17 Tagen gedrehten Handlung verlässt die Kamera nur selten die Büroräume weit über den Straßen New Yorks und mutiert so zu einem Kammerspiel in kühler, chromblanker, seelenloser Umgebung.

Konzentration aud das Wesentliche
Die Konzentration auf wenige Räume ist nicht nur auf die unabhängige Produktion zurückzuführen, für die ein Trio rund um Darsteller Zachary Quinto verantwortlich zeichnete, sondern auch auf Chandors Vertrautheit mit dieser Welt. Immerhin war sein Vater fast 40 Jahre lang bei der New Yorker Investmentbank Merrill Lynch tätig. "Ich kenne viele dieser Leute, und deshalb weiß ich, dass sie nicht das personifizierte Böse sind", sagt der Regiedebütant. Mit der Rolle des Sam Rogers schuf er die wohl stärkste glaubwürdige Moralinstanz im Film: Einen alten Hase im Geschäft, der im Laufe der Jahre wohl zu oft weggesehen hat. Und abends nicht über verlorene Wertpapiere, sondern seinen soeben eingeschläferten Hund trauert. Banker sind eben auch nur Menschen.

Ibfo
Informationen zum Film finden sich auch auf der Homepage www.dergrossecrash-derfilm.de.
 

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